"Grad so ein Viech wie Sie!"

10. April 2015, 09:00
posten

Mit dem verzwickten Fall des "Professors Bernhardi" nehmen sich die Festspiele Reichenau eines ebenso schwierigen wie ingeniösen Werks aus der Feder von Arthur Schnitzler an. Ein jüdischer Starmediziner gerät in die Mühlen antisemitischer Umtriebe

Professor Bernhardi ist die gute Seele einer Gesellschaft, die an sich selbst nicht mehr glaubt. Eine sogenannte Kleinigkeit lenkt den Hass honetter Liberaler auf ihn. Die Euphorie einer Sterbenden veranlasst den angesehenen Klinikleiter, dem Priester den Zutritt zu ihr zu verwehren. Die Arme stirbt zwar glücklich, aber sakramental ungetröstet. Bernhardi muss als Wiener Wiedergänger des weisen Nathan Schimpf über sich ergehen lassen.

Professor Bernhardi, 1912 uraufgeführt, ist womöglich Arthur Schnitzlers (1862-1931) merkwürdigstes Stück. Allen Ernstes als "Komödie" bezeichnet, zeigt das Werk die deutliche Morgendämmerung eines Antisemitismus, der sich nur zwei Jahrzehnte später nicht mehr mit Verunglimpfungen zufriedengeben wird. Hermann Beil inszeniert das figurenreiche Männerstück mit Joseph Lorenz in der Titelrolle, aus dem prächtigen Besetzungszettel sticht Peter Matic als wetterwendischer Unterrichtsminister Flint hervor.

Bis zur endgültigen Rehabilitation hat Bernhardi einen schmerzensreichen Weg zurückzulegen. Der gegen ihn gerichtete Vorwurf erscheint dem jüdischen Mediziner allenfalls als ein Ausdruck niedriger Gesinnung. Tatsächlich gibt es in der "Sache" kaum etwas zu vermitteln. Bernhardi vertritt das Anliegen einer Humanität, die sich von den Heilsversprechen der Religion zur Gänze abgekoppelt weiß.

Die Kreatürlichkeit des Sterben-Müssens ist der zentrale Punkt. Der weise Hofrat Winkler (Alexander Lhotzky) äußert auf Bernhardis Frage, wie er sich denn in der nämlichen Causa verhalten hätte, den bezeichnenden Satz: "Da wär ich halt grad so ein Viech gewesen wie Sie!" Schnitzlers Ethik ist antimetaphysisch. Es bleibt Antisemiten wie dem Kandidaten Hochroitzpointner vorbehalten, das Spukgespenst des deutschnationalen Patriotismus' als Maulheld zu animieren. (poh, Spezial, DER STANDARD, 10.4.2015)

"Professor Bernhardi", Komödie in fünf Akten, Premiere am 5. Juli im neuen Spielraum des Theaters Reichenau, 19.30 Uhr


Spezial Festspiele Reichenau ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit den Festspielen Reichenau. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Noch frohgemut: Joseph Lorenz (Mitte) gebietet als Gott in Weiß einer Schar von Medizinern. Bald wird ein Kesseltreiben gegen ihn eingesetzt haben, dem er nur mit knapper Not entrinnen wird.
    foto: carlos de mello

    Noch frohgemut: Joseph Lorenz (Mitte) gebietet als Gott in Weiß einer Schar von Medizinern. Bald wird ein Kesseltreiben gegen ihn eingesetzt haben, dem er nur mit knapper Not entrinnen wird.


Share if you care.