Der Bankier als Göttervater und Bankrotteur

10. April 2015, 09:00
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Mit "Bankier Borkman" nehmen die Festspiele Reichenau 2015 Ibsens unversöhnlichen Abgesang auf den Kapitalismus in den Blick. Ein kleiner dramaturgischer Leitfaden in alphabetisch geordneten Stichwörtern

Banker: Sein Bankhaus hat John Gabriel Borkman durch die Veruntreuung bedeutender Summen in den Ruin getrieben. Tatsächlich legte Henrik Ibsen, der Autor des Theaterstücks John Gabriel Borkman (1896), seiner Studie über Größenwahn und Isolation einen realen Fall zugrunde. Ein Bankrotteur aus Kristiania kehrte als komplett veränderter Mensch aus der Haft zurück und mied fortan den Umgang mit den Menschen. Borkmans Einsamkeit beruht auf der schmerzlichen Verkennung seines eigenen Metiers. Indem er das Geld in aller Heimlichkeit für sich arbeiten lässt, drängt es ihn doch mit aller Macht hinaus in die Öffentlichkeit.

Bergmann: Borkman (in Reichenau gespielt von Martin Schwab) ist der Sohn eines einfachen Bergmanns. Zu den Bodenschätzen im Erdinneren unterhält er die Beziehung des privilegierten Kenners. Er meint, er könne das Erz in den Flözen "singen" hören. In der Figur Borkmans klingt Richard Wagners Kunstreligion unheilvoll aus. Es fällt schwer, bei Borkman nicht an Alberich zu denken, den verwachsenen Minenarbeiter aus dem Ring des Nibelungen. Dieser steigt aus seinem unterirdischen Reich empor, um zum nebelhaften Klang betörender Es-Dur-Dreiklänge die Rheintöchter zu minnen. Bedauerlicherweise erntet Alberich nur Hohn und Spott. Erotik und Kommerz erweisen sich als unvereinbar.

Flüchtiger Sohn

Erhart: Das Haus Borkman scheint dem Untergang geweiht. Wie so oft schildert Ibsen auch in diesem vieraktigen Schauspiel die Aufkündigung des Generationenvertrags. Sohn Erhart - in Reichenau gespielt von Stefan Gorski - zeigt sich unwillig, in die Fußstapfen seines Göttervaters zu treten. Wiederum hört man Wagners Ring-Tetralogie in verzerrter Gestalt nachhallen. Gott Wotan ist an Verträge gekettet und muss gegen die eigenen, väterlichen Interessen agieren. Seine Kinder und Kindeskinder büxen allesamt aus. Jung Siegfried sucht bei den Gibichungen Zuflucht. Erhart, den bürgerlichen Spross eines gefallenen Gottes, drängt es an der Seite der erotisch anrüchigen Lebedame Fanny Wilton (Chris Pichler) in die weite Welt hinaus. Man muss kein Prophet sein, um sein Scheitern zu prognostizieren.

Feldschlacht: John Gabriel Borkman weiß sich als unternehmender Mensch mit dem Weltgeist im Bunde. Sein Vorbild ist niemand Geringerer als Napoleon Bonaparte, der "Weltgeist zu Pferde", wie ihn der Philosoph Hegel nannte. Sein Scheitern als ganz gewöhnlicher Bankrotteur kommt ihm weltgeschichtlich vor. Er sei "wie ein Napoleon, der in seiner ersten Feldschlacht zum Krüppel geschossen wurde." Tatsächlich fasst Borkman das wirtschaftliche Geschehen als permanenten Krieg auf. Die Abfolge möglicher "Siege" erinnert an das Ausbluten Europas unter der Geißel des französischen Militärapparats. Borkmans Exil auf dem Dachboden seines Hauses nimmt sich wie ein verzerrtes Echo aus. Napoleon, der kleinwüchsige Korse, beendete seine Tage auf der feucht-tropischen Atlantikinsel Sankt Helena, wo er 1821 starb.

Frauen: Sie benutzt der Unternehmer des ausgehenden 19. Jahrhunderts als Mittel zum Zweck. Sowohl Gunhild (Regina Fritsch) als auch ihre Schwester Ella Rentheim (Julia Stemberger) finden sich als Spukgestalten wieder. Die Machinationen ihres Gönners haben sie ausgelaugt (Ella) und verbittert (Gunhild). Momentweise fühlt man sich an die Wagner-Göttinnen Fricka und Freia erinnert. Liebe und Erotik gehen an den Mechanismen des entwickelten Kapitalismus zuschanden. Gunhild ist einzig an der Wiederherstellung ihrer bürgerlichen Reputation interessiert. Sie meint, sich dazu ihres Sohnes bedienen zu dürfen. Erhart pfeift der Mutter was.

Wanderers Fußmarsch

Imaginär: Nach der analytischen Offenlegung der Familienverhältnisse zieht es Borkman hinaus ins Freie. Schnee bedeckt die Landschaft. Das unsichtbare Erz greift mit kalter Hand nach Borkmans Herz. Die Welt, die der Unternehmer doch mit unwiderstehlicher Kraft auszubeuten gedachte, ist im ewigen Eis erstarrt, ein Hort der Finsternis. Wieder ist es Wotan, der sein Inkognito aufnimmt: als "Wanderer", der zum letzten Fußmarsch aufbricht. Die nordische Gegend ist trostlos. Sie spiegelt den Frost wider, der die Seelen erstarren lässt.

Neunzehntes Jahrhundert: Das Jahrhundert des unternehmerischen Geistes neigt sich unwiderruflich dem Ende zu. Vorbei sind die Zeiten, als man den Oberlauf des Nils erkundete und die Welt erschloss, um sie in Einflusssphären aufzuteilen. "Ausnahmemenschen" wie Borkman sind zum Untergang verurteilt. Ihre hochfahrenden Pläne scheitern, weil sie an einem Mangel an Kapital leiden. Der Witz steckt im Detail: Borkman hat nicht etwa deswegen Geld unterschlagen, weil er sich persönlich zu bereichern hoffte. Er beabsichtigte vielmehr, den "allgemeinen Wohlstand" zu heben. Die menschlichen Produktivkräfte sind, erst einmal freigesetzt, zu nichts mehr nutze. Borkmans Sohn Erhart wird sich knapp 20 Jahre später in den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges wiederfinden. Die Produktivkräfte werden in die Läufe der Mörserkanonen gesteckt werden. Europa verwandelt sich in ein Flammenmeer. (Ronald Pohl, Spezial, DER STANDARD, 10.4.2015)

"Bankier Borkman" hat in der Inszenierung von Alfred Kirchner am 6. Juli im Theater Reichenau (Großer Saal) Premiere. Peter Loidolt richtet die Bühne ein, es spielen neben den Genannten noch Hans Dieter Knebel und Fanny Altenburger.


Spezial Festspiele Reichenau ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit den Festspielen Reichenau. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Die Sippe eines gescheiterten Bankiers: v. li. Regina Fritsch (Gunhild Borkman), Martin Schwab (John Gabriel Borkman), Stefan Gorski (Erhart Borkman) und Julia Stemberger (Ella Rentheim).
    foto: carlos de mello

    Die Sippe eines gescheiterten Bankiers: v. li. Regina Fritsch (Gunhild Borkman), Martin Schwab (John Gabriel Borkman), Stefan Gorski (Erhart Borkman) und Julia Stemberger (Ella Rentheim).


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