Was Bosse an Behinderten interessiert

9. April 2015, 14:13
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Die DisAbility Performance prüft, wie behindertengerecht österreichische Unternehmen sind. Nun wurden erste Ergebnisse präsentiert

Über eine steile Treppe – glücklicherweise gibt es auch einen Lift - geht es hinauf in den ersten Stock, zum Sitzungssaal des Bank Austria Forums in der Wiener Schottengasse. Dort haben heute, Donnerstag, Frank Hensel, Vorstandsvorsitzender von REWE, Gregor Demblin, Gründer DisAbility Performance Austria, und Willibald Cernko, Bank Austria Vorstandsvorsitzender, Platz genommen, um erste Ergebnisse des so genannten "DisAbility Performance Check" zu präsentieren.

Disability als Management-Tool

Der DisAbility Perfomance-Check ist ein Management-Tool, das zehn Unternehmensbereiche auf ihre Barrierefreiheit prüft, darunter Kommunikation, Arbeitsplatzgestaltung und Dienstleistungen.

"Das Ergebnis ist eine Landkarte", sagt Demblin. "Sie zeigt auf, wo noch Potentiale schlummern." Während er die Erhebungsmethode erklärt, übersetzt eine Simultan-Dolmetscherin für gehörlose Menschen. Um zu den Daten zu gelangen, führt DisAbility Performance Austria Interviews mit Abteilungsleitern. Auch Workshops, bei denen die Teilnehmer für das Thema Behinderung sensibilisiert werden sollen, seien Teil des Programms. Ein Jahr dauert die Erhebungsphase im Durchschnitt, die Kosten für die Unternehmen: 30.000 bis 40.000 Euro. Rewe und die Bank Austria haben den Check als erste absolviert, weitere Firmen – darunter die Österreichische Post AG, Loreal und die Wiener Stadtwerke – sollen dazu kommen.

Die Bank Austria würde sich der Barrierefreiheit seit etwa 2008 annehmen, erklärt Cernko: "Es ist kein Mega-Thema, aber ein sehr wichtiges". Seit 2013, nachdem eine Kundin erklärt hatte, dass sie in eine Filiale nicht hineinkäme, würde man mit Demblin zusammenarbeiten – und stoße dabei täglich auf neue Themen: "zuletzt habe ich erfahren, dass unsere Geldautomaten nicht zu ‚unterfahren’ sind." Derzeit seien etwa 400 Mitarbeiter mit Beeinträchtigung bei der Bank Austria beschäftigt – drei Viertel davon in hochqualifizierten Jobs. Das "ambitionierte" Ziel sei es, die Anzahl in den kommenden zwei bis drei Jahren zu verdoppeln.

Schlechtes Abscheiden

Frank Hensel äußert sich durchaus selbstkritisch zum eigenen Abschneiden seines Unternehmens beim DisAbility Performance-Check. Im Test habe die Rewe-Gruppe lediglich 90 von 270 Punkten erzielt. Vor allem beim Recruiting wolle man sich verbessern – und gezielt Behinderte ansprechen, die meist spezielle Fähigkeiten haben, so Hensel: "Autisten im Lager können die Tätigkeit beispielsweise viel schneller verrichten". Wichtig sei es, das Thema "knochentrocken" anzugehen, denn es handle sich nicht um "Almosen oder Geschenke", man wolle behinderte Menschen als potentielle Mitarbeiter und potentielle Kunden ansprechen.

Ziel des Disability Performance-Checks sei es, mögliche Strategien für eine bessere Performance zu entwickeln, erklärt Demblin. "Oft gibt es Einzelkämpfer in Unternehmen, die in kleinen Bereichen gute Projekte umsetzen. Wir versuchen, sie auf das ganze Unternehmen umzulegen."

Auch für die Supermärkte oder Bankfilialen hat Demblin Verbesserungsvorschläge parat: Hier können taktile Leitsysteme oder verstellbare Tische das Leben von Behinderten erleichtern. Wichtig sei es auch, "Mitarbeiter zu schulen, den beeinträchtigten Kunden zum richtigen zu helfen."

Wirtschaftliche Interessen

1,2 Millionen Menschen haben in Österreich eine Behinderung. Demblin, der selbst seit seinem 18 Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, sieht es als wichtige Aufgabe der Wirtschaft, ihnen den Alltag zu erleichtern. Er wird nicht müde, die Vorteile für die wirtschaftliche Effizienz zu betonen: "Wenn ich als Unternehmen diese Zielgruppe bedienen kann, habe ich einen Wettbewerbsvorteil."

Der Wirtschaftliche Gedanke ist es letztendlich auch, der bei Hensel im Vordergrund zu stehen scheint: "Wo wir Ware platzieren, damit beschäftigen wir uns Tag und Nacht", sagt Rewe-Chef Hensel. Schließlich orientiere man sich aber nach einem ökonomischen Grundsatz: Was die Leute brauchen, das findet man ganz hinten. Denn man könne "es am Ende ja nie allen recht machen." (lib, derStandard.at, 9.4.2015)

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