Zwei Vizerektoren waren an Musikuni einer zu viel

9. April 2015, 15:07
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Ulrike Sych plant nach dem Rücktritt juristische Schritte wegen der Rektoratswahl, die Grüne Sigrid Maurer wirft dem Unirat "Dilettantismus" vor

Wien – In nicht einmal eineinhalb Zeilen wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) am Mittwoch im "Mitteilungsblatt" darüber informiert, was viele von ihnen bereits am Vormittag ausführlich auf derStandard.at erfahren haben: dass nämlich Vizerektorin Ulrike Sych ihr Amt niedergelegt hat, "wegen Umständen im Rektorat, die für mich nicht mehr zumutbar sind", wie sie in einer E-Mail an die Mitarbeiter schrieb.

Kryptische Kundmachung

Auf der mdw-Homepage wurde das auch umgehend nachvollzogen. Bei den Personen des Rektorats stand bis Mittwochabend "N.N. – Vizerektorin für zentrale Ressourcen". Das aber war nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit – die von Sych angedeuteten "Umstände im Rektorat" – wurde erst Donnerstagvormittag uniintern kommuniziert. In sehr kryptischer oder zumindest minimalistischer Form machte Uniratsvorsitzende Haide Tenner-Russ im "Mitteilungsblatt" Folgendes kund: "Widerruf Punkt 17., MB 2a. vom 24. Oktober 2013."

Widerruf von was? Dass die Funktionsperiode des damaligen Vizerektors für zentrale Ressourcen, Rudolf Hofstötter, mit 23. Oktober 2013 "beendet ist". Der war nämlich in Wirklichkeit schon seit 1. April wieder in Amt und Würden - jene "Umstände im Rektorat", die die eigentlich amtierende Vizerektorin für zentrale Ressourcen, als Grund für ihren Rücktritt nannte. Seit Donnerstagvormittag firmiert Hofstötter nun auch auf der mdw-Homepage wieder offiziell als Vizerektor.

Das doppelte Vizerektorat

Faktisch war er seit 1. April wieder im Haus tätig – was aber nur einem kleinen Kreis über den Flurfunk bekannt war. Es gab an der Musik-Uni Wien also seit Ende März zwei Vizerektoren für zentrale Ressourcen: Ulrike Sych und Rudolf Hofstötter.

Ein faktisches Doppelrektorat, das aber offenbar verdrängt werden sollte, indem man möglichst nicht darüber spricht. Zwei Vizerektoren für ein- und dasselbe Ressort und alle tun so, als ob nix wäre? "Unzumutbar", fand Sych und ging: "Vonseiten des Rektors gab es dazu bis heute keine Stellungnahme, wie wir damit umgehen sollen", sagte sie im STANDARD-Gespräch.

Auch bei Recherchen in der Musik-Uni wurden diese "unklaren Verhältnisse" mehrfach kritisiert: "Wie soll man mit zwei Vizerektoren für dasselbe Ressort umgehen?" Nun, mit Sychs Rücktritt hatte sich das Problem ja quasi von selbst gelöst.

Verwaltungsgerichtshof hob Abberufung auf

Was war geschehen? Hofstötter war am 23. Oktober 2013 nach massiven Konflikten im Rektorat per Bescheid des Unirats wegen "Vertrauensverlustes" als Vizerektor für zentrale Ressourcen abberufen worden. Dies musste Rektor Werner Hasitschka laut Unigesetz "anregen", der Unirat folgte der Anregung – der VwGH aber nicht, er hob den angefochtenen Bescheid "wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften" auf. Öffentlich nachzulesen in der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes (VwGH) von 18. Februar 2015 unter der Geschäftszahl 2013/10/0258.

"Dilettantisches Vorgehen" und "skurriles Papier"

Dieser Bescheid des Unirats ist der Punkt, an dem die Wissenschaftssprecherin der Grünen, Sigrid Maurer, massive Kritik an der "extrem dilettantischen Vorgangsweise des Unirats der Musik-Uni" äußert: "Der Unirat ist verantwortlich, das zu prüfen und sauber zu machen. Aber diese Entscheidungsgrundlage war ein skurriles Papier und es stellt sich die Frage, ob der Unirat seine Aufgaben im Sinne des Gesetzes und der Uni erfüllt hat", sagte Maurer zum STANDARD: "Abgesehen davon, dass der Unirat durch diese nun vom Verwaltungsgerichtshof aufgehobene Abberufung des Vizerektors enorme Zusatzkosten für die Uni verursacht hat." Dem Vernehmen nach wird um einen Vergleich gerungen.

Der juristisch wieder eingesetzte Vizerektor Hofstötter wollte die Vorgänge im STANDARD-Gespräch "nicht kommentieren", sagte aber: "Ich war elfeinhalb Jahre Vizerektor. Das spricht ja für was."

Für Rektor Hasitschka wiederum sind "die Dinge insofern geklärt, als gemäß Geschäftsordnung alle Bereiche im Vizerektorat wieder vertreten sind." Was die Zusammenarbeit mit dem alten, neuen Vizerektor Hofstötter betrifft, sagte er zum STANDARD: "Ich bin trotz 14 Jahren als Rektor noch immer ein absolut naiver Optimist und sicher, dass im Interesse des Hauses natürlich die Musik-Uni im Mittelpunkt stehen wird und nicht persönliche Befindlichkeiten."

Verantwortung des Universitätsrats

Sämtliche Fragen rund um Hofstötters Rückkehr seien "ausschließlich Sache des Unirates", dieser verantworte die Vertragsgestaltung. Den Wirbel um die Wahl seiner Nachfolgerin Regula Rapp und den "sehr bedauerlichen" Rücktritt der Wunschkandidatin des Senats, Ulrike Sych, kommentiert Hasitschka, dem auch das Max Reinhardt Seminar untersteht, nicht: "Nur so viel: Wir sind theatralische Szenen gewöhnt, vor und hinter der Bühne."

Uniratsvorsitzende Tenner-Russ sagte auf STANDARD-Anfrage zur weiteren Vorgehensweise: "Die Anwälte bemühen sich." Aus ihrer Sicht hat der VwGH den Bescheid "nicht komplett zurückgeworfen. Es wurde uns inhaltlich recht gegeben."

Die ehemalige Vizerektorin Sych, deren Abgang in der Musik-Uni mit großem Bedauern aufgenommen wurde, überlegt derweil juristische Schritte im Zusammenhang mit ein paar Merkwürdigkeiten rund um die Wahl der neuen Rektorin. Sych war vom Senat mit großer Mehrheit in geheimer Wahl auf Platz eins des (für den Unirat nicht bindenden) Vorschlags gesetzt worden, Platz zwei blieb bewusst leer und Platz drei teilten sich Rapp, bisher Leiterin der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, und Elmar Lampson, Präsident der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.

Der Unirat wählte Rapp, da sie "internationale Erfahrungen in der Leitung eines größeren Hauses" habe, begründete Vorsitzende Tenner-Russ. Für den Senat ein "Affront", für Sych eine "Enttäuschung, dass der Unirat den uniintern gewählten Senat vollkommen ignoriert, obwohl der ihm offenbar zu hundert Prozent vertraut und keinen strategischen Dreiervorschlag vorgelegt hat."

Maurer fordert mehr Einfluss des Senats

Das ist für Grünen-Wissenschaftssprecherin Maurer auch ein Grund, die Macht des zur Hälfte von der Politik und zur Hälfte vom Uni-Senat besetzten Unirats bei der Rektorswahl zu hinterfragen: "In vielen Uniräten fehlt oft eine fundierte Auseinandersetzung mit wichtigen Uni-Themen. Der Senat, dem nur Unimitglieder angehören, sollte mehr Möglichkeiten haben bei der Rektorswahl", fordert Maurer.

Eine Unirätin hörte fünf von sieben Hearings nicht

Zu den eher ungewöhnlichen Details der Rektorinnenwahl, die Sych nun juristisch prüfen lassen will, zählt sie etwa die Tatsache, dass das wohl bekannteste Uniratsmitglied an der Musik-Uni, Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager, bei fünf der sieben Rektorshearings – auch dem der später gewählten Rapp und jenem von Sych – gar nicht anwesend war. "Ist es dann überhaupt rechtens, dass sie eine neue Rektorin wählt?", fragt Sych. Tanner wusste am Donnerstag "jetzt nicht auswendig", ob Kirchschlager, die zu einem Konzert musste, nur zwei Hearings gehört hat, andere Teilnehmer dagegen bestätigen das. "Aber wir hatten die Statements der Selbstpräsentation ja schriftlich", erläutert Tenner-Russ dazu.

Zur Rektoratsbestellung sei im Unigesetz "generell nicht sehr viel spezifiziert", sagt Maurer: "Die Spielräume sind sehr groß, man kann Hearings machen, alle oder nur ein paar Bewerber einladen." Sie ist dafür, dass sich die Politik "die Struktur der Rektoratsberufung noch einmal anschauen sollte". Auch Verfassungsjurist Heinz Mayer sagt: "Es gibt keine Pflicht, ein Hearing durchzuführen."

Nur zwei von sieben Hearings auf Video dokumentiert

Was aber, wenn eines gemacht wird, aber nur bedingt oder gar nicht gehört wird? Diese Frage will Sych beantwortet wissen. Für Verwunderung über das "problematische Verfahren" sorgt bei ihr auch, dass nur zwei der sieben Hearings auf Video dokumentiert wurden – unter den nicht gefilmten sind Rapp, die nunmehrige Rektorin in spe, und Sych, die Wunschkandidatin des Senats.

Tenner-Russ sagt dazu, man habe sich für ein Hearing entschieden, "weil ich der Meinung war, dass alle, die es betrifft, die Möglichkeit haben sollen, die Kandidatinnen und Kandidaten kennenzulernen." Alle Bewerberinnen und Bewerber hätten sich zuerst selbst präsentieren können und hätten dann "die gleichen Fragen gestellt bekommen".

Dass nur zwei der Hearings auf Video dokumentiert sind, erklärt die Uniratsvorsitzende damit, dass "die Hearings zu einer Zeit waren, wo viele Senatsmitglieder auf Urlaub waren, einer war auf dem Schiff unterwegs, ein anderer war krank. Daher haben wir einen Zusatztermin gemacht, bei dem wir die für interne Zwecke aufgenommenen Vorträge angesehen haben."

Ulrike Sych jedenfalls, eine lyrische Sopranistin, will nun wieder "in die Kunst zurückgehen. Ich bin im Herzen auch Künstlerin." Aber ein paar grundsätzliche Fragen in Sachen Rektoratswahl möchte sie dennoch noch geklärt haben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 9.4.2015)

  • An der Universität für Musik und darstellende Kunst waren kurzzeitig zwei Personen für einen Bereich - die zentralen Ressourcen - zuständig: die offizielle Vizerektorin Ulrike Sych und der 2013 laut Verwaltungsgerichtshof zu Unrecht abberufene ehemalige Vizerektor Rudolf Hofstötter. Sych legte ihr Amt zurück.
    foto: ap / schreiber

    An der Universität für Musik und darstellende Kunst waren kurzzeitig zwei Personen für einen Bereich - die zentralen Ressourcen - zuständig: die offizielle Vizerektorin Ulrike Sych und der 2013 laut Verwaltungsgerichtshof zu Unrecht abberufene ehemalige Vizerektor Rudolf Hofstötter. Sych legte ihr Amt zurück.

  • Ulrike Sych, bis Mittwoch Vizerektorin der Musik-Uni, war die Wunschkandidatin des Senats als neue Rektorin, der Unirat wählte aber die Nummer 3 auf der Bewerberliste.

    Ulrike Sych, bis Mittwoch Vizerektorin der Musik-Uni, war die Wunschkandidatin des Senats als neue Rektorin, der Unirat wählte aber die Nummer 3 auf der Bewerberliste.

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