Blenden und täuschen: Selbstdarstellung ist "in" – und gefährlich

Interview18. Juni 2015, 09:42
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Wirklich können oder nur gut darstellen? In der Erfolgsgesellschaft punktet die Inszenierung, sagt Sozialforscher Manfred Prisching

STANDARD: Wir leben, so ist zu hören, in einer Leistungsgesellschaft. Aber Leistung im althergebrachten Sinn als etwas ganz Konkretes, Vorzeigbares und Nachprüfbares hat erkennbar einen Bedeutungswandel erfahren. Irgendwie scheint ein anderes Leistungsverständnis den Ton anzugeben. Was sagt der Gesellschaftswissenschafter dazu?

Prisching: Er sagt dazu, dass wir es heute mehr mit einer Erfolgsgesellschaft als mit einer Leistungsgesellschaft zu tun haben. Leistungsgesellschaft genau genommen würde bedeuten: Wir können exakt messen, was die Leistung ist, und sie dann entsprechend belohnen. Zum Beispiel mit Aufstieg im Beruf. Im Gegensatz zu früher haben wir es aber heute in wachsendem Umfang mit Berufen und beruflichen Situationen zu tun, in denen die Leistung so konkret nicht mehr messbar ist: Management, Beratung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Lobbying und vieles andere mehr, was zwar "irgendwie" etwas bewirkt, was dann als Erfolg deklariert wird, wo dieses "Irgendwie" aber als definitiv erbrachte Leistung nur schwer fassbar ist. Und in dieser Erfolgsgesellschaft geben zwangsläufig auch andere Persönlichkeitszuschnitte den Ton an.

STANDARD: Selbstdarstellung ist das Zünglein an der Erfolgswaage?

Prisching: Wer sich in diesem Umfeld behaupten will, der muss so auftreten und sich so darstellen können, dass sie oder er etwas überzeugend behaupten und darstellen kann, ohne es im althergebrachten Sinn auch belegen beziehungsweise beweisen zu können. Das klassische mehr Sein als Scheinen hat sich damit zwangsläufig tendenziell ins Gegenteil verkehrt. Das erleben wir Tag für Tag. Ob das zu unser aller Nutz und Frommen ist, lassen wir mal dahingestellt sein. Allerdings ist es auch eine klassische soziologische Feststellung, dass wir immer Theater spielen, das heißt eine Fassade aufbauen, uns besser darstellen, als wir wirklich sind, ein auf Außenwirkung ausgelegtes Selbst vorführen. Und da wir nur schwer, wenn überhaupt, zuverlässig in andere Menschen hineinschauen können und umgekehrt sie nicht in uns, wird die Sache sozusagen zum Kommunikationsproblem: Es geht um Inszenierung, um Rollenspiel, um Signale.

STANDARD: Gibt es so etwas wie gesellschaftlich angesagte Leitbilder zur Selbstdarstellung?

Prisching: Und ob es die gibt! In fließendem Übergang von einer momentan gesellschaftlich generell angesagten zu einer situationsspezifischen Selbstdarstellung finden sich diese Leitbilder einer idealen Personenbeschreibung einmal abgesehen von Twitter und Facebook in den angesagten und/oder gruppenspezifischen Lifestyle-Journalen, sie finden sich unter den mittlerweile allgegenwärtigen Kontaktanzeigen und natürlich in den Stellenausschreibungen. Was sind die erwünschten idealen Verhaltensmodelle: Für die beste Freundin beziehungsweise den besten Freund? Auf dem weiten Feld der Liebe? Generell im Beruf und spezifisch zum Beispiel als Vorgesetzter, Mitarbeiter, Kundenberater, Technologieberater, Unternehmensberater und so munter weiter? Die Verhaltensrichtschnur für all diese Segmente ist gesellschaftlich vorgegeben. Da muss alles stimmen: was und wie man was sagt, was man rollenspezifisch tut und lässt. Tonfall, Satzbau, Blickweise, Körperhaltung, Frisur, Kleidung, Aktentasche. Gar nicht so einfach. Das alles natürlich nur, will man "in" sein, dazu gehören, nicht aus der Rolle fallen. Aber es soll ja auch Leute geben, die fallen aus der Rolle, denen ist das alles egal und trotzdem kommen sie an und haben Erfolg.

STANDARD: Gibt es nun auch gesellschaftlich heikle, problematische Aspekte in Sachen Selbstdarstellung?

Prisching: Verrückt, aber Tatsache, zwei Dinge sind vor allem problematisch: die Wahrheit und Lüge. Die einfache Wahrheit ist problematisch, weil niemand mit ihr rechnet, sondern ohnehin ein bisschen Darstellungskosmetik und Schönfärberei vorausgesetzt wird. Wer würde denn auch seine persönliche Durchschnittlichkeit betonen? "Wissen Sie, ich bin ein ganz normaler Mensch, mit ganz normalen Macken und Mucken!" Undenkbar, obwohl klar ist, dass die allermeisten Menschen durchschnittlich sind – weil dies einfach eine statistische Tatsache beziehungsweise Notwendigkeit ist. Auf der anderen Seite sind Lüge, Bluff, Erfindung problematisch, weil sie in Wahrheit nicht durchzuhalten sind. Irgendwann fliegt man auf.

STANDARD: Konkret heißt das?

Prisching: Es muss einen Kern von Authentizität geben, der "wirklichkeitsähnlich" ist. Es wird nicht funktionieren, wenn sich introvertierte Typen extravertiert darstellen und sich beispielsweise als große Kommunikatoren verkaufen. Ebenso wenig wird es funktionieren, wenn sich zwar leistungsstarke, aber das Rampenlicht eher scheuende Fachkräfte als geborene Führungskräfte darstellen. Das sind vorgespielte Rollen, die sind in der Härte der Praxis nicht durchzuhalten. Wie auf dem Theater oder beim Film, nicht jede als erstrebenswert angesehene Rolle liegt denjenigen, die sie anstreben. Man kann alles ein bisschen zurechtbiegen, aber nicht eine Realität oder genauer, eine persönliche Identität erfinden. Vor allem anderen fängt alles bei der eigenen Identität an – mit diesem Problem sind ohnehin alle Lifestyle-Zeitschriften voll. Was gebe ich aus meiner Persönlichkeit heraus her? Oder moderner gefragt: Wer bin ich? Wer darauf keine andere Antwort hat als: ich bin ein Hilfiger-Typ, ein BMW-Fahrer, ein Madonna-Fan, wer sich also über derlei "Spielzeug" definiert, ist aus meiner Sicht ein hoffnungsloser Fall.

STANDARD: Ihr Schluss daraus?

Prisching: Jeder von uns muss sich auf irgendeine Weise darstellen. Fatal wird es allerdings, wenn ein fehlinterpretiertes Ich auf eine fehlinterpretierte Situation stößt – wenn man also die gegebene Konstellation nicht versteht oder partout nicht verstehen will. Diese Form der Fehlsichtigkeit ist ja heute an der Tagesordnung. Wir leben in einer liquiden Welt. Alles ist flüssig und flüchtig. Damit müssen wir zurechtkommen. Auch und gerade in der Selbstdarstellung. Das eine einzige, für alles gültige Rollenverständnis hilft nicht mehr weiter. Wir sind in der Postmoderne. Wir benötigen die persönliche (Rollen-)Flexibilität zwingend als Überlebenshilfe. Und dazu eben auch die Fähigkeit zu dieser Flexibilität. Daran zu arbeiten bleibt niemandem erspart, ausgenommen natürlich diejenigen, denen das Leben als Einsiedler in Waldestiefen als Ideal vorschwebt. Der Irrtum, der nur nicht gemacht werden sollte, ist, diese Flexibilität mit den gerade en vogue seienden Persönlichkeitsprofilen, mit dem momentan Angesagten zu verwechseln. Wer sich zu einer Karikatur seiner selbst machen will, folgt unreflektiert dem "So ist man, so gibt man sich, das tut, dass lässt man". Die Flexibilität, die gefragt ist, die schützt, bewahrt und weiterhilft, ist die Flexibilität, die aus einem Kern von Authentizität entspringt, aus zumindest der Ahnung, was man tatsächlich ist, was man durchhalten kann, was "mein" sein kann. Eine realistische Selbsteinschätzung als leitende Wegweisung zur Selbstdarstellung schafft Boden unter den Füßen. (Hartmut Volk, 18.6.2015)

Manfred Prisching leitet das Zentrum für Sozialforschung der Universität Graz.

  • Gesellschaftsforscher Manfred Prisching über den schmalen Grat der Selbstdarstellung.
    foto: ho

    Gesellschaftsforscher Manfred Prisching über den schmalen Grat der Selbstdarstellung.

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