Schüsse an Mailänder Gericht: Drei Tote

9. April 2015, 17:32
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Ein Immobilienhändler schoss auf einen Rechtsanwalt, einen Richter und weitere Angeklagte. Drei Menschen kamen ums Leben. Nun wird Kritik an den Sicherheitskontrollen des Gerichts laut

Drei Tote und mehrere Verletzte sind die traurige Bilanz einer Schießerei im Mailänder Gerichtsgebäude. Am Donnerstagvormittag hat der wegen betrügerischer Krida angeklagte Immobilienhändler Claudio G. bei einer Anhörung im Gerichtssaal mehrere Schüsse abgegeben. Dabei erschoss er einen seiner ehemaligen Anwälte. Zwei weitere Angeklagte, ehemalige Partner des mutmaßlichen Täters, wurden schwer verletzt, wovon einer später seinen Verletzungen im Krankenhaus erlag. Nach den Schüssen soll der Unternehmer seelenruhig vom dritten in den zweiten Stock gegangen sein und dort einen 72-jährigen Konkursrichter in dessen Büro getötet haben. Der Richter sollte als Zeuge auftreten.

Flucht mit dem Motorrad

Nach einer waghalsigen Motorradflucht vom Gericht in den Mailänder Vorort Vimercate konnte der mutmaßliche Täter von der Polizei gefasst werden. Es handelt sich um einen 57-jährigen Immobilienhändler aus Süditalien (Benevento) mit Wohnsitz in der Brianza bei Mailand. Einer seiner ehemaligen Verteidiger, der bereits vor Monaten das Mandat zurückgelegt hatte, bezeichnete den Unternehmer im Vorfeld als "paranoid". Er habe an Verfolgungswahn gelitten und sei überzeugt gewesen, dass ihn alle über den Tisch ziehen wollten. Claudio G. befand sich in großen finanziellen Schwierigkeiten. Eines seiner Unternehmen, Immobiliare Magenta, ging bereits vor einigen Jahren in Konkurs und hat damit ein Netzwerk von anderen Bau- und Immobilienunternehmen nachgezogen.

Am Donnerstag sollte er sich in Mailand im Prozess um die Insolvenz des Telekommunikationssystems Eutelia rechtfertigen. Er war wegen betrügerischer Krida - der absichtlichen Verheimlichung des eigenen Vermögens, um Gläubiger zu betrügen - angeklagt.

Die wichtigste Frage in Mailand lautet derzeit, wie es möglich gewesen ist, dass ein Angeklagter bewaffnet das Gericht betreten konnte. Besucher werden in der Regel bei allen vier Eingängen des Gerichts mittels Metalldetektoren nach Waffen durchsucht. Gerichtsbeamte und Rechtsanwälte können mit entsprechenden Ausweisen diese Kontrolle umgehen. Es ist denkbar, dass Claudio G. mit seinem Anwalt an den Detektoren vorbei ins Gebäude kam. Geprüft wird auch, ob er mit einem falschen Ausweis die Waffe hineinschmuggelte.

Der Mailänder Justizpalast steht im historischen Zentrum von Mailand, nur wenige Straßen vom Dom, dem Finanzzentrum und dem Modeviertel entfernt. Der im faschistischen Stil erbaute Justizpalast war bereits in den 1970er-Jahren Mittelpunkt von Terrorszenen seitens der Roten Brigaden. Anfang der 1990er-Jahre wurde der "Palazzo di Giustizia" zum Mittelpunkt der Antikorruptionsprozesse "Mani pulite" und damit zum Symbol für Mailand als moralische Hauptstadt des Landes.

"Anti-Magistratur-Klima"

Der damalige Untersuchungsrichter Gherardo Colombo kommentierte nun, dass zweifellos auch das "allgemeine Anti-Magistratur-Klima" zur Tat des Angeklagten beigetragen habe. Bekanntlich hat der inzwischen vom Obersten Gericht wegen Steuerbetrugs verurteilte Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi jahrzehntelang gegen die "politisch beeinflussten, roten Richter" gehetzt.

Pikant ist die Schießerei in Mailand auch deshalb, da sie knapp drei Wochen vor der Eröffnung der Weltausstellung Expo stattgefunden hat. Oppositionsführer Matteo Salvini fragt sich nicht zu Unrecht, wie es denn mit dem Sicherheitssystem bei der Expo bestellt sei, wenn schon Angeklagte bewaffnet den Gerichtssaal betreten können. "Wir werden uns bemühen, sämtliche Sicherheitslücken aufzudecken", versprach Regierungschef Matteo Renzi. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, 10.4.2015)

  • Italienische Polizisten sicherten nach Schüssen das Gerichtsgebäude in Mailand  ab. Der mutmaßliche Täter konnte mit dem Motorrad flüchten, wurde aber 30  Kilometer von der Metropole entfernt gefasst.
    foto: ap/luca bruno

    Italienische Polizisten sicherten nach Schüssen das Gerichtsgebäude in Mailand ab. Der mutmaßliche Täter konnte mit dem Motorrad flüchten, wurde aber 30 Kilometer von der Metropole entfernt gefasst.

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