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9. April 2015, 13:42

An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser. Auch nicht für Jakob Pöltl. Soll er oder soll er nicht? Österreichs talentiertester Basketballspieler muss sich bis Ende April entscheiden, ob er den Sprung in die beste Basketball-Liga der Welt, die National Basketball Association (NBA), wagt.

Millionen Dollar? "Pöltls spielerische Entwicklung steht im Vordergrund."

Es winken ein Millionendollarvertrag, finanzielle Absicherung Ende nie und ein Kräftemessen mit den größten Kalibern des Sports. Eine klare Sache. Möchte man meinen. "Wenn es Jakob nur ums Geld ginge, hätte er schon früher tolle Angebote von europäischen Topvereinen annehmen können. Seine spielerische Entwicklung steht aber im Vordergrund", sagt Hubert Schmidt, Pöltls langjähriger Trainer beim Zweitligisten Vienna DC Timberwolves in Wien.

Pöltl hat als Stammspieler für die Universität von Utah eine imposante Debütsaison in der höchsten College-Liga (NCAA) aufs Parkett gelegt. In 33 Partien verbuchte der 19-Jährige im Schnitt knapp zehn Punkte und sieben Rebounds, bei einer Wurfquote von 70 Prozent.

university of utah athletics
Get to know U with Jakob Pöltl. So stellt sich der Österreicher in Utah vor.

Nicht nur das Potenzial Pöltls ist gewaltig, sondern auch das Interesse von Beobachtern, Spieleragenten und Rechteagenturen. Sie alle wollen sich jeden seiner 213 Zentimeter sichern. "Es war nicht von vornherein klar, dass Jakob so einschlagen würde. Das erste Jahr ist oft das schwierigste. Trainer, Umfeld, Spielanlage müssen passen."

Absehbar? "Es war nicht von vornherein klar, dass Jakob so einschlagen würde."

Es hat alles gepasst. Und nun laufen die Telefone heiß. Bei Mutter Martina, aber auch bei Hubert Schmidt. "Eine turbulente Entwicklung. Plötzlich ruft ein bekannter Spielerbeobachter der Detroit Pistons bei mir an und stellt Fragen."

Ein Rennen mit Regeln

Im Rennen um die größten Talente gibt es aber auch Regeln. NBA-Teams dürfen beispielweise zu Familien von Spielern keinen Kontakt aufnehmen. Will Pöltl auf die große Bühne, muss er sich beim NBA-Draft anmelden. Dort sichern sich die NBA-Teams in einem ausgeklügelten Prozedere jährlich die Rechte an den besten 60 Nachwuchsspielern.

Amerikas Sportszene ist statistikverrückt, Athleten werden wie Aktien gehandelt, ihr Marktwert wird regelmäßig neu prognostiziert. Das Orakel "DraftExpress" reiht Pöltl an elfter Stelle, ein hochdotierter Vertrag wäre ihm sicher.

Der große Sprung kam im Februar, damals häuften sich die starken Auftritte in der NCAA. Die Leistungen beim March Madness gaben einen zusätzlichen Schub.
Jakob Pöltl ist größer und schwerer als der durchschnittliche NBA-Spieler. In Pöltls Domäne (Power Forward/Center) liegt der Schnitt bei etwa 208 cm.

Die Saison an der Uni ist vorbei, ein anderes Szenario heißt Abwarten. "Ich kann mir auch vorstellen, länger am College zu bleiben", sagte Jakob Pöltl kürzlich. "Das ist davon abhängig, wie das Team in Utah nächstes Jahr aussieht und ob ich glaube, dass ich schon bereit bin für die NBA."

Potenzial? "Er lernt extrem schnell, ein Traum für jeden Trainer."

Bereit für Profibasketball ist Pöltl. Wenn auch nicht seit Kindestagen. Als körperlicher Spätzünder wusste er mit 15 Jahren noch nicht, ob er sein Hobby wirklich zum Beruf machen will. Beobachtet wurde er. Und er schmückte auch diverse Nachwuchs-Nationalteams.

foto: university of utah
Basketballtalent verteilt auf 213 Zentimeter: Pöltl im Dress der Utah Utes.

Ein Angebot aus Italien lehnte Pöltl mit 17 ab, er fühlte sich noch nicht reif fürs Ausland. Ausgemessen wurde der Wiener als Jugendlicher bewusst nicht. "Seine Entwicklung war auch ohne Druck vorhersehbar. Einen Vergleich hast du aber natürlich in Österreich in dieser Größenordnung nicht", sagt Schmidt, der als Pöltls Mentor gilt. "Er lernt extrem schnell und ist ein unkomplizierter Typ, ein Traum für jeden Trainer. Dabei ist er aber nicht so verbissen. Er legt gerne Extraschichten ein, lebt aber nicht in der Turnhalle. Das würde ihn auch nur hemmen."

Korner ortet Risiko

Raoul Korner ist Österreichs Aushängeschild als Basketballtrainer, als Headcoach dirigiert er den deutschen Bundesligisten Braunschweig. Den Weg Pöltls verfolgt der 41-Jährige freilich mit großem Interesse. "Sollte Jakobs Aktie weiter so hoch im Kurs stehen, wäre der Schritt in die NBA logisch. Die Voraussetzungen hat er, da er noch sehr jung ist und ihn zu Beginn niemand auf dem Radar hatte, weil er aus Österreich kommt", sagt Korner. Das Risiko einer Verletzung oder einer schlechten nächsten Saison ist seiner Meinung nach zu groß, um zu warten.

Ein unschönes Alternativszenario: Sollte Pöltl erst spät im Draft gezogen werden, könnte er verliehen oder ins Farmteam abgeschoben werden. Wege ins Schlaraffenland des Basketballs gibt es verschiedene. Viele europäische Talente sammeln jahrelang Erfahrung in Spanien, Griechenland oder Italien und wechseln erst dann über den großen Teich.

Die NBA, das ist auch die härteste Liga der Welt. Es sind knapp 500 Jobs zu vergeben, für ein Viertel aller Spieler endet der Traum jedes Jahr, bevor er angefangen hat.

Kanada stellt mit 12 Spielern das größte Kontingent an NBA-Legionären. Gefolgt von Frankreich (10), Australien (8) und Brasilien (7). Nicht übel: Montenegro und Slowenien mit je drei Spielern.

Die Liga kommt bisher gut ohne Österreicher aus. Dem Tiroler Hannes Haid war es 1990 gelungen, zumindest NBA-Luft zu schnuppern. Er wurde zu einem Trainingslager in Detroit eingeladen. 2013 tat es ihm Rasid Mahalbasic bei Utah Jazz gleich, er spielte dort in der Summer League, einem Vorhof der NBA. Der Steirer Martin Kohlmaier, mit 2,18 Meter noch größer als Pöltl, meldete sich vor neun Jahren sogar zum Draft an, wurde aber nicht berücksichtigt.

Einstellung? "Jakob ist besonnen, hat immer gute Entscheidungen getroffen."

"Jakob ist besonnen, hat immer gute Entscheidungen getroffen, weiß um seine Defizite", sagt Schmidt. Wo Pöltl garantiert einen Platz finden würde, wäre im Nationalteam. Im Verband (ÖBV) darf man sich Hoffnungen machen. Mit Pöltls Hilfe soll bald die erste EM-Qualifikation seit 40 Jahren gelingen.

Korner: "Entscheidend wird sein, dass sich Jakob mit den richtigen Leuten umgibt. Derzeit wird er eine Unzahl 'guter Freunde' haben, die alle nur mit ihm Geld verdienen wollen. Wenn er an den richtigen Agenten gerät und Schulterklopfer von sich fernhält, wird er seinen Weg machen." (Florian Vetter, DER STANDARD, 9.4.2015)