Kirchen: Österreich soll Völkermord an Armeniern anerkennen

9. April 2015, 07:31
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Ökumenischer Rat schrieb an Spitzenvertreter der Republik

Wien/Vatikanstadt – Der Vorstand des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) hat in einem Brief an Bundespräsident Heinz Fischer, Nationalratspräsidentin Doris Bures, Bundeskanzler Werner Faymann (beide SPÖ) sowie Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Außenminister Sebastian Kurz (beide ÖVP) gefordert, dass die Republik Österreich den Völkermord am armenischen Volk als solchen anerkennt.

Anlass des Schreibens ist das am 24. April bevorstehende 100-Jahr-Gedenken des Beginns des Völkermords an den Armeniern und anderen christlichen Gruppen im Osmanischen Reich während und nach dem Ersten Weltkrieg. Diesem Beispiel mögen dann viele andere Staaten folgen, schrieb der ÖRKÖ-Vorstand, darunter der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer und der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, laut Kathpress. Die Anerkennung von österreichischer Seite sei "längst überfällig".

Mögliches Zeichen der Wiedergutmachung

Mehr als 20 Staaten – etwa durch Parlamentsresolutionen – sowie internationale Organisationen, darunter die UNO, haben die bürokratisch geplante Verfolgung der Armenier als Völkermord anerkannt. Die Kirchenvertreter sehen in einem solchen Akt auch ein mögliches Zeichen der Wiedergutmachung und Versöhnung: "Dies gilt umso mehr, als es in der Türkei von heute auf zivilgesellschaftlicher Basis deutliche Anzeichen der Bereitschaft gibt, das schreiende Unrecht der Ereignisse nach dem 24. April 1915 anzuerkennen und zu bedauern."

Der verstorbene österreichische Staats- und Völkerrechtler Felix Ermacora, Nationalratsabgeordneter und Präsident der UNO-Menschenrechtskommission, war einer der Vorkämpfer für die internationale Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern. Auf Parteienebene in Österreich haben sich die Grünen für eine Anerkennung stark gemacht - bisher vergeblich.

Zwischen 1915 und 1918 wurden im damaligen Osmanischen Reich nach armenischen Angaben 1,5 Millionen Armenier ermordet, aber auch chaldäische und assyrische Christen. Historiker sprechen vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts". Die offizielle Linie der türkischen Regierungen bis heute ist, dass es sich damals um Notmaßnahmen handelte, weil zu befürchten war, dass die Armenier mit dem Feind Russland zusammenarbeiten; es habe rund 300.000 Tote gegeben, aber keinen Völkermord. Das Deutsche Kaiserreich war wie die Österreich-Ungarische Monarchie im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet, beide Staaten wussten auch über die Massaker und Vertreibungen Bescheid, ohne dagegen einzuschreiten.

Papst leitet Gottesdienst in Rom

Papst Franziskus wird am "Sonntag der Barmherzigkeit" (12. April) im Petersdom einen Gottesdienst leiten. Offizieller Anlass ist die Verleihung des Titels "Kirchenlehrer" an den armenischen Heiligen Gregor von Narek, inoffiziell steht jedoch das Gedenken an die Opfer des Völkermords des 20. im Mittelpunkt. Mit Spannung wird erwartet, was Franziskus in seiner Ansprache zu dem türkischen Tabuthema des Genozids 1915/16 sagen wird. Die offene Frage ist, ob er das Wort "Völkermord" in den Mund nehmen wird. Dies entspricht wohl dem Wunsch der armenischen Kirchen.

Im Jahr 2006, als Jorge Mario Bergoglio noch Erzbischof von Buenos Aires war, hatte er die Türkei aufgefordert, die Massaker als "das größte jemals von der ottomanischen Türkei begangene Verbrechen gegen das armenische Volk und die Menschheit insgesamt" anzuerkennen. Ankara legte daraufhin Beschwerde ein und zitierte den Apostolischen Nuntius ins Außenministerium. Als Franziskus die Gräueltaten an den Armeniern knapp drei Monate nach seinem Amtsantritt als Papst, Anfang Juni 2013, als "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" bezeichnete, protestierte die Türkei ebenfalls offiziell. "Absolut inakzeptabel" sei diese Äußerung, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Ankara. Wieder wurde der vatikanische Botschafter zu einem Gespräch zitiert. Der Begriff war nicht in einer offiziellen Stellungnahme gefallen, sondern im persönlichen Gespräch mit Nachfahren von Opfern der Vertreibung am Rande einer Privataudienz für den armenisch-katholisch Patriarchen Nerses Bedros XIX. im Vatikan. Bekannt wurde die Äußerung durch einen Mitschnitt des vatikanischen Fernsehens. (APA, 9.4.2015)

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