Frankreich will nach IS-Hackerangriff auf TV5 Monde reagieren

9. April 2015, 17:14
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Der Angriff auf den Fernsehsender war die bisher größte jihadistische Operation dieser Art. Die Regierung bietet nun 500 Cyberspezialisten zur Abwehr auf. Ob man gegen neue Internetangriffe gewappnet wäre, steht aber infrage.

Zuerst fiel der Bildschirm aus. Dann tauchten auf Facebook- und Twitterseiten des französischen Senders TV5 Monde kuriose Meldungen auf. Ein "Cyberkalifat" teilte Frankreichs Präsident François Hollande unter anderem mit, er begehe einen "großen Fehler", wenn er im Schlepptau der USA gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) vorgehe.

So begann am Mittwochabend kurz nach 22 Uhr die bisher massivste Cyberattacke auf einen Fernsehsender. Der frankofone Ableger von TV5, der von Frankreich, Kanada, Belgien und der Schweiz unterhalten wird und in allen Weltgegenden via Satellit oder Kabel zu sehen ist, blieb drei Stunden lang blockiert. Auch danach vermochte die Produktion nur bereits aufgezeichnete Sendungen auszustrahlen; Liveberichte waren nicht möglich. Nur langsam übernahm TV5 Monde wieder die Kontrolle über seine Internetauftritte und über seine elf Kanäle, darunter das gerade erst gestartete Programm über die französische Lebensart.

Der Direktor der Gruppe, Yves Bigot, sprach von einer "äußerst starken Cyberattacke". Er musste einräumen, dass seine Techniker lange machtlos waren beim Versuch, wieder auf Sendung zu gehen. Offenbar war das ganze Informatiksystem infiltriert.

Minutiöse Vorbereitung

Laut Damien Bancal, Experte in Sachen Cyberkriminalität, ist es "technisch einfach", in ein solches System hineinzugelangen. Dazu genügten ein paar gestohlene Passwörter oder E-Mail-Anhänge mit verdeckter Spionagesoftware. Überraschend sei hingegen, wie umfassend das System gekapert worden sei; das lasse auf minutiöse Vorbereitung schließen.

Über das Cyberkalifat war vorerst wenig bekannt. Experten gingen davon aus, dass die Hacker nicht aus Syrien oder dem Irak agieren, sondern möglicherweise über Server in den Niederlanden. Die Botschaften sind in fehlerhaftem Arabisch, Englisch und Französisch gehalten, was sie von perfekten Internetauftritten vieler IS-Akteure unterscheidet. Im Jänner war das Cyberkalifat in das Twitter-Konto des amerikanischen Regionalkommandos "CentCom" für den Nahen Osten, Ostafrika und Zentralasien eingedrungen; das US-Magazin Newsweek wurde zudem minutenlang blockiert.

Der neue Angriff enthält auch einen Appell an französische Soldaten - unter denen nicht wenige Muslime sind - , dem Kampf gegen den IS fernzubleiben. Frankreich ist im Irak etwa mit einem Flugzeugträger und drei Dutzend Kampfflugzeugen engagiert.

Deshalb habe Paris im Jänner auch die "Geschenke" der Attentate auf das Magazin "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt erhalten, heißt es unter der Signatur "Je suis IS" - einer offensichtlichen Antwort auf den Solidaritätsslogan "Je suis Charlie".

Noch gravierender scheint, dass die mutmaßlichen Informatiker des Kalifats von einigen teils im Irak und Syrien engagierten französischen Soldaten Namen, Lebensläufe und Ausweise über die TV5-Online-Kanäle verbreiteten. Damit liefern sie die "Verräter" wohl einer jihadistischen Vendetta aus. Ob die Dokumente authentisch sind und wie sie in die Hände der Hacker kamen, blieb offen.

Aufstockung der Geheimdienste

Die französische Regierung nimmt die Cyberattacke jedenfalls sehr ernst, machte sie doch dem attackierten Sender gleich mit drei Vertretern ihre Aufwartung. "Wir haben es mit sehr entschlossenen Terroristen zu tun, aber wir sind unsererseits sehr entschlossen, sie zu bekämpfen", erklärte Innenminister Bernard Cazeneuve vor dem Pariser Sitz von TV5 Monde.

Nach den Charlie Hebdo-Anschlägen hatte ein erstes Antiterrorgesetz unter anderem terrorverherrlichende Internetauftritte ins Fadenkreuz genommen. Vor wenigen Tagen hat Premierminister Manuel Valls außerdem eine weitere Vorlage zur Aufstockung der Geheimdienste und der besseren Überwachung der Kommunikationswege dem Parlament vorgelegt. Als Reaktion auf die TV5-Attacke kündigte Cazeneuve zudem die Anstellung von 500 Technikern an, die den Cyber-Jihadismus in Frankreich bekämpfen sollen. "Ob auf der rechtlichen, menschlichen oder technologischen Ebene - unsere Mobilmachung ist total", meinte der sozialistische Innenminister. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 10.4.2015)

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