Frankreichs Briefträger als Sozialarbeiter

9. April 2015, 10:00
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Die Post will die Privatisierung mit allen Mitteln verhindern

In Frankreich hat der Staat noch nicht abgedankt. Das beweist die Institution des Briefträgers, die zum Morgenalltag der Franzosen gehört wie das Baguette. "Le facteur" kommt sechsmal die Woche vorbei, und zwar bei Wind und Regen – und über Stock und Stein: Im französischen Überseegebiet La Réunion trägt der Postbote die Briefe zum Beispiel so weit, dass er jeden Monat ein verschlissenes Paar Turnschuhe ersetzt erhält.

Der französische Postbote ist das lebende Symbol des Service public, des öffentlichen Diensts à la française. 243.000 "facteurs" durchqueren noch das flächenmäßig größte Land Europas, um ihre wertvolle Fracht bis in die hintersten Winkel der Republik zu bringen. Das sind um nahezu 100.000 Briefträger weniger als noch zu Ende des vergangenen Jahrhunderts. Denn die Zeit bleibt auch in Frankreich nicht stehen: Die Briefpost, bei der die französische Post im Unterschied zur Paketzustellung noch ein Monopol hat, schrumpft internetbedingt um etwa sechs Prozent im Jahr.

Noch in der Gewinnzone

Die Direktion reagiert mit drastischen Sparmaßnahmen und internen Reformen. Das Staatsunternehmen wirtschaftet zwar noch in der Gewinnzone: Auf einen Umsatz von 22 Milliarden Euro kam im Geschäftsjahr 2013 ein Gewinn von 628 Millionen Euro. Das ist vor allem den lukrativen Geschäftszweigen Postbank, Mobilfunk und internationale Paketzustellung zu verdanken. Die Briefzustellung kostet die Post jährlich mehr als 400 Millionen Euro und sorgt für eine hohe Verschuldung.

Deshalb sollen 7.000 der 9.700 Postämter schließen, wie Pariser Medien diese Woche publikgemacht haben. Die Zahl wird von der Post nicht dementiert. Sie ergänzt bloß, dass die aufgehobenen Postämter nicht alle ersatzlos gestrichen würden. Andere Stellen sollen die Postdienste übernehmen.

Neue Einsatzgebiete

Zahlreiche Experimente laufen bereits. In der Stadt Reims testet die Post zum Beispiel die Ansiedlung in Supermärkten. Dort geben Kassiererinnen nicht nur die Post, sondern auch eingeschriebene Briefe ab. In Bordeaux läuft ein Versuch mit Verteilzentren, wo sich die Paketausgabe zwischen Schuhreparaturen oder Putzereien befindet.

Andernorts müssen die Briefträger umdenken. Sie liefern neuerdings auch Medikamente frei Haus und schaffen in einzelnen – sozialen – Fällen auch Lebensmittel herbei. Umgekehrt sammeln sie Sondermüll wie Handys und Kaffeemaschinenkapseln ein.

In einzelnen Ortschaften lesen sie die staatlichen Strom- und Wasserzähler ab; andernorts pflegen sie Kontakt zu alleinstehenden Senioren oder Behinderten, die keinen Fuß mehr vor die Tür setzen können. Auch das Angebot von Versicherungspolizzen ist geplant. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 9.4.2015)

  • Die französische Post emotionalisiert: kaum ein Jahr, in dem  nicht auf der Straße gegen Privatisierung, Rationalisierung oder Personalabbau mobilisiert wurde.
    foto: epa / yoan valat

    Die französische Post emotionalisiert: kaum ein Jahr, in dem nicht auf der Straße gegen Privatisierung, Rationalisierung oder Personalabbau mobilisiert wurde.

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