Westandalusische Ökoreserve vor Kollaps

10. April 2015, 05:30
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Der Nationalpark Coto de Doñana ist für die Artenvielfalt so wichtig wie die Amazonas-Regenwälder und das Great Barrier Reef

Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen beginnt ein Gezwitscher und Geschnatter: Das ganze Jahr über machen im westspanischen Nationalpark Coto de Doñana mehr als sechs Millionen Zugvögeln Station, bevor sie Richtung Süden weiterziehen. Das Weltnaturerbe am Golf von Cadíz in Andalusien ist Europas wichtigstes Feuchtgebiet und sehr stark gefährdet, wie die Unesco urteilte.

Nun warnt eine weitere Studie des Fachjournals Science vor einem unmittelbaren Kollaps. Darin erachtet das Expertenteam den Doñana-Park als mindestens so wichtig für die Menschheit wie die tropischen Regenwälder im Amazonasgebiet oder das Great Barrier Reef vor Australiens Ostküste. Während das Amazonasgebiet für das Weltklima wirkt, ist es die Rolle von Doñana, vor allem das Leben und Überleben der Zugvögel zu sichern.

Das Schutzgebiet erstreckt sich über 110.000 Hektar. Auen, Sumpf- und Feuchtgebiete befinden sich neben festen und wandernden Dünen. Es gibt jahrhundertealte Pinienwälder und savannenartiges Grasland. Einige Dutzend der noch lebenden iberischen Luchse finden in der abwechslungsreichen Landschaft ihren Lebensraum.

Illegale Brunnenbohrungen

Der Nationalpark ist durch unterschiedliche Faktoren bedroht: Der Grundwasserpegel sinkt wegen tausender illegaler Brunnenbohrungen. Das Wasser hilft, den lukrativen und bewässerungsintensiven Markt von Erdbeeren im Winter aufrechtzuerhalten. Das fügte der noch weitgehend vom Tourismus verschonten Natur irreparable Schäden zu. Die Regionalverwaltung, die seit Dekaden von diesen Praktiken weiß, hat versagt, kritisieren Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder Ecologistas en Acción.

Die Landwirtschaft im Umland des Nationalparks, oft gleich vis-à-vis des Grenzzauns, legt diesen nicht nur trocken. Sie bringt Zusatzbelastungen durch chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Gasspeicher- und Pipelineprojekte sowie die Tieferlegung der schiffbaren Spur des Flusses Guadalquivir als Wasserstraße zum Ballungsraum Sevilla beschädigen zusätzlich das Ökosystem. Gegen den Klimawandel sei eine kollektive Anstrengung notwendig, gegen die regionalen Probleme müssten aber lokale Taten gesetzt werden, fordern die Science-Forscher in ihrer Studie. "Man muss schnell handeln, sonst entgleiten die Möglichkeiten, um Maßnahmen zu ergreifen", sagt Koautor Andy Green aus Manchester. Gegen die Errichtung illegaler Brunnen müsse sofort gehandelt werden, fordert der Biologe weiter. Andernfalls drohe Doñana das Schicksal des zentralspanischen Nationalparks Tablas de Daimiel. Nur durch massive Nachspeisung mit Wasser aus fernen Flussläufen konnte das Ökosystem wiederbelebt werden.

Als ersten Schritt müsse lokalen Landwirten finanzielle Unterstützung gewährt werden, damit sie von chemischen Düngern abschwören, sagt Green. Die Kläranlagentechnik sollte außerdem rasch modernisiert werden, um die Verschmutzung der Gewässer zu reduzieren.

Kritik an Novelle

Nationalparks sollen "touristisch-ökonomisch besser und intensiver genutzt werden", so lautet die Devise der Regierung. Mit einer Reform des fast hundertjährigen Nationalparkgesetzes machte sich Premier Mariano Rajoy unter Naturschützern und der überwiegenden Mehrheit der 15 spanischen Parkdirektoren keine Freunde. Die Jagdrechte wurden dadurch bis 2020 verlängert, um den Jagdtourismus zu fördern. Bebauungsgrenzen wurden verringert, parknahe Hotels und Herbergen erhalten einfacher Lizenzen und Förderungen. Wanderern und Kletterern wurde hingegen die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. (Jan Marot aus Matalascañas, DER STANDARD, 9.4.2015)

  • Seit 1980 zählt der Doñana-Nationalpark als Unesco-Biosphärenreservat, seit 1994 als Weltnaturerbe. Etwa 1000 Tierarten leben dort.
    foto: epa/jose manuel vidal

    Seit 1980 zählt der Doñana-Nationalpark als Unesco-Biosphärenreservat, seit 1994 als Weltnaturerbe. Etwa 1000 Tierarten leben dort.

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