Drohen hilft nicht weiter

Kommentar8. April 2015, 18:11
161 Postings

Die Abschaffung der Neuen Mittelschule wäre ein fataler bildungspolitischer Fehler

Dass es nicht funktionieren wird, war von Anfang an klar. Die Neue Mittelschule hat einen Geburtsfehler. Es ist absurd, das System einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen testen zu wollen, während die Gymnasien in der Unterstufe weiterhin bestehen bleiben. Dennoch wäre es ein fataler Fehler, die Neue Mittelschule jetzt wieder abzuschaffen. Damit droht die ÖVP in regelmäßigen Abständen. Kürzlich verkündete ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner, dass die Fortsetzung der Neuen Mittelschule nicht garantiert sei.

Wenn die neue Schulform jetzt wieder eingestampft wird, hätte man die hunderten Millionen an Euro, die das Projekt gekostet hat, gleich beim Fenster rauswerfen können. Davon abgesehen wäre eine solche Entscheidung die denkbar schlechteste für die betroffenen Lehrer und Schüler.

Obwohl es in der öffentlichen Debatte oft heißt, dass bei der Neuen Mittelschule nur die Türschilder der Hauptschulen ausgetauscht wurden, ist die Einführung einer neuen Schulform neben der Zentralmatura die größte Änderung im österreichischen Bildungssystem seit Jahrzehnten. Die Lehrer müssen anders unterrichten und anders benoten. Im Idealfall haben sie viel Energie in die Umstellung auf neue Methoden des Unterrichtens investiert. Wenn man diese engagierten Lehrer jetzt zurück an den Start und in die Hauptschulen schickt, würde sie dies in hohem Maße frustrieren. Genau diese engagierten Lehrer braucht das System aber. Immerhin hat die Evaluierung der Neuen Mittelschule gezeigt, dass sie vor allem dort funktioniert, wo sich die Pädagogen für das neue System einsetzen.

Ob es die ÖVP mit der Drohung einer Abschaffung der Neuen Mittelschule ernst meint, ist aber sowieso fraglich. Vielmehr versucht die Volkspartei wohl politisches Kapital aus den Schwierigkeiten des Koalitionspartners SPÖ mit dem Bildungsressort zu schlagen. Wenn das rote Vorzeigeprojekt nicht die erwarteten Erfolge bringt, kann sich wohl auch der ansonsten pragmatische Vizekanzler Mitterlehner ein bisschen Schadenfreude nicht verkneifen. Das ist verständlich, aber nicht angebracht. Anstatt damit zu drohen, bei der Bildungsreform rückwärtszugehen, sollte die ÖVP Vorschläge zu Änderungen bei der NMS bringen.

Denn es ist unbestreitbar, dass die Neue Mittelschule weiterentwickelt werden muss. Die Evaluierung hat gezeigt, dass sie zwar mehr kostet, aber noch keine besseren Leistungen als die Hauptschule bringt.

Die aktuell beschlossenen Änderungen sind kleine Schritte in die richtige Richtung. So können die sechs zusätzlichen Stunden, die jeder Neuen Mittelschule zur Verfügung stehen, künftig flexibel und nicht nur in den Schwerpunktfächern eingesetzt werden. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) will außerdem die Benotung vereinfachen. Darüber werden sich vor allem die Lehrer freuen; das bisherige System war mit sieben Noten viel zu kompliziert.

Weitere Reformen, die bei den Lehrern ansetzen, sind notwendig. Viele der Pädagogen stehen dem neuen Schultypus noch skeptisch gegenüber, man muss versuchen, sie von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen. Am besten mit Weiterbildungen. Ein anderer Ansatz findet sich im Expertenpapier bezüglich der Schulverwaltungsreform: Sie schlagen vor, Lehrer für besondere pädagogische Leistungen der Schüler finanziell zu belohnen. Das könnte neue Anreize schaffen. (Lisa Kogelnik, DER STANDARD, 9.4.2015)

Share if you care.