Das koloniale Gesicht des südafrikanischen Rassismus

10. April 2015, 13:37
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Eine Statue des englischen Eroberers Cecil John Rhodes sorgte für Proteste von schwarzen Studenten. Nun wurde sie entfernt

Hätte Cecil John Rhodes noch den Ärger der Studenten über seine Statue auf den Stufen der Universität von Kapstadt miterlebt, hätte er sich vor Schande wohl kaum auf die Straße getraut. Doch erst zwei Jahrhunderte nach der Errichtung des Denkmals gehen schwarze Studenten auf die Barrikaden und bewerfen den einstigen Helden mit Fäkalien. Rhodes muss weg, lautet ihre Kampagne.

Der Senat der Hochschule stimmte mittlerweile darüber ab und sieht Rhodes demnach ebenfalls als Übel alter Relikte. Ein speziell dafür eingesetzter Universitätsrat hat am Mittwoch ebenfalls entschieden, dass die Statue entfernt werden soll, was auch prompt passierte. Bis dahin war der englische Eroberer, der die Briten im 19. Jahrhundert als "erste Rasse der Welt" ansah, zum Schutz mit einer Holzbox umrandet worden. Der in Kapstadt gestorbene Kolonialist zierte nur noch in einer Kiste die ehemalige Prestige-Universität der Weißen, an der jetzt das mangelhafte Bildungssystem Südafrikas seine Risse in der Postapartheid zeigt. Die Attacken auf die Rhodes-Statue der Kolonialzeit "geben uns einen Einblick in die Frustrationen und Aspirationen der aufkommenden schwarzen Mittelklasse", erklärt der populäre Kolumnist Max du Preez, früherer Chefredakteur der provokativen afrikaansen Zeitung Vrye Weekblad.

Institutioneller Rassismus

Die Diskussionen um Rassismus sind in Südafrika zumindest unterschwellig immer präsent, nun gibt es dafür auch ein Gesicht - jenes von Rhodes. Die Studenten sprechen von institutionellem Rassismus. Junge Schwarze, die sogenannte "Born free"-Generation, haben den Anti-Apartheid-Kampf nicht erlebt, aber sie fühlen sich nicht wohl an einer Universität, deren akademische Führung immer noch mehrheitlich weiß ist. Stipendien und Eltern der mittleren Einkommensgruppe stärken die Studenten - die Unsicherheit aber bleibt.

Ihre Abneigung gegen überhebliche weiße Liberale - in der Regel sind damit die englischsprachigen Südafrikaner gemeint -, hat Unmut in diesem Lager erregt. Sonst richtet sich Protest meist gegen Ehrungen der Afrikaaner des ehemaligen Regimes. Andere regen sich über den Tumult auf und fragen auf Twitter: Sollen wir bald auch noch die Fische und Vögel umbenennen?

Aber die Gruppe der protestierenden Studenten hat keinen neuen Rassenkrieg angezettelt. Sie ist auf gewaltfreiem Weg kritisch. "Die Systeme und Strukturen erwecken den Eindruck, dass wir nicht an diese Universität gehören. Wir fühlen uns ausgegrenzt", sagte Ntokozo Dladla, ein 21-jähriger Jusstudent, im Vorfeld der Entscheidung des Universitätsrates. "Die Statue dramatisiert diese Gefühle. Wir wollen sie nicht zerstören, sie soll lediglich vom Campus verschwinden."

Fehlende Wiedererkennung

Die gleichaltrige Studentin Mbali Matandela meinte, der Fokus der Debatte gehe viel tiefer als Worte, ein Gebäude oder eine Statue: "Unsere Lehrer repräsentieren weder unsere Geschichte noch unsere Erzählungen und Sprache. Wir erkennen uns nicht in den Monumenten wieder, und dann lesen wir Bücher, die nichts mit uns zu tun haben."

Vorwürfe gegen Studenten, es sei heuchlerisch, gegen Rhodes zu protestieren und gleichzeitig Stipendien aus dem Rhodes-Fonds zu genießen, werden abgewehrt: Ungleichheit müsse trotzdem bekämpft werden. Alle Universitäten sollten sich entscheiden, die Lehrstrukturen zu reformieren. (Martina Schwikowski aus Johannesburg, DER STANDARD, 10.4.2015)

  • Die Statue von Cecil Rhodes wurde am Mittwoch abtransportiert.
    foto: reuters/mike hutchings

    Die Statue von Cecil Rhodes wurde am Mittwoch abtransportiert.

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