Sozialwissenschaften: Besser als ihr Ruf

Kommentar der anderen8. April 2015, 17:02
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Von wegen weit weg von Herausforderungen und Problemen der Gegenwart: Die Sozialwissenschaften produzieren Relevantes, die Güte des Outputs steigt stetig. Eine Dissertation aus den 1960er-Jahren würde heute nicht als Masterarbeit durchgehen

Liest man die hierzu kürzlich veröffentlichten Kommentare im STANDARD, so steht es um die Sozialwissenschaften nicht gut. Für Christian Fleck ("Selbsterkenntnis für die Sozialwissenschaften", 28./29. März) haben sie geringes Ansehen, ihre Zeitschriften stehen in internationalen Ranglisten höchstens unter "ferner liefen", Gewinner der Grants des European Research Council sind nur Demografen (sind das keine Sozialwissenschafter?), ein kritischer Gegenwartsbezug fehlt in Ökonomie, Politologie und Soziologie. Für Helmut Kramer ("Politikwissenschaft im Griff der Parteien", 30. März) haben sich die Arbeitsbedingungen an den Universitäten verschlechtert und in Massenfächern wie der Politikwissenschaft zu einem deutlichen Niveauverlust geführt.

Ich kann diesen Diagnosen meiner geschätzten Kollegen nicht zustimmen, wobei ich hier keine umfangreichen statistischen Daten anführen möchte, sondern vor allem meine eigene 30-jährige (mit Studium und Beschäftigung im Ausland 40-jährige) Erfahrung in akademischer Lehre und Forschung.

Dass österreichische sozialwissenschaftliche Zeitschriften im weltweiten Ranking kaum eine Rolle spielen, teilen sie mit den Topzeitschriften der Bundesrepublik; was (und wer) heute nicht auf Englisch publiziert wird, wird international nicht wahrgenommen. Ein unkritischer Glauben an diese und andere weltweite Rankings ist unangebracht, selbst wenn sie immer wieder publiziert werden. In der Bundesrepublik werden österreichische Zeitschriften aber sehr wohl rezipiert. Insgesamt hat sich die internationale Zitationsquote österreichischer Autoren in den letzten Jahrzehnten erhöht. Auch die Qualität der akademischen Abschlussarbeiten (Diplomarbeiten, Dissertationen) ist gestiegen; was in den 1960er-Jahren noch als Dissertation reichte, würde heute oft nicht mehr als Diplom- oder Masterarbeit durchgehen.

Fleck kritisiert, den österreichischen Sozialwissenschaften fehle ein Gegenwartsbezug, vor allem kritischer Art. In allen drei genannten Disziplinen gibt es umfangreiche, vielfach in mehreren neuen Auflagen vorliegende Handbücher des politischen Systems und der Wirtschaftspolitik, Bücher über Gesellschaft und Sozialstruktur. Eine von mir erstellte Broschüre "Buchpublikationen österreichischer Soziologinnen und Soziologen 1950-2002" beinhaltete bereits damals 1166 Werke; seither ist die Publikationstätigkeit zweifellos weitergegangen.

Der Großteil dieser Werke beinhaltet empirische Studien zu Gegenwartsproblemen; viele davon wurden bei politischen Reformprozessen beachtet. In den Medien werden laufend Ökonomen, Politikwissenschaftler und Soziologen zitiert, vor allem jene, die fehlende Reformen im Bildungs- und Pensionssystem, Parteienfinanzierung und Korruption, Ausländerfeindlichkeit und Ungleichheit kritisieren.

Zur Verbesserung der Situation der Sozialwissenschaften hat auch der signifikante personelle Ausbau des wissenschaftlichen Personals auf den Hochschulen, aber auch der infrastrukturellen Bedingungen beigetragen. Als ich 1985 an die Universität Graz berufen wurde, waren die Institute der Sowi-Fakultät mit ihren Büchern über die ganze Stadt verstreut; nun ist alles in einem einzigen Bau direkt beim Hauptgebäude vereint, und eine geräumige Freihandbibliothek erleichtert Studierenden wie Lehrenden die Arbeit enorm. Ähnliches gilt für die Sowi-Fakultät an der Universität Innsbruck. Die Wirtschaftsuniversität Wien verfügt über einen hochmodernen, auch architektonisch-ästhetisch höchst anspruchsvollen Campus; sie nimmt im Hinblick auf ihre wissenschaftliche Reputation einen Spitzenplatz in Europa ein.

Grundlagenforschung

Fleck moniert auch die geringe Erfolgsrate österreichischer Sozialwissenschafter bei Grants des European Research Council; hier wie auch bei EU-Förderungen stechen aber nur die Engländer hervor, begünstigt durch ihre Sprache wie auch ihre eigene kompetitive Wissenschaftskultur. Wo meiner Meinung nach in Österreich - abgesehen vom Fehlen einer studienplatzbezogenen Grundfinanzierung der Universitäten - ein wirkliches Defizit herrscht, ist bei der Förderung von sozialwissenschaftlicher Grundlagenforschung, die praktisch nur über den FWF möglich ist. Diese ist nicht nur absolut, sondern auch relativ klar unterdotiert gegenüber unseren deutschsprachigen Nachbarländern.

Diese unzureichende und fast nur auf kurzfristige Projekte ausgelegte Forschungsfinanzierung trägt mit zu dem von Kramer monierten Problem bei, dass sich viele junge Sozialwissenschafter über Kurzzeitverträge hinwegfretten müssen. Ich möchte keineswegs ein rosarotes Bild der Sozialwissenschaften in Österreich zeichnen, das Lamentieren über sie kann allenfalls ihre Reputation in der Öffentlichkeit verschlechtern. Es gibt im Übrigen signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Fakultäten und Disziplinen, was belegt, dass auch die Universitäten und Institute selbst sehr viel zur Qualität ihrer Lehre und Forschung beitragen können (vergleiche dazu auch die unten genannte ÖAW-Publikation).

Halbleere Hörsäle

So ist selbst die Situation in den "Massenfächern" komplex: Wenn man etwa die zu Semesterbeginn von den Medien immer wieder fotografierten überfüllten Hörsäle im Dezember oder Jänner wieder aufsuchen würde, wären sie wahrscheinlich halbleer (wenn überhaupt). Eine Hauptursache dieser Situation ist das Festhalten an der heiligen Kuh des kostenlosen Universitätsbesuchs, die zu einer Verzerrung sämtlicher statistischen Daten durch gut 40 Prozent lehr- und prüfungsinaktive Inskribierte führt. (Max Haller, DER STANDARD, 9.4.2015)

Max Haller (Jg. 1947) ist Professor für Soziologie an der Universität Graz. Zum Thema gab er kürzlich eine Broschüre heraus, an der zwei Dutzend österreichische und ausländische Sozialwissenschafter mitgearbeitet haben: "Wissenschaft als Beruf. Bestandsaufnahme - Diagnosen - Empfehlungen", Österreichische Akademie der Wissenschaften, Reihe Forschung und Gesellschaft 5.

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