Grenzen der Karikatur

Kolumne8. April 2015, 17:06
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Die menschenverachtende und inakzeptable Karikatur eines Nationalbankers geht eindeutig zu weit

Wie so viele andere Spiele birgt auch das Spiel mit der Provokation Suchtgefahr und ein damit verbundenes Risiko der Überdosierung. Diese Warnung und die daraus resultierende Frage: "Wie weit darf ich gehen?" hat in jüngster Zeit vor allem den Berufsstand der Karikaturisten beschäftigt. Ausgerechnet im von Exzessen der Kunstfreiheit eher selten aufgestörten Österreich ereignete sich nun ein Fall, neben dem selbst die respektloseste Mohammed-Zeichnung wie harmloses Gekritzel wirkt.

Den schockierenden Tabubruch beging Kurier-Karikaturist Michael Pammesberger mit seiner Darstellung eines namenlosen Mitarbeiters der Oesterreichischen Nationalbank. Dieser hält unbekleidet auf dem Boden kniend einen Rechnungshofbericht über OeNB-Privilegien in Händen, den er mit "So eine Frechheit" kommentiert. Gleichzeitig fordert er einen hinter ihm stehenden Mann mit den Worten "Weiter machen da hinten" dazu auf, ihm den Inhalt von mit diversen Privilegien wie "Hitzeurlaub", "Netzkarte" oder "Schwimmbad" beschrifteten Zucker-Säcken mittels Blasebalg rektal zuzuführen.

Nach einer zehn Tage dauernden Schrecksekunde hatte sich OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny wieder so weit gefasst, um in einem empörten Leserbrief die Karikatur als "menschenverachtend" und "inakzeptabel" zu geißeln. Ob er dabei die bildhafte Umsetzung der Redewendung "jemandem Zucker in den Hintern blasen" oder jene der Rechnungshof-Kritik an den Privilegien der Nationalbanker als skandalöser empfunden hat, blieb jedoch offen.

Der Verdacht, dass ihn vor allem die karikaturistische Veranschaulichung der vom Rechnungshof erhobenen Vorwürfe verletzt hat, liegt durchaus nahe, da die ungeliebte Kontrollinstanz erst unlängst auch die Rolle der OeNB-Verantwortlichen beim Hypo-Alpe-Adria-Debakel höchst kritisch bewertet hat. Dass der Rechnungshof bereits 2003 vor den Risken der Bank gewarnt hat, während sich Nowotny und sein Amtsvorgänger Klaus Liebscher mit der Ablieferung von Gefälligkeitsgutachten begnügten, wird seitens der Nationalbanker lieber verdrängt. Daran erinnert zu werden empfinden sie mitunter als Majestätsbeleidigung, auf den Punkt gebracht von Liebscher in einem Interview mit dem Profil: "Stellen Sie nicht so dumme Fragen!"

Doch den von Nörgelei und Undankbarkeit genervten Herren droht noch mehr Kränkung. Die Provokationsspirale dreht sich weiter. Heimische Medien berichten von einem gewissen Günter Willegger, langjähriger Leiter der OeNB-Zweigstelle Klagenfurt (das allein klingt schon verdächtig nach einem kabarettistischen Fake), der 2004 im Rahmen seiner Nebentätigkeit als Landtagsabgeordneter zu den wahnwitzigen Hypo-Landeshaftungen erklärt haben soll: "Wir Freiheitlichen haben überhaupt keine Sorge, in der Zukunft noch mehr Ausschüttungen für die Bevölkerung herauszuholen."

Wer auch immer sich das ausgedacht hat: Hier wurde der Bogen überspannt. Diese nun wirklich menschenverachtende und inakzeptable Karikatur eines Nationalbankers geht eindeutig zu weit. Offensichtlich soll so das Zerrbild des zuckerbeblasenen Notenbankers durch das eines mit humanen Ausscheidungsprodukten zerebral injizierten noch übersteigert werden. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 9.4.2015)

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