Lustbarkeit aus der Mottenkiste

8. April 2015, 17:07
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Miles is back: Kompost 3 im Wiener Konzerthaus

Wien - "Willkommen zum Experiment 'Wiener Band im großen Saal'", sprach Manu Mayr die Begrüßungsworte. Kein Zweifel, ein junges Quartett im gut 1800 Menschen fassenden Großen Konzerthaussaal auftreten zu lassen ist ein mutiges Unterfangen, das letzten Dienstag mit einem gut gefüllten Auditorium belohnt wurde.

Auch dass den vier Musikern die für Orchester dimensionierte Bühne zu groß werden würde, war nicht zu befürchten: Linker Hand hatte sich Benny Omerzell hinter Keyboards und Tastaturen verschanzt, während am rechten Bühnenrand Lukas König sein Instrumenten-Arsenal aufgebaut hatte - was neben dem Schlagzeug bedeutete: große Trommel, Metallblech, Gong, Vibrafon, Marimba.

Dazwischen bezogen die vergleichsweise schlank ausgerüsteten Kollegen Martin Eberle (Trompeten) sowie der besagte Manu Mayr (Kontra- und E-Bass) Position. Kompost 3 ist indessen nicht irgendeine Nachwuchscombo, sondern die Band der Stunde im österreichischen Jazz.

Erste Preise bei Wettbewerben in Bremen und Wien anno 2014 stehen zu Buche, was die Produktion der dritten CD Ballads For Melancholy Robots naturgemäß beschleunigte. Whatever Happened in Roswell, der CD-Opener, stand auch im Konzerthaus am Beginn. Ein rotziger Slow-Funk-Groove gewann an Kontur, die Hammond-Orgel ließ sich räudig hören, während die Zugtrompete schmalzige Glissandi intonierte, um wenig später fauchend und in aggressiv verzerrtem Sound zum Solo anzusetzen.

Trompetenechos à la Miles Davis

Wunderkammer hingegen begann mit verführerisch funkelnden Dreiklangszerlegungen des Keyboards, im Mittelteil leuchteten Trompetenechos à la Miles Davis und psychedelische E-Piano-Klänge auf: So wie Kompost 3 hier in der Mottenkiste des Jazzrock wühlte, so unbekümmert pflegen sich die vier Herren generell im Fundus der Geschichte zu bedienen.

Im neuen Programm entstehen auf diese Weise komplexe, collagenartige Soundscapes von beinahe orchestraler Soundfülle. Soli spielen nur mehr eine untergeordnete Rolle. An mancher Stelle wäre es wohl ein spannender Kontrapunkt gewesen, hätten sich Martin Eberle, Benny Omerzell, Manu Mayr oder Lukas König erlaubt, mit einem lustvollen Solo-Exkurs aus der kollektiven Disziplin auszureißen.

Und auch wenn noch nicht alles mit letzter Prägnanz ausformuliert schien, so entwickelte die Musik in brodelnden, scheppernden Grooves oder Ambient-infizierten Klangszenerien dennoch immer wieder faszinierende Sogwirkung. Standing Ovations. (Andreas Felber, DER STANDARD, 9.4.2015)

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