Sandklaffmuscheln stecken sich mit Krebs an

19. April 2015, 13:00
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An der Ostküste Nordamerikas bedroht eine leukämieähnliche Krankheit die Population einer Muschelart. Die Krebszellen sind übertragbar

New York / Burlington – Auch Muscheln können im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken. In den 1970ern entdeckten Forscher bei der Sandklaffmuschel vor der nordamerikanischen Ostküste eine Krankheit, die mit Leukämie beim Menschen vergleichbar ist. Ohne erkennbare Ursache griff die tödliche Krebserkrankung immer weiter um sich. Forscher der Columbia University und des kanadischen Umweltministeriums fanden nun den Grund für das Muschelsterben, das bis heute andauert: Die Krebsart ist ansteckend.

Was die Wissenschaftler im Journal "Cell" beschreiben, widerspricht dem normalen Verhalten von Tumorzellen. Krebs entsteht, wenn körpereigene Zellen außer Kontrolle geraten und sich massenhaft teilen. Die mutierten Zellen können das Immunsystem teilweise überlisten – bei einem fremden Organismus hat ihre Tarnung aber keine Chance. Die Abwehrkräfte erkennen den Eindringling und reagieren sofort.

Die Ahnenreihe der Krebszelle

Deshalb suchten Forscher den Fehler zuerst bei Mutationen in der einzelnen Muschel. "Steamer" nannten sie die Gensequenz, die in gesunden Tierzellen kaum, in Krebszellen aber massenhaft mit bis zu 150 Kopien auftritt. Nach einem genauen Blick auf die Tumor-DNA von Muscheln aus den Gewässern vor New York, Maine, und der Prince-Edward-Insel stießen sie auf die tiefere Ursache der weiten Krebsverbreitung.

Die Gene ließen wenig Zweifel aufkommen, dass es sich um Übertragung handelt. Während sich die DNA von Tumor und Wirt klar unterscheiden, verfügen alle Krebszellen über die gesamte Ostküste hinweg über eine fast identische genetische Ausstattung. Sie stammen wahrscheinlich von einer einzigen mutierten Zelle ab. Seitdem verbreiten sich ihre Klone über das Salzwasser von einer Muschel zur nächsten.

Sehr selten, aber nicht neu

Bereits vor einigen Jahren überraschte die Entdeckung einer übertragbaren Krebserkrankung. Bei Hunden betrifft das Phänomen die äußeren Geschlechtsorgane und wird Sticker-Sarkom genannt. Auch Tasmanische Teufel leiden unter einem infektiösen Tumor, der im Gesicht der Tiere auftritt und durch Bisse übertragen wird. Die leukämieähnliche Erkrankung bei Muscheln ist nun der dritte bekannte Fall einer ansteckenden Krebserkrankung.

Vor den spezifischen Krebsformen der beiden Säugetiere galt die Übertragbarkeit von Krebs als höchst unwahrscheinlich. Mit dem Fall der Sandklaffmuscheln taucht das seltene Phänomen erstmals unter Wasser auf. (red, derStandard.at, 19.4.2015)

  • Eine neue Studie in der Fachzeitschrift "Cell" liefert den Beleg dafür, dass eine leukämieähnliche Krebsform bei Muscheln übertragbar ist.
    foto: michael j. metzger

    Eine neue Studie in der Fachzeitschrift "Cell" liefert den Beleg dafür, dass eine leukämieähnliche Krebsform bei Muscheln übertragbar ist.

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