Die Nandus haben sich im Norden Deutschlands eingelebt

8. April 2015, 16:10
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Die aus entlaufenen Zuchttieren entstandene Population ist munter weitergewachsen, wie die jüngste Zählung ergab

Schwerin - Seit einigen Jahren ist es offiziell: Wie die Kontinente der Südhalbkugel hat auch Europa mittlerweile einen großen wildlebenden Laufvogel. Der hat sich allerdings weder hier entwickelt, noch ist er zu Fuß angekommen.

foto: apa/dpa
Eine typisch norddeutsche Szenerie.

Der Nandu (Rhea americana) stammt ursprünglich aus Südamerika. So wie sein größerer Vetter, der afrikanische Strauß, wird er wegen seines Fleisches und seiner Eier, zur Gewinnung von Leder und Öl oder einfach nur zur Freude an vielen Orten in Europa gezüchtet. Bisweilen büxen die knapp eineinhalb Meter hohen Vögel auch aus, was normalerweise ohne Folgen bleibt. Im Jahr 2000 entkamen jedoch einige Tiere aus einer Zucht im norddeutschen Schleswig-Holstein, wanderten ins benachbarte Bundesland Mecklenburg-Vorpommern und fühlten sich dort recht wohl.

Population mit Wachstumspotenzial

Und sie sind gekommen, um zu bleiben. Schon 2001 schlüpften die ersten Jungtiere, seitdem hat sich die Population laufend erhöht. Die jüngste Zählung, die Ende März durchgeführt wurde, kam bereits auf 120 Tiere in dem etwa 150 Quadratkilometer großen Kerngebiet, in dem sich die Nandus zuerst angesiedelt haben. Im Jahr davor seien dort nur 76 gezählt worden, wie der Norddeutsche Rundfunk berichtet. Mit 60 Jungvögeln sei das vergangene Jahr ein gutes für die Nandus gewesen, so der NDR. Und ihr Verbreitungsgebiet dürfte sich ohnehin bereits erweitert haben, weshalb den Vögeln auch in angrenzenden Regionen nachgeforscht werden soll.

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Ein Nandu-Hahn mit zwei Hennen auf einem Rapsfeld - dort werden sie von Bauern gar nicht gerne gesehen.

In ihrer südamerikanischen Heimat bewohnen Nandus Grasländer und Savannen. Die Mecklenburger Natur kommt dem offenbar nahe genug: Die vielseitigen Tiere wurden schon auf Wiesen- und Landwirtschaftsflächen gesichtet und sogar in Wäldern, was sie "zu Hause" eher vermeiden. Kälte scheint für sie kein großes Problem zu sein, allerdings ist ihnen der milde Winter 2014/15 besonders entgegengekommen.

Bioinvasoren oder Bereicherung?

Ein großes Fragezeichen steht hinter dem Status der Tiere: Da sie aus eigenen Stücken brüten, kann man sie als Wildtiere bezeichnen - und sie sind (noch) selten genug, dass sie sogar unter Artenschutz stehen. Unbestreitbar sind sie Neozoen - ob es sich auch um Bioninvasoren, also schädliche Neuankömmlinge, handelt, ist offen.

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Bald wird man in Mecklenburg-Vorpommern vielleicht neue Verkehrsschilder brauchen.

Nandus ernähren sich vorwiegend pflanzlich, fressen aber auch Insekten und andere Kleintiere. Falls sie ihre eigene ökologische Nische gefunden haben, gäbe es keinen Grund, die Nandus als Bioinvasoren einzustufen und - wie bereits gefordert wurde - sie auszurotten. Dafür müsste erst bewiesen werden, dass sie einheimische Arten verdrängen.

Bis dahin bleiben die Nandus eine lokale Touristenattraktion einerseits und ein mögliches Ärgernis für Bauern, wenn sich die großen Vögel über Felder hermachen, andererseits. Auf jeden Fall sind sie ein Farbtupfer in der an Großtieren armen Fauna Europas. (jdo, derStandard.at, 8.4.2015)

  • Zumindest so lange, bis die Einstufung als Bioinvasor kommt, hat der Nandu in Deutschland gut lachen.
    foto: apa/dpa

    Zumindest so lange, bis die Einstufung als Bioinvasor kommt, hat der Nandu in Deutschland gut lachen.

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