Neue Gesichter in der Hölle

9. April 2015, 10:25
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In Abwesenheit alter Haudegen drängt die nächste Generation ins Rampenlicht, allen voran der Norweger Alexander Kristoff. Sir Bradley Wiggins kurbelt bei der Königin der Klassiker zum letzten Mal im Sky-Trikot

Roubaix/Wien - Als der Niederländer Niki Terpstra vor einem Jahr bei der 112. Auflage des Radklassikers Paris - Roubaix triumphierte, lag der flache französische Norden staubtrocken da. Am kommenden Sonntag könnte sich beim berühmtesten Eintagesrennen der Welt ein etwas anderes Bild bieten.

Im Lauf der Woche wurden die berüchtigten Pflastersteinpassagen der erstmals 1896 ausgetragenen Tortur einer Inspektion unterzogen. Einige der insgesamt 27 Teilstücke zeigten sich in schlechtem Zustand, ausgedehnte Lacken bedeckten den Parcours fast vollständig. Ein Vertreter des Veranstalters ASO bestätigte gewisse Probleme, blieb jedoch gelassen: "Ich mache mir keine Sorgen", wurde Thierry Govenou im belgischen "Nieuwsblad" zitiert.

Besonders unschön präsentierte sich demnach der 2500 Meter lange Abschnitt Nummer 19 (Haveluy à Wallers), gelegen kurz vor der mythischen Passage durch den Wald von Arenberg: Matsch und Wasser wohin das Auge blickt. Hier sei noch einiges an Arbeit zu leisten, so Govenou. Die Drainage wird verbessert werden, den Rest soll die Sonne erledigen. Immerhin sind die Wettervorhersagen diesbezüglich optimistisch.

Auch eine als Carrefour de l’Arbre bekannte Passage, als einer von drei Abschnitten mit fünf Sternen kategorisiert, befand sich alles andere als im Bestzustand. An dieser Stelle darf nicht vergessen werden, dass eine solche Auszeichnung in der "Hölle des Nordens" im Vergleich zum Alltagsgebrauch eine entscheidende Bedeutungsumkehr erfahren hat. Sie steht nämlich für: besonders grauslich. In diesem Fall liegt das in der vollkommenen Unregelmäßigkeit der Steine begründet. Wohl in keinem anderen Rennen werden die Fahrer derart durchgeschüttelt wie auf dem Weg ins hart an der belgischen Grenze gelegene Roubaix. Die Folgen beschreibt Bernard Eisel auf seiner Website: Der Körper fühle sich an, als sei man schwer gestürzt, selbst wenn man es nicht ist. Der österreichische Klassikspezialist vom Team Sky, 2010 Sieger von Gent - Wevelgem, wird heuer zum 14. Mal an den Start gehen. 2014 wurde er starker 13.

Sir Bradleys Abschied

Von insgesamt 253 zu absolvierenden Kilometern führen heuer 52,7 über die engen, teils historischen Katzenkopfwege durch Feld und Wald - exakt 1,6 km mehr als vor einem Jahr. Jene Haudegen im Feld, die sommers auch die Tour de France in Angriff nehmen, werden ein Déjà-vu erleben, denn drei der Pavés sind dort in die vierte Etappe integriert.

Eisels Equipe um Kapitän Bradley Wiggins hat die Schlüsselstellen ebenfalls inspiziert, das britische Team sieht sich allerdings - im Unterschied zur Flandernrundfahrt - diesmal nicht in der Favoritenrolle. Die Taktik, so der sportliche Leiter Servais Knaven, müsse im Detail zwar erst ausgearbeitet werden, sicher ist aber, dass man beabsichtigt, nicht nur auf ein Pferd zu setzen - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, angesichts eines Bewerbs, der mit so vielen Unwägbarkeiten aufwartet, dass nur das Unerwartete erwartet werden darf.

Wiggins, 2012 Tour- und Olympiasieger, hatte im Jänner seinen Vertrag bei Sky extra noch einmal bis Ende April verlängert, um bei der Königin der Klassiker noch einmal angreifen zu können. Danach wird sich der 34-Jährige wieder auf die Bahn konzentrieren, seine erste Liebe. Dort will er auch 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio antreten. Roubaix, sagte Wiggins, ist ein passendes Finale. "Du erreichst das Velodrome und kannst eine Ehrenrunde drehen, egal auf welchem Platz du am Ende liegst."

Sky verfügt über ein spezielles, von Pinarello in Zusammenarbeit mit Jaguar neu entwickeltes Rad. Das Dogma K8-S soll sich durch hohe Flexibilität bei geringem Gewicht auszeichnen, der Rahmen Erschütterung besonders gut absorbieren. Die Einwirkung des Kopfsteinpflasters auf die Fahrer soll so um 50 Prozent geringer ausfallen, als bei herkömmlichem Gerät.

Eine neue Generation

Wie schon am Ostersonntag in Flandern scheint auch diesmal die Ausgangslage unübersichtlicher als in den vergangenen Jahren. Denn die großen Alten, Fabian Cancellara und Tom Boonen, sind gleichzeitig auch die großen Abwesenden. Der Schweizer (gebrochene Lendenwirbel) und der Belgier (Schulterluxation, gebrochener Ellenbogen), die bei sieben der letzten zehn Austragungen den Sieger unter sich ausmachten, sind blessiert. Boonen, der vierfachen Champion, beendete die bei seinen radsportverrückten Landsleuten ins Kraut geschossenen Spekulationen über ein Wunder am Ende selbst: Im Training sei rasch deutlich geworden, dass noch nicht das nötige Fitnesslevel für ein Rennen erreicht habe.

Tatsächlich gab es bei der Flandernrundfahrt mit Alexander Kristoff einen Premierensieger, der in Hochform befindliche Norweger vom Team Katusha könnte durchaus der elfte Fahrer werden, der das große Frühjahrs-Double schafft. Am Mittwoch war der 27-Jährige auch beim im Raum Antwerpen ausgefahrenen Scheldeprijs nicht zu schlagen. Ebenfalls häufig als beachtenswert genannt werden der Belgier Sep Vanmarcke (LottoNL-Jumbo), 2013 nur von Cancellara bezwungen, der deutsche Vorjahreszweite John Degenkolb (Giant-Alpecin), Peter Sagan (Tinkoff-Saxo) oder Terpstras Mannschaftskollege Zdenek Štybar (Etixx-Quick Step). Ein Generationswechsel könnte sich also weiter konkretisieren.

Sollte aber es am Ende aber doch Wiggins sein, der den Siegespreis in Form eines Pflastersteins gen Himmel reckt, wäre es das erste Mal seit 34 Jahren, dass ein Fahrer in der "Hölle" jubiliert, der davor bereits die Tour de France hatte gewinnen können. Zuletzt gelang dies 1981 einem damals 26 Jahre jungen Mann. Sein Name? Bernard Hinault. (Michael Robausch - derStandard.at, 9.4. 2015)

stephane boucard
  • Alexander Kristoff ist der dominierende Mann des Frühjahrs. Die Ausbeute des unwiderstehlichen Norwegers: Sieg bei den Drei Tagen von De Panne, der Flandernrundfahrt und dem Scheldeprijs.
    foto: ap/wijngaert

    Alexander Kristoff ist der dominierende Mann des Frühjahrs. Die Ausbeute des unwiderstehlichen Norwegers: Sieg bei den Drei Tagen von De Panne, der Flandernrundfahrt und dem Scheldeprijs.

  • Nach fünf erfolgreichen Jahren endet in Roubaix die Ära von Bradley Wiggins bei Team Sky. 2014 belegte der Brite Platz neun, diesmal will er mehr.
    foto: apa/epa/ludbrook

    Nach fünf erfolgreichen Jahren endet in Roubaix die Ära von Bradley Wiggins bei Team Sky. 2014 belegte der Brite Platz neun, diesmal will er mehr.

  • Stilecht positioniertes Publikum in Erwartung der Dinge.
    foto: ap/camus

    Stilecht positioniertes Publikum in Erwartung der Dinge.

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