Türkei: Niederländische Journalistin erwartet Freispruch

8. April 2015, 14:17
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Justiz wirft Fréderike Geerdink Propaganda für verbotene Kurdenpartei PKK vor, Anklage fordert nun aber Freispruch

In Jeans und dunklem Blazer gewandet schritt Fréderike Geerdink (44) Mittwochfrüh zum Gericht in der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir. Nicht als Beobachterin, wie sie es als Korrespondentin so oft getan hatte, sondern als Angeklagte: Die Niederländerin habe die kurdische Arbeiterpartei PKK unterstützt, indem sie auf Facebook Bilder von Fahnen der in der Türkei verbotenen Organisation gepostet hat, lautete der Vorwurf.

Zudem hat sie, wie von ihr veröffentlichte Bilder belegen, einem hohen PKK-Funktionär nach einem Interview die Hand geschüttelt – für die türkische Justiz Gründe genug, die Journalistin, die für die britische Tageszeitung "Independent" und das Amsterdamer "Het Parool" berichtet, wegen "Propaganda für eine Terrororganisation" anzuklagen.

Überraschende Wende

Kurz nach Prozessbeginn nahm der Fall eine überraschende Wende. Die Staatsanwaltschaft, die zuvor noch bis zu fünf Jahre Haft für die Niederländerin gefordert hatte, plädierte auf Freispruch; der Prozess wurde auf kommenden Montag vertagt, wie Geerdink per Twitter noch aus dem Gerichtssaal vermeldete: "Ein anderes Urteil ist nach der im Gericht vorgetragenen Forderung der Staatsanwaltschaft nicht mehr möglich."

Am 6. Jänner war Geerdink durch eine Antiterroreinheit der türkischen Polizei vorübergehend festgenommen und ihre Wohnung durchsucht worden, eigens zum Prozess reiste sie aus den Niederlanden wieder in die Türkei. In einem ihrer Texte erklärt sie, warum sie sich dem Prozess keinesfalls entziehen wollte.

Sympathie für Kurden

Ihre Worte zeichnen das Bild einer Journalistin, die zwar Sympathie für die Sache der Kurden fühlt, sich aber keineswegs mit allen Methoden von deren Kampf um einen eigenen Staat gemein macht. Sie wolle vor den Richter treten, weil sie für ihre Arbeit einstehen möchte, die überhaupt nichts mit Terrorismus zu tun habe. In den Niederlanden zu bleiben, während kurdische Journalisten drangsaliert werden, betrachte sie als Verrat.

Türkische Journalisten sehen sich jüngst einem zunehmend repressiven Klima ausgesetzt. Der islamisch-konservative Präsident Recep Tayyip Erdogan hingegen beschreibt sein Land als einen Hort der Presse- und Meinungsfreiheit. Es gebe in der Welt "keine freiere Presse" als in der Türkei, ließ er erst Anfang Jänner ausrichten – nur wenige Stunden vor der Festnahme Geerdinks.

Im Gegensatz zu einheimischen Kollegen wurde ausländischen Journalisten in der Türkei zuletzt in den 90er-Jahren der Prozess gemacht. Geerdink, die vor fünf Jahren von Istanbul nach Diyarbakir übersiedelt ist, ist bis heute die einzige Korrespondentin, die direkt aus dem türkischen Kurdengebiet berichtet. Zugleich ist sie die erste ausländische Journalistin, gegen die der Antiterror-Strafrechtsparagraf zur Anwendung kam. (red, derStandard.at, 8.4.2015)

  • Geerdink (Mitte) beim Verlassen des Gerichtsgebäudes.
    foto: epa

    Geerdink (Mitte) beim Verlassen des Gerichtsgebäudes.

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