Neue Mittelschule: Siebenteilige Notenskala auf dem Prüfstand

8. April 2015, 11:17
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Ministerrat beschloss flexibleren Einsatz der sechs Zusatzstunden

Wien - Restlos überzeugt ist der ÖVP-Chef noch nicht. Reinhold Mitterlehner betonte am Mittwoch nach dem Ministerrat neuerlich, dass die Neue Mittelschule (NMS) trotz Investitionen in Höhe von 300 Millionen Euro bisher zu keinen besseren Leistungen der Schüler geführt habe. Die am Wochenende vorgebrachte Drohung, wonach die Fortsetzung der NMS "nicht garantiert" sei, wiederholte der Vizekanzler bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzler Werner Faymann allerdings nicht.

Schließlich hat man sich bei der jüngsten Regierungsklausur in Krems darauf eingeschworen, im Bildungsbereich künftig konsensual vorzugehen. Bis zum 17. November soll eine große Bildungsreform stehen. Klar sei jedenfalls, dass man aus der Rechnungshofkritik an der NMS "Konsequenzen" ziehen müsse, sagte Mitterlehner. Schließlich würden ab 2018 weitere 230 Millionen Euro in diesen Bereich fließen.

Kleine Brötchen

Vorerst bäckt man aber nur kleine Brötchen. Eine erste Korrektur bei der NMS wurde am Mittwoch verabschiedet. Wie berichtet dürfen die sechs Zusatzstunden in den Neuen Mittelschulen künftig flexibler eingesetzt werden – also nicht nur für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch.

Kanzler Werner Faymann (SPÖ) sieht darin eine Stärkung der einzelnen Schulstandorte. Mehr Autonomie ist ja auch ein Fixpunkt für die in Aussicht gestellte Reform der Schulorganisation. Der SPÖ-Chef erwartet sich durch den flexibleren Einsatz der Zusatzlehrer auch bessere Ergebnisse. Aus den bisherigen Evaluierungen wisse man nämlich, dass die Ergebnisse zwischen den einzelnen Schulstandorten sehr unterschiedlich ausgefallen seien.

Siebenteilige Notenskala auf dem Prüfstand

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) wälzt bereits weiter gehende Pläne. Das siebenteilige Notensystem steht auf dem Prüfstand. Die Lehrergewerkschaft hatte an diesem System wiederholt Kritik geübt.

Derzeit funktioniert das Benotungssystem folgendermaßen: In Deutsche, Mathematik und Englisch werden die Schüler innerhalb der Klasse vom Lehrer in zwei Gruppen eingeteilt. Beherrscht man komplexere Sachverhalte, wird man nach der Notenskala für "vertiefte Allgemeinbildung" bewertet – sie reicht von "Sehr gut" bis "Genügend". Erreicht man nur die Basisbildung, wird die Notenskala für "grundlegende Allgemeinbildung" angewendet – sie reicht de facto von "Befriedigend" bis "Nicht Genügend". Dieses System sei aber zu komplex und stelle die Lehrer vor Probleme, so die Kritik der Gewerkschaft.

Qualitätskontrolle

In welcher Form die Notenskala reformiert wird, ließ Heinisch-Hosek aber offen. Ebenfalls Handlungsbedarf sieht sie in der Qualitätskontrolle der Lehrer. Zur Erinnerung: Eine Anfang März veröffentlichte Evaluierung der NMS hat auch ergeben, dass das NMS-Konzept an mehr als der Hälfte der Standorte "nur unzureichend umgesetzt" wurde.

An der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit der Neuen Mittelschule zweifelt die Bildungsministerin nicht. "Das System der Neuen Mittelschule ist ein gutes. Das System der Trennung mit zehn (Jahren, Anm.) ist ein schlechtes."

Wenig Freude mit der ÖVP-Kritik an der NMS haben die sozialdemokratischen Pflichtschullehrer-Gewerkschafter. Deren Vorsitzender Thomas Bulant forderte von Heinisch-Hosek einen "Stopp der Entwicklungsarbeit an den Neuen Mittelschulen" bis auch der Koalitionspartner ÖVP anerkenne, dass der Unterricht von Kindern aus bildungsfernen Schichten ressourcenintensiver sei als der von Schülern aus bildungsnahen Schichten. "Wir sind nicht die Deppen der Nation, die Entwicklungsarbeit für eine Schulart leisten, die immer wieder in Frage gestellt wird", so Bulent. (go, derStandard.at, 8.4.2015)

  • Gabriele Heinisch-Hosek will an der Neuen Mittelschule festhalten
    foto: apa/robert jaeger

    Gabriele Heinisch-Hosek will an der Neuen Mittelschule festhalten

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