Vor NSA: US-Drogenfahnder überwachten Milliarden Anrufe

8. April 2015, 11:13
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Modell der DEA soll Pate für spätere Massenüberwachung gestanden sein, ab 80er-Jahren praktisch alle Anrufe in 116 Ländern überwacht

Die US-Behörde Drug Enforcement Administration (DEA), die den Drogenhandel in den USA bekämpfen soll, hat Jahrzehnte vor der NSA ein System zur Massenüberwachung internationaler Telefonate aufgebaut. Schon in den 80er-Jahren begann ein Programm, das auf kolumbianische Kartelle abzielte. In den Jahren darauf soll das System so ausgebaut worden sein, dass praktisch alle Anrufe in 116 Ländern überwacht wurden. Einen besonderen Fokus legte die Behörde auf Kanada, Mexiko und südamerikanische Länder. Die Daten wurden auch zu Antiterrorzwecken eingesetzt.

Pentagon stellte Supercomputer bereit

Die DEA richtete eine Art Vorratsdatenspeicherung für internationale Telefonate ein, zeichnete also keine Inhalte auf. Das System soll Modell für die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingesetzte Massenüberwachung der NSA gewesen sein. Durch die Datensätze der DEA hätten US-Behörden erstmals den Wert von sogenannten Metadaten erkannt, schreibt die Zeitung "USA Today". Das Pentagon habe die Drogenfahnder der DEA mit Supercomputern versorgt, um die Telefondaten auswerten und Kommunikationsstrukturen analysieren zu können.

"Höchst erfolgreich"

Die NSA sei mehrmals über das Programm informiert worden, hieß es. Die Drogenfahnder schrieben 1999 in einem Brief an den Telekomprovider Sprint, das Programm sei "höchst erfolgreich", andere große Telekomkonzerne würden mit dem Justizministerium zusammenarbeiten. Sprint hatte sich ursprünglich geweigert. AT & T soll hingegen Datensätze geliefert haben. Nach den Snowden-Enthüllungen über die Massenüberwachung von Telefon- und Internetdaten durch die NSA habe das US-Justizministerium das DEA-Programm im Herbst 2013 eingestellt.

Nach Snowden gestoppt

Im Dezember 2013 wollte die DEA dann eine Wiederaufnahme erreichen, wurde jedoch blockiert. Die US-Regierung hatte wohl Angst, das jahrelange Überwachen von internationalen Telefonaten könnte politische Konsequenzen haben. Tatsächlich muss für die Ausspähung von US-Bürgern, auch wenn sie in ein anderes Land telefonieren, eigentlich ein richterlicher Beschluss vorhanden sein. Die Drogenfahnder konnten jedoch frei auf alle Datensätze zugreifen.

Neues Modell

Zwar verzichtete die DEA im Gegensatz zur NSA auf die Vorratsdatenspeicherung von Anrufen innerhalb der USA, die Überwachung von Telefonaten mit einem US-Gesprächspartner ist dennoch heikel. Jetzt müssen die DEA-Agenten einzelne Telefonnummern in einer Liste sammeln und deren Daten individuell von Telekombetreibern herausgeben lassen – sehr zum Unmut der Drogenfahnder. Es sei denn, es handelt sich ausschließlich um ausländische Telefonate. Hier kooperiert die DEA mit der NSA und überwacht etwa alle Telefonate auf den Bahamas. (fsc, derStandard.at, 8.4.2015)

  • Die DEA bespitzelte schon Jahrzehnte vor der NSA internationale Telefonate.
    foto: reuters/ernst

    Die DEA bespitzelte schon Jahrzehnte vor der NSA internationale Telefonate.

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