Ölkonzern Shell kauft BG für 64 Milliarden Euro

8. April 2015, 18:29
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Es ist die erste große Übernahme im Energiesektor seit langem - eine Folge der gesunkenen Öl- und Gaspreise

Der niedrige Ölpreis bringt Bewegung in den Energiesektor. Am Mittwoch kündigte Royal Dutch Shell die Übernahme des britischen Konkurrenten BG an. Der niederländisch-britische Konzern zahlt 47 Mrd. Pfund (64,21 Mrd. Euro) für den größten Branchendeal des vergangenen Jahrzehnts.

Shell vergrößert dadurch seine Öl- und Gasreserven um ein Viertel, die Jahresproduktion wächst um ein Fünftel. Mit dem Deal verringert der 108 Jahre alte Konzern den Abstand zum Branchenprimus, dem US-Konzern ExxonMobil, der mit 330 Mrd. Euro bewertet wird. Für BG, die vor der Fusionsankündigung auf eine Marktkapitalisierung von umgerechnet 42,5 Mrd. Euro kam, endet eine zuletzt verlustreiche Geschichte. Shell selbst bringt umgerechnet 186,5 Mrd. Euro auf die Waage.

Schwierige Zeit für BG

Der Megadeal geht auf eine Initiative von Shell-Chef Ben van Beurden zurück. Dieser fand im BG-Chairman Andrew Gould einen willigen Zuhörer. Denn das aus einem britischen Staatsunternehmen hervorgegangene Unternehmen mit 5200 Mitarbeitern in 24 Ländern hatte in seiner 18-jährigen Geschichte zuletzt schwere Zeiten zu überstehen. Allein im letzten Quartal 2014 musste es fünf Mrd. Dollar abschreiben.

Der Nachfolger des langjährigen CEO Frank Chapman konnte sich gerade einmal 16 Monate im Amt halten. Erst im Februar übernahm der Norweger Helge Lund das Zepter im Hauptquartier in Reading westlich von London. Den langjährigen Leiter des Statoil-Konzerns hatten die Briten für teures Geld von dem überwiegend in Staatsbesitz befindlichen norwegischen Konzern losgeeist. Er unterstütze den Deal, hieß es am Mittwoch in London. Nach dessen Abschluss bis Jahresende werde er dann "seinen eigenen Weg gehen", teilte Beurden mit.

Die Fusion wird nicht nur Lund, sondern auch dessen Aktionären viel Geld bringen. Die BG-Aktie wird mit einem Aufschlag von 50 Prozent gegenüber dem Kurs von Dienstagabend bewertet; jedes Papier bringt 383 Pence sowie einen Anteil von 0,45 Prozent an einer Shell-Aktie. Dadurch erhält jeder BG-Anteil einen nominellen Wert von 13,50 Pfund.

Kursanstieg

Der Kurs der BG-Aktie stieg am Mittwoch an der Londoner Börse um 38 Prozent auf 12,60 Pfund. Die BG-Anteilseigner werden nach der Fusion 19 Prozent des dann vergrößerten Shell-Konzerns besitzen. Dessen Aktionäre sollen heuer eine Dividende von 1,88 Dollar pro Anteil erhalten, im kommenden Jahr werde die Auszahlung "mindestens so hoch" sein. Beurden zufolge wird das Unternehmen von 2017 an ein 25 Milliarden Dollar (23 Mrd. Euro) umfassendes Aktienrückkaufsprogramm starten.

Der Vorstandschef erhofft sich von dem Zukauf einen Auftrieb seines Gasgeschäfts von der Förderung bis zum Verkauf. Erst 2013 hatte Shell vom spanischen Ölkonzern Repsol dessen LNG-Sparte gekauft; der Transport von Flüssiggas (LNG) gilt als Wachstumssparte.

Beurden sagte, Shell werde weiterhin erheblich in die Öl- und Gasförderung in der Nordsee investieren. Der niedrige Ölpreis hat im schottischen Nordosten rund um Europas Energiehauptstadt Aberdeen für Entlassungen und im britischen Haushalt für Steuerlöcher gesorgt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 8.4.2015)

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