Tröglitzer Ex-Bürgermeister Markus Nierth: Theologe zwischen Angst und Zivilcourage

Kopf des Tages7. April 2015, 19:07
8 Postings

Nach Drohungen von Rechtsextremen legte Nierth sein Amt nieder, nach dem Brandanschlag auf eine Asylwerberunterkunft stellte er sich wieder in die erste Reihe

Sie haben es nur halb geschafft. Zwar ist es Rechtsextremen in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) gelungen, den Kommunalpolitiker Markus Nierth in die Knie zu zwingen. Doch privat kämpft Nierth auch weiterhin gegen braune Umtriebe und für eine Willkommenskultur für Flüchtlinge.

Deshalb bekommen er, seine Ehefrau und die sieben Kinder nun verstärkten Polizeischutz. Aber aufgeben und schweigen, das kann sich der ehemalige ehrenamtliche Bürgermeister einfach nicht vorstellen. Damit ist der 46-Jährige zum Symbol für einen oft recht einsamen und mühsamen Kampf gegen Rechtsextremismus in Deutschland geworden.

Bis vor kurzem war sein Name nur in der 2.800-Einwohner-Gemeinde geläufig. Bundesweite Bekanntheit erlangte Nierth am 8. März 2015. Da erklärte er seinen Rücktritt als Ortschef von Tröglitz. Zuvor hatte die rechtsextreme NPD eine Protestkundgebung vor Nierths Privathaus organisiert, weil dieser sich für eine Flüchtlingsunterkunft im Ort eingesetzt hatte.

Dem Druck der Rechtsextremen wollte Nierth seine Familie nicht aussetzen, also gab er das Amt auf. Als nun am Wochenende die Unterkunft für Asylwerber brannte, stellte er sich jedoch wieder in die erste Reihe jener, die derlei nicht einfach hinnehmen wollen. Nierth rief zu einer Mahnwache auf und bot zwei Privatwohnungen als Ersatzquartier an.

"Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich", sagt Nierth über die Brandstiftung. Davon werde er sich lange nicht erholen. Obwohl er nicht mehr Ortschef ist, fühlt er sich immer noch für die Gemeinde verantwortlich.

Er selbst weiß, was es heißt, Flüchtling zu sein. 1986 reiste seine Familie aus der DDR aus, da der herzkranke Vater im Westen behandelt werden sollte. Seinen 17. Geburtstag verbrachte er in einem hessischen Notaufnahmelager. "Ich war dankbar für jedes freundliche Wort", erinnert er sich. Später studierte Nierth Theologie. Im Jahr 2000 zog es ihn zurück in die alte Heimat, er half, in der ehemaligen DDR mit Spendengeldern evangelische Kirchengemeinden aufzubauen.

In Tröglitz arbeitet er als freiberuflicher Trauerredner, seine Frau betreibt eine Tanzschule. 2009 übernahm er als Parteiloser für die CDU das Bürgermeisteramt. Auf "seine" Gemeinde lässt er - trotz hässlicher Ereignisse - nichts kommen: "Tröglitz ist nicht braun." Und Nierths biblisches Leitmotiv lautet weiterhin: "Suchet der Stadt Bestes!" (Birgit Baumann, DER STANDARD, 8.4.2015)

  • Rechtsextreme bedrohen Markus Nierth in Tröglitz.
    foto: apa/dpa-zentralbild/jan woitas

    Rechtsextreme bedrohen Markus Nierth in Tröglitz.

Share if you care.