Roma-Doku: "Sie werden nicht angehört oder sogar verscheucht"

Interview8. April 2015, 11:16
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Georgi Stoev filmte ein Jahr lang in der Romasiedlung der bulgarischen Stadt Kjustendil, wo er menschliches Glück und politische Schikane beobachtete

STANDARD: Sie stellen in Ihrem Film "Bread and TV" interessante Figuren vor, etwa Bobby, der tagsüber Brot austrägt und abends unabhängiges Roma-Fernsehen macht, oder einen Rom, der als Kind von Amerikanern adoptiert wurde.

Stoev: Ja, der Film bricht mit Klischees. Wenn man in Bulgarien über Roma spricht, entstehen im Kopf Bilder von Kriminalität und Elend. Der Film zeigt, dass in der Siedlung neben sehr armen auch mittelständige und wohlhabende Roma leben. Er zeigt, dass Roma vielfältige Menschen sind.

STANDARD: Wie reagiert man in Bulgarien auf Ihre Dokumentation?

Stoev: Wer sie gesehen hat, hat seine Meinung über Roma kategorisch geändert. Dabei hatte ich gar nicht vor, dass der Film diese didaktische Rolle spielt.

STANDARD: Was hatten Sie denn vor?

Stoev: Ich wollte einfach einen spannenden Film machen.

STANDARD: Die Doku zeigt soziale Probleme, Armut und Hunger, aber auch, wie gefeiert und getanzt wird. Wie passt das zusammen?

Stoev: Ich habe aus den Gesprächen mit den Roma mitgenommen, dass diejenigen Menschen glücklich sind, die sich freuen können. Glück ist keine Frage von Haben oder Nicht-Haben. Man nutzt in der Siedlung jede Gelegenheit zum Feiern. Wenn jemand zehn Leva (rund fünf Euro, Anm.) im Lotto gewinnt, kann das schon ein Grund sein.

STANDARD: Im Film heißt es, dass der Romasiedlung, die zur 50.000-Einwohner-Stadt Kjustendil gehört und immerhin 12.000 Einwohner zählt, kein Bürgermeister vorsteht. Wie ist das möglich?

Stoev: Der Bürgermeister lehnt es schlicht ab, die Romasiedlung zu verwalten. Und er hetzt die Bevölkerung auf, er schikaniert die Bewohner der Siedlung. Er meinte zum Beispiel, es sei nicht schön anzusehen, wenn sie in Mülltonnen nach Brauchbarem suchen oder Schrott durch die Stadt transportieren, also ließ er ihre Trolleys und Karren wegnehmen.

STANDARD: Darf er das?

Stoev: Nein, aber er weiß, dass niemand sich ihm widersetzen wird. Roma werden in vielerlei Hinsicht ausgeschlossen oder sind sich selbst überlassen. Wenn sie sich etwa mit einer Beschwerde an das Rathaus wenden, werden sie nicht angehört oder sogar verscheucht. Umgekehrt lässt man ihnen Fehlverhalten - wie Schwarzfahren - mit dem Argument durchgehen: "Na, was sollst machen, ist halt ein Zigeuner."

STANDARD: Fehlt das politische Bekenntnis zur Integration?

Stoev: Es gibt Bemühungen, aber dem Staat fehlt es vor allem an Geld. Es ist nicht nur die Minderheit der Roma von Armut betroffen, sondern auch große Teile der Mehrheitsbevölkerung. Das führt zu Spannungen.

STANDARD: Ressentiments gibt es aber auch in Österreich, obwohl das Land zu den reichsten der EU gehört.

Stoev: Ja, weil man in den Medien nur von schlechten Beispielen erfährt. Wir zeigen im Film den Mann, der in Amsterdam erfolgreich ein Unternehmen gegründet hat. Dort wird man von ihm nicht gehört haben; über die Roma, die etwas verbrochen haben, wird man aber Bescheid wissen. Die Spannungen sind aber nicht komplett unbegründet; es gibt Kriminalität, aber angesichts von Armut und Chancenlosigkeit ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen ihren Lebensunterhalt so zu bestreiten versuchen. (Christa Minkin, DER STANDARD, 8.4.2015)


Georgi Stoev, geboren 1941 in Sofia, führte bei mehr als 50 Dokumentar- und vier Spielfilmen Regie.

  • Dokumentarfilmer Georgi Stoev: "Ich hatte nicht vor, dass der Film eine didaktische Rolle spielt."
    foto: privat

    Dokumentarfilmer Georgi Stoev: "Ich hatte nicht vor, dass der Film eine didaktische Rolle spielt."

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