"Betteln ist kein Roma-, sondern ein Armutsproblem"

8. April 2015, 05:30
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Seit 22 Jahren sind Roma in Österreich als Volksgruppe anerkannt, ihre Lebensrealität ist aber noch immer von struktureller Diskriminierung geprägt. Die Volkshilfe will junge Roma "empowern"

Wien – Vergangene Woche sind bei einem Polizeieinsatz in einer slowakischen Roma-Siedlung mindestens 15 Personen verletzt worden. Die Polizei hätte Haustüren eingetreten und jene geschlagen, die sich ihr in den Weg stellten, sagte der Bürgermeister. Auch er sei rassistisch beschimpft worden. Die Polizei bestritt die Vorwürfe.

"In Europa gibt es nach wie vor große Ressentiments gegenüber dieser Ethnie", sagt Erich Fenninger von der Volkshilfe. In den Nachbarländern Ungarn und der Slowakei würden Roma besonders stark diskriminiert. In Österreich würde sich die Situation aber insofern unterscheiden, als Roma im Jahr 1993 als Volksgruppe anerkannt wurden.

"Wenn man früher von Roma gesprochen hat, dann vor allem von autochthonen Roma", sagt Usnija Buligovic von der Volkshilfe und Leiterin des Projekts Thara. Etwa 40.000 einheimische Roma leben in Österreich. "Erst in den vergangenen Jahren wurden Roma mit Migrationshintergrund beachtet." Diese stammen vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien. Buligovic schätzt, dass insgesamt 100.000 Personen Roma sind.

Strukturelle Diskriminierung

Trotz ihres Status als Volksgruppe hätten Roma aber noch immer stark mit struktureller Diskriminierung zu kämpfen. Sie haben mit schlechter Bildung, Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen. So arbeiten Roma überdurchschnittlich oft in niedrig qualifizierten Berufen und sind mit 41 Prozent stärker in Teilzeitjobs beschäftigt.

"In der Zweiten Republik wurden Roma lange sehr schnell in Sonderschulen geschickt", sagt Fenninger. Dadurch verzeichnen viele Roma noch heute einen wesentlich kürzeren Bildungsverlauf als die restliche Bevölkerung: "In Österreich haben wir ein ausschließendes Bildungssystem – wir prüfen raus, und entwickeln nicht hinein." Die Volkshilfe setzt sich daher gegen eine "Spaltung in verschiedene Schultypen" ein. Außerdem müssten Kinder, deren Eltern selbst einen kurzen Bildungsverlauf haben, besonders unterstützt werden. Ihre Eltern hätten nicht das Wissen, um ihnen zu helfen, aber auch nicht das Geld, um Nachhilfe zu zahlen. Gerade junge Roma müssten daher "empowert" werden. Ihnen müssten Lehrstellen gezeigt und beim Wiedereinstieg in die Schule geholfen werden.

In den letzten Jahren hat Buligovic aber einen "Generationswechsel" wahrgenommen: "Immer mehr junge Roma werden Akademiker, machen Karriere, engagieren sich ehrenamtlich und stehen zu ihrer Roma-Identität."

Feindbild und Bettelmafia

"Es gibt bei uns kein offizielles Feindbild der Roma", sagt Fenninger. Trotzdem habe Österreich eine "Tendenz zur Xenophobie": Die Gesellschaft habe "Angst gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen". Die vergangenen Jahre seien eher davon geprägt gewesen, Feindbilder aufzubauen, statt Vorurteile abzubauen.

Ein weitverbreitetes Klischee, das dieser Ethnie zugeschrieben wird, erkennt Buligovic in dem Bild einer "Bettelmafia": "Betteln ist das, was sichtbar ist. Aber kaum eine Person kann rein vom Aussehen her erkennen, ob jemand Roma ist." Dabei sei Betteln kein Roma-, sondern ein Armutsproblem. "Die meisten Bettler hier sind Familien, die Geld für Verwandte sammeln, das hat mit Mafia nichts zu tun."

Unter den vielen Vorurteilen leide die Gruppe der Roma sehr, meint Fenninger. Auch dass sie noch immer als "Zigeuner tituliert" und stigmatisiert werden. "Der Begriff ist diskriminierend und stört Roma. Autochthone Roma trifft das Wort härter als jene, die zugewandert sind." Hinzu komme, dass Roma "massiv unter dem Faschismus" gelitten haben. Dieses Trauma pflanze sich auch in den folgenden Generationen fort. "Die Angst davor, was man ist, ohne etwas getan zu haben, ist furchtbar", sagt Buligovic. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 8.4.2015)

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