Superbikes: Aus der Kiste auf die Piste

26. April 2015, 14:52
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Die aktuelle Generation an Supersportmotorrädern ist rennfertig. Bereits serienmäßig bieten die Bikes 200 PS bei 200 Kilogramm

In den 1960er-Jahren rissen die Café Racer unnötige Teile von den Motorrädern, um die Bikes optisch schärfer und gleichzeitig leichter zu machen. Mit diesen Eisen fuhren sie dann in London ihre Rennen, bei denen es galt, vom Ace Cafe über den ersten Kreisverkehr wieder zurück zum Ace Cafe zu kommen, bevor die Platte in der Jukebox, deren Beginn den Start des Rennens markierte, zu Ende war.

Von 1978 bis 1999 gingen die Hersteller von Motorrädern die freiwillige Selbstverpflichtung ein, bei uns keine Motorräder mit mehr als 100 PS Leistung anzubieten. Wer auf der Rennstrecke mehr Power wollte, griff zum Werkzeugkasten. Obwohl, der Bauteil, an dem in den Boxengassen auf der ganzen Welt zum ersten Mal der Schraubenschlüssel angesetzt wurde, war gar nicht der Motor.

Erst einmal legte man Hand ans Fahrwerk. Denn was nutzen 100 PS und Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h, wenn sich die Fuhre beim Anbremsen windet wie Schräglagenkapitän Schettino bei seiner Schilderung des Costa-Unglücks.

Schraubereifrei

Heute - und das ist es schon auch, was uns an Motorrädern so fasziniert - kann man bereits mit jedem Mittelklassemotorrad Spaß auf der Rennstrecke haben. Und das, ohne dass man zuvor am Motor oder Fahrwerk schraubt.

Was aber dieser Tage im Serienbau der aktuellen Supersportler passiert, das verschlägt selbst Kennern den Atem. Durch die Bank sprengen die Hersteller die 200/200-Marke. BMW legte mit der S 1000 RR, zu einer Zeit, als alle anderen Hersteller sagen, dass Supersport tot sei, etwas vor: 199 PS bei 204 Kilogramm - vollgetankt versteht sich.

Viel MotoGP-Erfahrung

Nun kommt die Konkurrenz nach. Allen voran Yamaha, die ja vor der BMW, mit der R1, das Maß der Dinge in der Literklasse des Hobbysports stellten. 200 PS bei 199 Kilogramm stehen auf dem Datenblatt der neuen R1. Yamaha transferiert natürlich jede Menge MotoGP-Erfahrung in ihr Sportflaggschiff. Die Japaner zeigen nicht nur mit dem kurzen Radstand von 1405 Millimeter auf, sondern auch mit jeder Menge Assistenzsysteme, die dreidimensional die Beschleunigungs- und Drehraten messen und für die Traktions- und Slide-Kontrolle aufarbeiten. Launch Control mit Überschlagschutz - das ist Serie bei der neuen R1 - wie auch eine Kombinationsbremse mit ABS und Schräglagenerfassung.

Das ABS-System, das vor wenigen Jahren in einem Supersportmotorrad noch undenkbar war, entscheidet heute über Sieg und Niederlage, weil in Schräglage vermutlich niemand besser verzögert als der Computer-Anker.

Zentralrechner mit GPS-Erfassung

Die neue R1 ist, obwohl sie ganz normal für den Straßenverkehr zugelassen ist, direkt aus der Kiste raus so rennfertig, dass Yamaha für das Rennstrecken-Sondermodell R1M ganz tief in die Trickkiste greifen muss, um sie noch einmal für den Sporteinsatz nachzuschärfen. Eine Carbonverkleidung im Stil der MotoGP-Maschine M1 spart weiteres Gewicht, der Zentralrechner mit GPS-Erfassung speichert alle relevanten Fahrdaten, um sie direkt in der Box auswerten zu können, und beim Fahrwerk setzen die Japaner auf Öhlins Electronic Racing Suspension ERS.

Auch in Italien, unweit von Bologna, in Borgo Panigale, steckten die Ingenieure die Köpfe zusammen und ersannen mit der 1299 Panigale S die Nachfolgerin der eh schon atemberaubenden 1199er. 205 PS und 145 Newtonmeter holen die Italiener aus dem Zweizylindermotor in L-Form.

Riding-Modes inklusive

Die 1299 wiegt dabei nur 166,5 Kilogramm trocken. Der Superquadro-Motor ist extrem kurzhubig ausgelegt, essenzielle Teile wie die Ölpumpe stammen direkt von der MotoGP-Maschine ab, und elektronische Systeme wie die Traktionskontrolle sorgen dafür, dass die Ducati möglichst lange schön bleibt. Kurven-ABS, Wheelie Control, Engine Brake Control, ein semiaktives Fahrwerk und acht Riding Modes auf einem der schönsten Motorräder unserer Zeit haben aber ihren Preis. 29.995 Euro schreiben die Ducati-Händler auf den kleinen Zettel hinter dem Windschild.

Wer jetzt glaubt, 30.000 Euro würden den finanziellen Gipfel im aktuellen Supersportsegment bedeuten, der kann beruhigt sein. Kawasaki ruft für die 210 PS starke Ninja H2 einen Tausender mehr ab. Um wohlfeile 55.200 Euro bekommt man dann die Kawasaki H2R - die hat aber keine Straßenzulassung und ist direkt für den Einsatz auf der Rennstrecke gemacht.

Ein Blick in die technischen Daten lässt uns schnell verstehen, warum: 326 PS leistet der Reihenvierzylinder mit Kompressoraufladung, wenn ausreichend Fahrtwind in das RAM-Air-System bläst. Und das bei 216 Kilogramm, welche die H2R wiegt. Doch die 55.200 Euro sind nicht der einzige Preis, den man für einen Ritt auf dieser Maschine zahlt. Eine ordentliche Portion Respekt, die nahe an der Angst gebaut ist, gehört da wohl auch dazu. (Guido Gluschitsch, Rondomobil, DER STANDARD, 11.4.2015)

  • 200 PS bei 199 Kilogramm: die neue Yamaha R1.
    foto: yamaha

    200 PS bei 199 Kilogramm: die neue Yamaha R1.

  • Die Kawasaki H2R bringt es mit Kompressor- und Ram-Air-Aufladung auf eine Spitzenleistung von 326 PS. Preis: 55.200 Euro.
    foto: kawasaki

    Die Kawasaki H2R bringt es mit Kompressor- und Ram-Air-Aufladung auf eine Spitzenleistung von 326 PS. Preis: 55.200 Euro.

  • Tiefe Einblicke in Rennstrecken bietet die neue Panigale.
    foto: ducati

    Tiefe Einblicke in Rennstrecken bietet die neue Panigale.

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