"Ramayana": Sex und Schenkelklopfer für die Jungen

7. April 2015, 16:45
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Altindisches Epos im Theater der Jugend

Wien - Ein "lebendiges, vielfältiges und innovatives Theater, das die Frage der Mündigkeit des Einzelnen ins Zentrum stellt", will das Theater der Jugend sein. In seiner aktuellen Produktion Ramayana gelingt ihm das aber nur bedingt.

Dabei wäre das 2000 Jahre alte indische Epos rund um den weisen Prinzen Rama ein für dieses Anliegen idealer Stoff. Denn der Machthunger seiner Stiefmutter und die Schwäche des in alte Schuld verstrickten Königs setzen nicht nur sein Leben aufs Spiel. Das ganze Reich droht im Konflikt von Tradition und Innovation, alten Werten und neuem Geld unterzugehen, als sich Rama (Manolo Palma) dem Beschluss der Alten gehorsam fügt und mit Frau (Iréna Flury) und Bruder (Daniel Jeroma) in die Verbannung geht.

In Indien ist der Stoff immer noch lebendig und populär. Warum er aber heute und für uns von Bedeutung sein kann, darauf findet Henry Masons Inszenierung kaum eine Antwort. Aus den 24.000 Versen, die dafür zur Verfügung stünden, hat er weitgehend die falschen ausgewählt, um sie auf die Bühne des Renaissancetheaters zu bringen.

Wenn sich dort Schenkelklopfer und Schenkelspreizer (in Wort und Tat) abwechseln, die liebestolle Dämonin sich den jungen Prinzen hakennasig und hängebrüstig an die Hälse wirft oder die rammelnde und furzende Affenbande sich (viel zu lange) auf der Bühne breitmacht, dann triumphiert der Materialeinsatz laut und bunt über Geist sowie exaltierte Intonation über Interpretation. Damit verkennt die Inszenierung das Wesen von Mythen, die seit jeher nicht bloß dazu da sind zu unterhalten, sondern - hinten herum - auch belehren wollen.

Manche Momente der zweidreiviertelstündigen Klamauk-Parade schaffen es glücklicherweise doch, den Zuschauer zu berühren. Die zauberhafte Unaufgeregtheit der Puppenspielszenen etwa ist ein willkommener Ruhepol inmitten allzu turbulenter Szenen. Auch behalten Rama und seine Gefährten angesichts des oft leeren und banalen Treibens stets ihre Würde. Als inszenatorischer Kniff mit der Absicht einer sinnstiftenden Gegenüberstellung vermag dies angesichts der allgemeinen Verflachung und Unterforderung, in der vieles als bloße Effekthascherei daherkommt, aber kaum zu überzeugen.

Das ist schade, denn mehr Komplexität ist der Jugend ("13+") durchaus zumutbar. (Michael Wurmitzer, DER STANDARD, 8.4.2015)

Bis 28.4.

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