Licht als Metapher für Denken

10. April 2015, 17:58
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Wenn wieder einmal etwas irgendwie zu sein scheint, wenn eine Aussage einleuchtend ist oder ein Argument erhellend, zeigt sich, dass Licht immer schon als Metapher für Denken gedient hat. So darf es nicht verwundern, dass die Geisteswissenschaft wiederholt optische Begriffe verwendet hat, um methodische Strategien zu benennen. Ein Platzhirsch, der sich dabei über Jahrhunderte gehalten hat, ist die Reflexion. Locke, Leibniz, Kant, Herder, Hegel: Kaum eine Größe der Philosophie hat sich nicht auf sie berufen, stand sie doch eng in Zusammenhang mit dem Vernunftbegriff.

Doch in den letzten Jahren ist diese Tradition in Misskredit geraten - nicht nur, aber vor allem unter Federführung der feministischen Theorie. Die optische Metapher, mit der Theoretikerinnen wie Donna Haraway und Karen Barad die Reflexion als Bild des Denkens ablösen wollen, ist die Diffraction. Auf Deutsch ist sie mit Beugung zu übersetzen, doch während die diffractive methodology langsam auch in Europa als "hot new shit" gilt, hat von einer Beugungsmethodik noch niemand gesprochen.

Nach den Anhängern der Diffraktion soll es beim Denken nicht länger darum gehen, aus der Distanz Differenzen sichtbar zu machen. Vielmehr wird das Denken als Praxis verstanden, die sich den Forschungsgegenstand einverleibt. Was das genau heißt, ist aktuell Gegenstand vieler Diskussionen und Publikationen. Beim Lesen sollte man nur eines tunlichst beachten: Bloß nicht reflektieren! (trat, DER STANDARD, 8.4.2015)

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