Irische Wirtschaft kommt kraftvoll aus der Krise

8. April 2015, 05:30
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Irlands Regierung lockert die Daumenschrauben, mit denen sie die Wirtschaft seit dem Finanzcrash einer Rosskur unterzog

Der launische April bringt untrügliche Zeichen für Irlands robust wachsende Wirtschaft und neuen Optimismus in der Bevölkerung. Auf ihren Jahreskonferenzen wollen die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst erhebliche Einkommenszuwächse fordern. In vorauseilendem Gehorsam hat sich die große Koalition unter Premier Enda Kenny der Zustimmung von Europäischer Union und Weltwährungsfonds (IWF) zu einer vorsichtigen Lockerung der harten Fiskalpolitik versichert. "Irlands Erholung ist breitgefächert und stärker als bisher gedacht", sagt Ökonom David Duffy vom Wirtschaftsinstitut Esri.

Den jüngsten Quartalszahlen zufolge gelang der Insel im äußersten Westen Europas im vergangenen Jahr ein Wachstum von fünf Prozent. Esri zufolge wird es sich in diesem Jahr nur leicht auf vier Prozent abschwächen und auch 2016 mit 3,5 Prozent noch die Bilanz der schwächelnden Eurozone schmücken. Die Erwerbslosenquote, die zuletzt bei knapp elf Prozent lag, könnte bis Ende des Jahres erstmals seit den Folgen des Finanzcrashs von 2008 wieder einstellig werden und im kommenden Jahr auf 8,4 Prozent sinken.

Als die damalige Koalition aus der nationalliberalen Fianna Fáil und den Grünen die Trümmer der völlig aufgeblähten Finanzindustrie zusammenfegen musste, war die mehrheitliche Zustimmung der Iren zu den harten Finanzeinschnitten von hoher Bedeutung. Der Tarifpakt zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften blieb auch erhalten, nachdem die Iren die alte Regierung zugunsten der jetzigen Koalition zwischen der konservativen Fine Gael (FG) und Labour aus dem Amt gefegt hatten. Mittlerweile erhalten Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Rentner um bis zu zwanzig Prozent weniger als vor dem Crash, die Einkommen im öffentlichen Dienst fielen um vierzehn Prozent.

Das soll sich nach dem Willen der Arbeitnehmervertreter bald wieder ändern. Die Sekundarschullehrer beispielsweise fordern eine Streichung der Pensionsabgabe, die bis zu sieben Prozent ihrer Einkünfte umfasst. Die konkurrierende irische Lehrervertretung TUI möchte die erheblich kärger bezahlten Junglehrer mit ihren älteren Kollegen gleichstellen. Im Gesundheitswesen ist von einer Reduzierung der im Zuge der Krise angehobenen Regelarbeitszeit die Rede.

Finanzminister Michael Noonan spricht ganz offen von finanziellem Spielraum. Dieser dürfte sich in einem vergleichsweise großzügigen Haushaltsplan im Herbst niederschlagen, gerade noch rechtzeitig vor den fürs Frühjahr 2016 geplanten Parlamentswahlen. Für diese sagen die Demoskopen Noonans Fine Gael, vor allem aber dem kleineren Koalitionspartner Labour bisher empfindliche Stimmenverluste voraus.

Prozesse gegen Banker

Die Koalitionäre müssen darauf hoffen, dass sich der zunehmende Optimismus in der irischen Bevölkerung am Ende doch noch auszahlt. Vielleicht tragen dazu auch Prozesse gegen die Verantwortlichen des Immobilienbooms bei, der das Land zu Anfang des Jahrhunderts in den Ruin führte. Noch in diesem Jahr soll der frühere Leiter der bankrotten Immobilienkasse Nationwide, Michael Fingleton, vor Gericht gestellt werden. Vier seiner früheren Abteilungsleiter haben Zahlungen von jeweils zwischen 15 Millionen Euro und 20 Millionen Euro an die Abwicklungsbehörde IBRC zugestimmt, um einer Strafverfolgung zu entgehen. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 8.4.2015)

  • Mit Irlands Wirtschaft geht es wieder aufwärts. Dies ruft Begehrlichkeiten im öffentlichen Dienst hervor. Nach starken Gehaltskürzungen fordern die Beschäftigten eine Rückkehr auf Vorkrisenniveau.
    foto: apa/epa/aidancrawley

    Mit Irlands Wirtschaft geht es wieder aufwärts. Dies ruft Begehrlichkeiten im öffentlichen Dienst hervor. Nach starken Gehaltskürzungen fordern die Beschäftigten eine Rückkehr auf Vorkrisenniveau.

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