"Atlas von Arkadien": Der verpflanzte Flaneur

7. April 2015, 17:07
posten

Ausstellung im Xhibit der Akademie der bildenden Künste

Wien - Klein ist die Welt! Zum Beispiel im Straßenteppich von Anna Artaker und Meike S. Gleim. Möchte man hier von New York ins nigerianische Lagos, muss man nur den nach dem Weltentdecker benannten Kreisverkehr Columbus Circle nördlich verlassen, dann ist man gleich da. Paris liegt südlich des Big Apple. Bei Protesten von Regierungsanhängern in Teheran kann man am Weg auch noch schnell vorbeischauen.

Im wörtlichen Sinn. Befahren wird dieser kaum kindgerechte Straßenteppich nämlich mit Blicken. Die Künstlerinnen haben aus gefundenen Fotos, etwa Luftaufnahmen, neue Städte gebaut. Wie man das aus dem Internet kennt, lösen sich Meere, Staatsgrenzen und sogar Zeiträume in Nichts auf. "Es scheint, als ob man umstandslos von der Ersten in die Dritte Welt gelangen könnte", sagt Artaker, "aber das stimmt nicht." Denn Grenzen gibt es auch hier: bedingt durch die Papierbögen, über die die Fotos gedruckt sind.

Der Straßenteppich begrüßt den Besucher derzeit in der Ausstellung Atlas von Arkadien im Xhibit der Akademie der bildenden Künste. Zumindest, wenn er sich nicht gleich beim Eingang von einer überlebensgroßen Buchseite verschrecken ließ, die ihm erst einmal zu lesen gibt. Es geht um die "Haussmannisierung" von Paris, also jene Begradigung und Erweiterung der Straßen, die Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann im 19. Jahrhundert vornahm, um etwa die Errichtung von Barrikaden zu erschweren und die Bevölkerung kontrollierbarer zu machen. Der Text stammt aus dem Passagen-Werk des deutschen Philosophen Walter Benjamin.

Planschen, tauchen, treiben

Keinen Geringeren haben sich Artaker und Gleim zum Genius loci ihrer Schau erwählt. Und kein geringeres Ziel verfolgen sie, als dessen Fragment gebliebenes Lebensbuch fortzusetzen: jene im doppelten Sinne epochale Sozialgeschichte, die das industrielle Zeitalter in Zitaten, Notizen, Beobachtungen erfasst. Atlas von Arkadien ist dennoch viel sinnlicher, als man zunächst vermutet. Immerhin gehört die Alumni-Schau auch zu einem künstlerischen Forschungsprojekt über Bilder. Die Philosophinnen Artaker und Gleim, beide auch Absolventinnen der Akademie, nähern sich darin der Frage an, inwiefern sich Erkenntnis über Abbildungen der Welt gewinnen lässt.

Benjamins Ansatz der Montage übertragen sie deshalb ins Visuelle. Seinen Flaneur, der distanziert, doch als stets aufmerksamer "Beobachter des Marktes" durch die Pariser Einkaufspassagen treibt, verpflanzen sie quasi vor die Google-Bildersuche: In seinem Geiste tauchen sie durch die Bilderflut, schauen genau, planschen. Die Künstlerinnen vermuten, dass Benjamin selbst gern mit Bildern gearbeitet hätte - immerhin habe er seine Methode auch mit den Worten "Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen" erklärt.

Der Straßenteppich steht exemplarisch für den spielerischen Ansatz, mit dem Artaker und Gleim technologische und urbane Entwicklungen reflektieren: Für die Serie Pendants haben sie verwandte Bilder aus verschiedenen Zeiten zu Puzzles zerlegt, um Teilbereiche gegeneinander austauschen zu können. So werden etwa Verbindungslinien zwischen verschiedenen Kugelarchitekturen sichtbar gemacht. Einer Zeichnung aus dem 18. steht das Foto einer Radarüberwachungsanlage aus dem 20. Jahrhundert gegenüber. Dazumontiert sind designtheoretische Aperçus Benjamins.

Ein Schlüssel zu dem utopischen Atlas im Xhibit findet sich indes in der Arbeit Künstliche Sonnen, Monde und Sterne: Zu Fotos, die sich um Benjamins Überlegungen zu Spiegeln und Beleuchtungskörpern drehen, gesellt sich hier ein Tisch mit Monitoren, Kameras oder Handys, der die zur zweiten Natur gewordenen Bildtechnologien unserer Zeit wieder spürbar macht. (Roman Gerold, DER STANDARD, 8.4.2015)

  • Für die Serie "Domino" (im Bild ein Ausschnitt) bauten Anna Artaker und Meike S. Gleim Bilderketten, die den Blick mitunter auf Details am Rande lenken.
    foto: lisa rastl

    Für die Serie "Domino" (im Bild ein Ausschnitt) bauten Anna Artaker und Meike S. Gleim Bilderketten, die den Blick mitunter auf Details am Rande lenken.

Share if you care.