Julia Landsiedl: "Jeder will immer einen Sessel entwerfen"

10. April 2015, 05:30
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Die Designerin schuf mit dem südafrikanischen Designer Nawaaz Sadulker Sesselpaare

Das Ganze war eine Art Designer-Blind-Date. Ich hatte die Aufgabe, mit dem südafrikanischen Designer Nawaaz Sadulker, den ich gar nicht kannte, innerhalb von zehn Tagen ein Projekt auf die Beine zu stellen. Die Sessel, die dabei herausgekommen sind, entstanden im Rahmen der Ausstellung Design-Dialog: Österreich - Südafrika, die vor kurzem im Wiener Designforum gezeigt wurde.

Die Aufgabenstellung war völlig frei, und völlig frei ist immer schwer. Sadulker und ich haben beide eine Vorliebe für Ready-mades und für gebrauchte Dinge. Dieser Umstand gestaltete das Projekt einfacher. Im Gegensatz zu vielen Kollegen gibt mir ein alleinstehendes Objekt nichts. Ein Ding wird für mich erst durch die Person, die es benützt, interessant - und durch die Umgebung, in der sie dies tut. Dadurch erzählt das Objekt eine Geschichte, allein schon durch Gebrauchsspuren. Ich sammle zum Beispiel altes und kaputtes Porzellan, das ich auch schon in Projekte habe einfließen lassen.

Man könnte es auch anders formulieren: Obwohl ich Designerin bin, verspüre ich nicht das Bedürfnis, ein neues Ding in die Welt zu setzen. Die Welt ist doch bereits voll von Dingen, aus welchen - je nach Kontext - neues Design entstehen kann. Es geht mir um eine erzählerische und spielerische Ebene. Entwürfe beginnen in meinem Falle immer mit einer Alltagsbeobachtung. Klingt das jetzt komisch?

Haken und Löcher

Wie auch immer, Sadulker und ich haben verschiedene Geschäfte durchstöbert, waren bei der Caritas und bei Altwarenhändlern und fanden einen Stapel von alten Kindergartensesseln, den wir kauften. Im nächsten Schritt ging es darum, Sesselpaare zu schaffen, jeweils ein Möbel von mir und eines von meinem Gegenüber interpretiert. Insgesamt gestalteten wir acht Paare, haben sie verschieden bemalt, mit Stützen versehen, mit Ablagen und solchen Dingen. Ich bin die Geschichte sehr funktional angegangen, hab die Lehnen höher gemacht oder Haken angebracht. Sadulker ging viel sinnbefreiter vor, er bohrte Löcher ins Holz, steckte Stäbchen hinein, er war viel dekorativer. Irgendwie kam ich mir sehr "deutsch" und grafisch vor, viel plakativer.

Auf dem Foto sitze ich auf einem Sessel, den ich für Sadulker gemacht habe. Er ist ein zurückhaltender Typ, die Fahne soll sagen "Hallo, hier sitzt Nawaaz Sadulker". Er hat auch für mich einen Sessel umgestaltet, indem er eine kleine Spieluhr an das Holz montiert hat. Dreht man die Kurbel, ertönt Wochenend und Sonnenschein.

Eine Mausefalle designen

Es ist eigentlich eigenartig, dass bei dieser Geschichte Sessel herausgekommen sind. Jeder Designer will immer einen Sessel entwerfen, das war schon während des Studiums so - nicht in meinem Falle. Wir hatten während des Studiums auf der Wiener Angewandten bei Paolo Piva etwas zum Thema Re-Design zu entwerfen. Die halbe Klasse kam mit einem Sessel daher. Bei mir war es eine Mausefalle. Wir haben bei diesem Südafrika-Projekt die Sessel lediglich verändert, die Urform gab ihnen jemand anderer.

Wie gesagt, die blanke Oberfläche hat mich nie interessiert, dies hat sich auch bestätigt, als ich im Bereich Consumer Experience Design im Silicon Valley unter anderem für Microsoft oder Cisco gearbeitet habe. Das Feld Research hat mich aber bald schon mehr interessiert, als einer Festplatte eine Form zu geben.

Ich weiß nicht, warum es das Design hierzulande schwerer hat, in ein breiteres Bewusstsein vorzudringen. Vielleicht liegt es auch an uns Designern. Mir scheint, Nichtösterreicher sind offener für Neuerungen. Dafür sind wir nicht für jeden Blödsinn zu haben. Das ist doch irgendwie auch ganz gut. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 10.4.2015)

Julia Landsiedl wurde 1976 in Wien geboren. Sie studierte u. a. Jus und Industriedesign, ehe sie bei IDEO im Silicon Valley tätig war. In ihrem Studio arbeitet Julia Landsiedl an einer Vielzahl von interdisziplinären Design- und Innovationsprojekten. Ihr Hauptaugenmerk richtet sich auf Szenografie und Storytelling, den Aufbau und die Inszenierung von Dienstleistungen und Räumen, die ein Objekt oder eine Marke umgeben.

www.jeplus.at

  • Julia Landsiedl will mit ihrem Design Geschichten erzählen. Ein Projekt mit Kindersesseln entstand vor kurzem für die Ausstellung "Design-Dialog: Österreich - Südafrika" im Wiener Designforum.
    foto: christian benesch

    Julia Landsiedl will mit ihrem Design Geschichten erzählen. Ein Projekt mit Kindersesseln entstand vor kurzem für die Ausstellung "Design-Dialog: Österreich - Südafrika" im Wiener Designforum.

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