Festnahmen nach Schüssen auf Fenerbahce-Bus

7. April 2015, 14:59
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Zwei Männer sollen hinter dem Anschlag auf den türkischen Meister stecken

Trabzon/Wien - Die türkische Polizei hat nach dem Angriff auf den Mannschaftsbus von Fenerbahce Istanbul am Samstagabend zwei Personen verhaftet, wie der Gouverneur von Trabzon am Dienstag bekannt gab, handelt es sich dabei um den mutmaßlichen Schützen sowie einen Komplizen. "Sie werden nun verhört", sagte Adil Celal Öz. Türkischen Medienberichten zufolge soll einer der beiden den Angriff gefilmt haben.

Der Bus der Istanbuler war nach dem 5:1-Sieg bei Caykur Rizespor auf der Fahrt zum Flughafen Trabzon mit einer Schrotflinte beschossen worden. Nur das geistesgegenwärtige Eingreifen eines Sicherheitsmitarbeiters verhinderte offenbar den Sturz des Fahrzeugs in eine Schlucht. Der Fahrer war durch Glassplitter im Gesicht verletzt worden und hatte die Kontrolle über den Bus verloren. Er musste operiert werden, Lebensgefahr besteht nicht. "Wir hätten sterben können", sagte Fenerbahce-Spieler Mehmet Topal.

Neben anderen Vereine hat auch die türkische Regierung den Angriff verurteilt. Präsident Recep Tayyip Erdogan, ein bekennender Fenerbahce-Unterstützer, und Regierungschef Ahmet Davutoglu forderten rasche Aufklärung.

Der türkische Verband TFF setzte nach einigem Zögern am Montag nach einer Präsidiumssitzung, an der auch Sportminister Cagatay Kilic teilnahm, den Süper-Lig-Spieltag am kommenden Wochenende ab. Tags zuvor war man beim TFF noch zurückhaltender, die für Sonntag und Montag angesetzten Partien wurden durchgezogen. Fenerbahce hatte da bereits bekannt gegeben, bis zur Aufklärung der Tat nicht mehr anzutreten. "Wir haben nicht die Absicht zu spielen, bis die Umstände des Anschlags geklärt sind", sagte Istanbuls Vorstandsmitglied Deniz Tolga Aytöre.

"Das war eine geplante Operation. Da wusste jemand, dass wir über eine Brücke fahren müssen. Ein Wunder, dass die Sache so ausgegangen ist", sagte Michal Kadlec gegenüber der Bild-Zeitung. "Ich schrieb eine Nachricht, als es plötzlich knallte. Der Bus geriet ins Schleudern. Ich dachte, ein Reifen wäre geplatzt. Der Sicherheitsmann neben dem Fahrer schrie: Halt an!"

Unaufgearbeiteter Skandal und Rivalität mit Trabzonspor

Die Agentur DHA berichtete, einer der Angreifer habe vor dem Anschlag auf Twitter geschrieben: "Wir erwarten das Fenerbahce-Team auf dem Weg zum Flughafen. Wir halten Wache. Ihr werdet den Flughafen nicht betreten können. Das hier ist Trabzon." Der zweite Mann sei gemeinsam mit dem Twitter-Nutzer auf dessen Profilfoto abgebildet gewesen.

Ob die erbitterte Rivalität zwischen Fenerbahce und Trabzonspor den Hintergrund der Tat bildet, kann bisher nur vermutet werden - was das Blühen von Verschwörungstheorien aber natürlich nicht verhindern wird. In Trabzon, wo ab 2012 für zwei Jahre lang auch der österreichische Stürmer Mark Janko aktiv war, ist kaum jemand gut auf Fenerbahce zu sprechen. In der Saison 2010/11 waren die Istanbuler in einen Skandal über mutmaßliche Spielmanipulationen verwickelt. Die UEFA schloss Fenerbahce in der Folge bis einschließlich der Saison 2014/2015 von der Teilnahme am Europacup aus.

Nach Ansicht vieler Trabzonspor-Anhänger hätte ihrem damals zweitplatzierten Klub der Titel nachträglich zuerkannt bekommen müssen. Istanbul hatte sich die Meisterschaft erst in der letzten Runde gegen Sivasspor gesichert. Auch diese Partie war den Ermittlungen zufolge manipuliert gewesen. In Trabzon - und nicht nur dort - geht man davon aus, dass der TFF seine schützende Hand über die Istanbuler Großklubs gehalten hat.

Im März 2014 war es beim Gastspiel Fenerbahces in Trabzon zu Ausschreitungen gekommen. Die Partie musste abgebrochen werden müssen, Trabzonspor war danach zu sechs Spielen vor leeren Rängen verurteilt worden. Zuschauer hatten Feuerwerkskörper, Ziegelsteine und auch ein Messer auf das Spielfeld geworfen. "Das war lebensgefährlich, so etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Trabzons niederländischer Stürmer Dirk Kuyt über die Zustände. Nun verurteilte der Klub aus der Schwarzmeerstadt den Anschlag auf Fenerbahce und versprach Unterstützung bei den Untersuchungen. "Das ist eine Schande für unsere Stadt", zitierte die Zeitung "Hürriyet" einen Vertreter des Klubs.

Verfahren gegen Fenerbahce-Präsident neu aufgerollt

2012 hatte der türkische Verband Fenerbahce - wie auch 15 weitere Vereine - im Zuge der Ermittlungen wegen Spielmanipulationen exkulpiert. Im Sommer des Vorjahres entschied ein Istanbuler Gericht, dass der Strafprozess gegen Fener-Präsident Aziz Yildirim neu aufgerollt werden muss. Es entsprach damit einem Einspruch des 61-jährigen Großunternehmers gegen die Entscheidung des Kassationsgerichts, der eine Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten wegen Yildirims Verwicklung in den Manipulationsskandal (Betrug und Bildung einer kriminellen Vereinigung) bestätigt hatte. Auch ihn hatte der TFF ungeschoren gelassen.

Seit 1998 beim 18-fachen Champion im Amt, war Yildirim während seiner Untersuchungshaft für eine weitere Funktionsperiode wiedergewählt worden. Seine 2013 von einem Zivilgericht angeordnete Absetzung ignorierte er. Wann der neue Prozess beginnen soll, ist noch offen. Trabzonspor erhob sowohl gegen die Neuverhandlung, als auch gegen die damit einher gegangene Strafaussetzung Einspruch - dieser wurde abgewiesen.

Auf seiner Website veröffentlicht Trabzonspor einen Aufruf an die "Fußball-Familie", gegen Spielmanipulationen aufzustehen. Es wird darauf hingewiesen, dass alle in den Skandal von 2010/11 verwickelten Personen weiter im türkischen Fußball aktiv seien. Eine Süper Lig, an der die involvierten Klubs weiterhin teilnehmen sei "illegal". Man behalte sich daher das Recht vor, von den zuständigen nationalen und internationalen Stellen Schadenersatz zu fordern. (sid/apa/bausch - 7.4. 2015)

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Fenerbahce Istanbul

Trabzonspor

  • Im März 2014 zogen tausende Fenerbahce-Fans zum Mausoleum des türkischen Staatsgründers Atatürk. Sie forderten Gerechtigkeit für den ihrer Meinung nach zu Untrecht von der Justiz verfolgten Klubchef  Aziz Yildirim. Der Fußballverein sieht sich in einer republikanisch-laizistischen Tradition, sein Anhang vermutet hinter den Ermittlungen gegen Yildirim eine politisch motivierte Aktion des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen islamischer AKP-Partei.
    foto: ap/ocbilici

    Im März 2014 zogen tausende Fenerbahce-Fans zum Mausoleum des türkischen Staatsgründers Atatürk. Sie forderten Gerechtigkeit für den ihrer Meinung nach zu Untrecht von der Justiz verfolgten Klubchef Aziz Yildirim. Der Fußballverein sieht sich in einer republikanisch-laizistischen Tradition, sein Anhang vermutet hinter den Ermittlungen gegen Yildirim eine politisch motivierte Aktion des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen islamischer AKP-Partei.

  • ruptlytv
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