Dieter Roth: Die Musik als Sozialsystem und Obsession

7. April 2015, 07:55
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In Berlin, im Hamburger Bahnhof, lädt die Ausstellung "Und weg mit den Minuten. Dieter Roth und die Musik" zu einer auch medienhistorischen Reise in die Epoche von Tonband und Kassette

In den Siebzigerjahren besuchte der Künstler Dieter Roth einmal seinen Kollegen und Freund Richard Hamilton in Katalonien. Der Abend ging hin, wie es sich gehört: Man aß und trank, und mit entsprechend geschärften Sinnen ging Roth dann in sein Quartier. Da fiel ihm etwas auf: Er hörte das Gebell von Hunden. Es erschien ihm wie eine besondere Musik, und als solche schlug sich dieses Erlebnis auch in seinem Werk nieder. Er nahm das Gebell der Hunde von Tibidabo, so heißt das Dorf mit dem Zwinger, auf Tonband auf. Und so entstand eine Tonskulptur, die potenziell 24 Stunden lang das klagende Bellen von herrenlosen Hunden präsentiert. Dazu gehören auch zahlreiche Hundeporträts in Briefmarkengröße und ein Koffer mit Tonbändern. Denn die Tibidabo-Arbeit, die derzeit in Berlin im Hamburger Bahnhof im Rahmen der Ausstellung Und weg mit den Minuten. Dieter Roth und die Musik zu sehen ist, gehört in die Ära der analogen Aufnahme.

All jene, die sich noch aus eigener Erfahrung daran erinnern können, auf welch umständliche Weise man bis vor zwanzig, dreißig Jahren mit Tonträgern hantierte, werden sich in dieser Ausstellung wie von selbst zu Hause fühlen. Für später Geborene stellt sie nebenbei auch eine veritable medienhistorische Zeitreise dar. Die Tonbandkassette, die mit der zwei Stunden aufnehmenden C120 mehr oder weniger an ihre Speichergrenze geraten war, war für Roth, der als Künstler mit allen erdenklichen "Medien" arbeitete, unabdingbar.

Der Hamburger Bahnhof hat mit der monumentalen Gartenskulptur eine zentrale Arbeit von Roth in den Rieck-Hallen aufgebaut.

Da man diesen Dinosaurier von einem Werk nicht so ohne weiteres in den Keller räumen kann, empfiehlt sich der Ausstellungstyp, den Dieter Roth und die Musik repräsentiert: eine kleine und thematisch fokussierte Aspektschau zu einem Großkünstler - erst kürzlich zeigte das Kunstmuseum Stuttgart unter dem Titel Balle Balle Knalle den "Schriftsteller" Roth.

Sprache und Partitur

Die Musik interessierte Roth, der gut Klavier und Trompete spielte und mit der Olivetti-Yamaha-Grundig-Combo ein Schlüsselwerk an der Grenze zwischen Sprache, Schrift, Partitur und Aufnahme schuf, nicht zuletzt als ein soziales System, das mit Autorität verbunden ist. Er gab sich den Anschein, als wollte er die hehren Konventionen der Zunft auseinandernehmen, zum Beispiel wenn er in einem Quadrupelkonzert mit sich selber im Quartett fungierte, was natürlich nur in einer Verbindung aus Live und Konserve möglich war.

Als der berühmte Kollege Nam June Paik allerdings einmal im Zusammenhang mit Schönberg das Wort "Quatsch" gebrauchte, sah Roth sich zu einem Akt der Wiedergutmachung veranlasst. Er spielte Paiks Version von Schönbergs Opus 4 in vierfacher Geschwindigkeit ab und nahm damit Rache für Schönberg, dem "wagnerianischer Quatsch" unterstellt worden war: Thy Quatsch est min castello!

Nicht nur an dieser Stelle der Ausstellung wird deutlich, wie sehr Roth in kollaborative Zusammenhänge eingebunden war. Deswegen ist einer der zentralen Räume auch nicht so sehr einem Werk gewidmet als der dokumentarischen Rekonstruktion des Projekts Selten gehörte Musik, bei dem er mit Brus, Nitsch oder Oswald Wiener musizierte.

Etwas willkürlich

Ein wenig willkürlich wirken hingegen die thematisch verwandten Arbeiten von Künstlern wie Rodney Graham, die mit Roths Arbeiten in einen Dialog treten sollen - hier zeigt sich wieder, dass der Hamburger Bahnhof manchmal Mühe hat, das zwiespältige Geschenk der Sammlung von Friedrich Christian Flick anders als bloß nach Stichworten aufzubereiten. So präsentiert sich die Ausstellung als Kompromissbildung aus konzentrierter Detailarbeit an einem Großwerk und einigen lockeren Assoziationen. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD, 7.4.2015)

  • Schuf nicht nur Werke an der Grenze zwischen Sprache, Schrift, Partitur: Der Künstler Dieter Roth (1930-1998) schätzte besonders auch Musik von Schubert, Brahms und Schönberg.
    foto: karin mack

    Schuf nicht nur Werke an der Grenze zwischen Sprache, Schrift, Partitur: Der Künstler Dieter Roth (1930-1998) schätzte besonders auch Musik von Schubert, Brahms und Schönberg.

  • Dieter Roths "Stummes Relief" mit Geige (1984-1988).
    foto: hauser & wirth

    Dieter Roths "Stummes Relief" mit Geige (1984-1988).

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