Athen beziffert deutsche Reparationsschuld mit 278,7 Milliarden Euro

7. April 2015, 13:15
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Klein beigeben ist nicht die Sache der Regierung in Griechenland. Erstmals wurde nun eine Summe für die Reparationsforderungen an Deutschland genannt

Athen – Es war auch schon einmal weniger: 162 Milliarden Euro lautete die Summe, mit der Manolis Glezos, Griechenlands greiser Kriegsheld und Europaabgeordnete, bereits früh im griechischen Schuldendrama an die Öffentlichkeit ging. 108 Milliarden Euro für Reparationszahlungen und 54 Milliarden für einen Zwangskredit, den Berlin dem besetzten Griechenland abgeknöpft hatte, rechnete der heute 92-jährige Glezos vor, der 1941 zusammen mit einem Freund die Hakenkreuzfahne von der Akropolis gerissen hatte.

Nicht Griechenland schuldet den Deutschen etwas, sondern andersherum, lautet sein Credo. Nun hat erstmals ein griechisches Regierungsmitglied eine Summe genannt und dabei aufgedoppelt: 278,7 Milliarden Euro seien es, sagte Finanzstaatssekretär Dimitris Mardas von der linksgerichteten Partei Syriza. 10,3 Milliarden für den Kredit, den die Deutschen nahmen; der große Rest für Entschädigungszahlungen an Hinterbliebene der Opfer der deutschen Besatzung und für die Zerstörungen, die die Wehrmacht in Griechenland angerichtet hatte. Griechenland wäre mit einem Schlag drei Viertel seiner gesamten Schulden los, würde Deutschland die Rechnung begleichen. Theoretisch.

Deutschland blockt ab

Mardas nannte die Zahl in einem Parlamentsausschuss, der – sehr zum Unwillen der früher regierenden Konservativen und Sozialisten – die Gründe für Griechenlands Finanzkollaps und die Annahme der (bisher) zwei Milliarden-Rettungskredite von der Troika untersuchen soll. Anfang 1945, kurz vor der Kapitulation, hatte die Deutsche Reichsbank noch selbst die "Reichsverschuldung gegenüber Griechenland" berechnet und kam auf die Summe von 476 Millionen Reichsmark. Nach heutiger Kaufkraft und ohne Zinsen entspräche das etwas fünf Milliarden Euro, so lauten konservative Schätzungen.

Für die deutsche Regierung ist die Reparationsfrage ebenso wie der Zwangskredit, für den bei der Aufnahme 1942 keine Summe festgesetzt wurde, rechtlich mit der "freiwilligen Zahlung" von 115 Millionen D-Mark an griechische Opferfamilien in den 1960er-Jahren erledigt. Berlin wies auch einen Vorschlag des amtierenden griechischen Außenministers Nikos Kotsias zurück, der eine gemeinsame Arbeitsgruppe zum Thema Entschädigungen vorgeschlagen hatte.

Der deutsche Europaminister Michael Roth zeigte sich im März zumindest bereit, den deutsch-griechischen Zukunftsfonds aufzustocken – eine Summe nannte er nicht. (Markus Bernath aus Athen, derStandard.at, 7.4.2015)

  • Undatiertes Foto aus dem griechischen Dorf Distomo, in dem die Nationalsozialisten 1944 ein Massaker anrichteten.
    foto: ap

    Undatiertes Foto aus dem griechischen Dorf Distomo, in dem die Nationalsozialisten 1944 ein Massaker anrichteten.

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