"Pillars of Eternity" im Test: Liebeserklärung an Rollenspielklassiker

Rezension8. April 2015, 10:26
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Obsidians jüngstes Werk ist ein herrlich altmodisches Rollenspiel - mit allen Stärken und Schwächen

"Pillars of Eternity" scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Statt auf opulente Grafik fokussiert sich das Spiel auf ausgefeilte Mechaniken. Auf eine klischeebehaftete Hollywood-Inszenierung wird zugunsten einer mittels tiefgreifender Dialoge erzählten Handlung verzichtet. Und anstelle eines schon vor dem Start angekündigten Season-Pass bietet es von Haus aus einen gewaltigen Umfang – mit der Aussicht auf eine vollwertige Erweiterung, die sich derzeit in der Vorproduktion befindet.

Diese fast schon "altmodische" Orientierung der Entwickler des Studios Obsidian Entertainment erinnert stark an klassische Genrewerke wie "Baldur’s Gate" und "Icewind Dale" und liefert somit genau das, was sich die knapp 74.000 Fans wünschten, als sie das Spiel 2012 im Rahmen einer Kickstarter-Kampagne mit rund vier Millionen Dollar finanzierten.

screenshot: pillars of eternity
screenshot: pillars of eternity

Eine neue Welt

Wer mit den isometrischen Rollenspielen der späten 1990er und frühen 2000er Jahre von BioWare und Black Isle Studios vertraut ist, wird sich in "Pillars of Eternity" schnell zurechtfinden. Obsidians Ziel war es, die Spielerfahrungen der damals mittels der Infinity Engine umgesetzten Spiele so authentisch wie möglich nachzuempfinden und mit den heutigen technischen Möglichkeiten einen spirituellen Nachfolger zu diesen Klassikern zu erschaffen. Und dieses Vorhaben ist den Rollenspielexperten ("Fallout: New Vegas", "South Park: Der Stab der Wahrheit") vom Spielaufbau bis hin zur Gestaltung hervorragend geglückt. Der gröbste Unterschied zu den Vorbildern ist die Spielwelt selbst, die nicht auf den "Dungeons & Dragons"-Regelwerken basiert, sondern von Grund auf neu entwickelt wurde - inklusive neuer Charaktertypen, Städte, Religionen und Götter.

Dieses Universum wird durch umfangreiche Gespräche mit ihren Bewohnern zum Leben erweckt, die allesamt hervorragend geschrieben sind und authentisch wirken. Für Lesefaule ist die Vertiefung in diese Welt jedoch nichts: Die Konversationen finden abseits vereinzelter Vertonungen zumeist in Textform statt. Eine Inkonsistenz, die nach heutigen Maßstäben gewiss zu Wünschen übrig lässt. Zudem sollte man sich aufgrund der holprigen und teils fehlerhaften deutschen Übersetzung ans Original halten. Die Textlastigkeit hat wiederum den Vorteil, Spielern eine große Bandbreite an Antwortmöglichkeiten anbieten zu können, die das Spielgeschehen stellenweise direkt beeinflussen. Neben den Dialogzeilen finden sich zudem einprägsame Beschreibungen der Personen und ihrer Handlungen.

screenshot: pillars of eternity
screenshot: pillars of eternity

Taktisches Geschick

Die Kämpfe fordern den Intellekt und auch ein gewisses Maß an Geduld. Mit einer Gruppe von bis zu fünf weiteren Charakteren stürzt man sich mit dem aus verschiedenen Klassen und Kulturen zusammengestellten Avatar ins Kampfgeschehen und lernt, dass nur taktisches Geschick Erfolg verspricht. Bei brachialem Vorgehen wie es beispielsweise bei "Diablo" nicht unüblich ist, segnen die Abenteurer selbst in Kämpfen gegen schwächere Gegner wie Wölfe schnell das Zeitliche.

So ist es zwingend notwendig, die Pause-Funktion zu benutzen, um den Helden Befehle zu erteilen, sie zu positionieren und Attacken zu koordinieren. Stehen Verbündete beispielsweise im Wirkungsbereich des eigenen Flammenzaubers, werden auch sie verletzt. Jeder Charakter verfügt über eine Reihe von Fähigkeiten, die auf den ersten Blick etwas unüberschaubar und verwirrend wirken können. Obsidian bewerkstelligt es jedoch, eine angenehme Lernkurve zu schaffen, die Genreneulingen den Einstieg erleichtert, ohne bei der Komplexität des Kampfsystems Kompromisse eingehen zu müssen.

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screenshot: pillars of eternity

Umfangreiche Aufgaben

Die Gruppe kann aus einer Auswahl von acht Begleitern oder selbst erstellten Abenteurern zusammengestellt werden, was bei insgesamt elf verschiedenen Charakterklassen viele verschiedene Kombinationen ermöglicht. Die Weggefährten dienen nicht nur zur Verstärkung im Kampf, sondern haben echte Persönlichkeiten und eigene Agenden, die im Rahmen von Nebenaufgaben entdeckt werden können. Die Entwickler orientieren sich auch in punkto Umfang an den alten Infinity-Engine-Spielen. Hinter jeder Ecke wartet eine liebevoll gestaltete kleine Aufgabe, deren Erfüllung vollkommen optional ist, den Eindruck einer lebendigen Welt aber ungemein verstärkt und die Spielzeit locker über die 40-Stunden-Marke treibt. Für einige zusätzliche Spielstunden Beschäftigung sorgt beispielsweise ein 15-stöckiger Dungeon unter der Burg, die als Basis dient.

Diese Burg kann ausgebaut und erweitert werden, was zusätzliche Boni freischaltet. Die beinahe sklavisch anmutende Treue zu vergangenen Klassikern macht sich indes optisch bemerkbar. Wie früher sind die detaillierten Hintergründe vorberechnet, bieten allerdings zeitgemäße Beleuchtungseffekte und kleine animierte Details wie von Bäumen fallendes Laub. Die Figuren bestehen im Gegensatz zu den Vorbildern allerdings aus Polygonen und auch Zaubereffekte sehen wesentlich spektakulärer aus als etwa in "Baldur’s Gate". Klare Limitierungen zeigt die visuelle Gestaltung wenn etwa actionreiche Sequenzen mittels Standbildern erzählt werden, deren Ausgang durch verschiedene Handlungsoptionen beeinflusst werden kann.

screenshot: pillars of eternity
screenshot: pillars of eternity

Fazit

"Pillars of Eternity" bietet eine liebevoll ausgearbeitete Welt mit interessanten Charakteren und einer originellen Geschichte, fordernde Kämpfe und Unmengen an Inhalten. Es ist eine Liebeserklärung an alte Rollenspielklassiker und tut alles, um dem Spielgefühl von damals möglichst nahe zu kommen. Das gelingt dem Spiel hervorragend, doch weit darüber hinaus reichen die Ambitionen nicht. Zwar sind die Auflösung höher und die Effekte schöner als bei "Baldur’s Gate" und Konsorten, doch neben optionalen Entwicklerkommentaren und einigen Komfortfunktionen gibt es nicht viel Neues. Auf der anderen Seite macht gerade diese unerbittliche Treue zu den Vorbildern "Pillars of Eternity" zu einer der aktuell interessantesten Aufgaben für passionierte Rollenspieler. (Lukas Urban, 8.4.2015)

"Pillars of Eternity" ist ab 16 Jahren für Windows-PC über Steam, Gog.com und als Retail-Version erschienen. UVP: ab 41,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster zu "Pillars of Eternity" wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

Links

Pillars of Eternity

Obsidian Entertainment

Die Kickstarter-Kampagne zu "Pillars of Eternity"

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