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7. April 2015, 10:18

Fünfter Wiener Gemeindebezirk, Nähe Matzleinsdorfer Platz. Es ist nicht die beste Gegend, es ist nicht die beste Straße, nicht das beste Haus. Draußen an der Tür zum Souterrain hängt neben einem Alarmanlagenpickerl ein relativ großer Zettel, auf dem relativ klein "Wuzzeltreff" steht. Das trifft es ziemlich genau. Man trifft sich hier, um zu wuzzeln, Tischfußball zu spielen. Und wer die zehn Stufen hinuntersteigt, der trifft – Straße hin, Haus her – auf einige der Weltbesten in diesem Metier.

Aufgabenteilung? "Ich hab die Routine, er ist die Maschine."

Kommende Woche, ab 8. April, findet in Turin eine Weltmeisterschaft statt. Und Österreich hat Chancen auf mehrere Medaillen. Der heimische Tischfußballbund (TFBÖ), der 500 gemeldete Mitglieder hat, führt sensationell im Nationenranking (vor Deutschland und Frankreich), das verspricht viel für den Teambewerb. Außerdem hoffen Damen wie Herren solo wie im Doppel auf Spitzenplätze.

foto: andy urban
Kevin Hundstorfer und Vladimir Drabik fahren zur WM, Bernhard Kraus und Sebastian Simhandl (von links) drücken die Daumen.

Eine Legende öffnet die Tür

Wer beim Wuzzeltreff läutet, dem öffnet Vladimir Drabik die Tür. Der "Vlado", wie er genannt wird, ist eine Wiener Wuzzellegende, seit Jahren dabei und immer noch top, speziell im Doppel. In Turin tritt er gemeinsam mit dem Welser Kevin Hundstorfer an. Hundstorfer, der als Solist gar die Nummer eins der Welt und mit keinem heimischen Minister verwandt ist, kommt fast jedes Wochenende zum Training nach Wien.

"Ich hab die Routine, er ist die Maschine", sagt Drabik. Er gibt den Verteidiger (und Goalie), und Kevin kurbelt im Mittelfeld und im Angriff. Drabik (37) kümmert sich fast väterlich um den 13 Jahre jüngeren Partner. Wenn Kevin mit seiner Lebensgefährtin in Wien ist, können sie selbstverständlich beim Vlado übernachten.

Seit 2011 ist Österreich immer unter den Top drei des Nationenrankings. Die härtesten Konkurrenten sind traditionell Deutschland und Frankreich. 2015 liegt Österreich in Führung.
Die Elite im Einzelranking ist dicht mit Österreichern besetzt, bei den Herren führt der Welser Kevin Hundstorfer, bei den Damen die Wienerin Verena Rohrer.

Überhaupt ist der Vlado, Expeditmitarbeiter bei Mediaprint, die gute Seele des Wuzzelns in Wien. "Ich bin im Jugendzentrum großgeworden und dort mit Tischfußball in Kontakt gekommen. Es ist mir wichtig, dass die Burschen wegkommen von der Straße, keine Drogen nehmen und auch sonst keinen Blödsinn machen. Und ich bin stolz, dass durch Tischfußball zumindest einige auf einen guten Weg gekommen sind."

Höhere Ziele? "Durch Tischfußball sind einige auf einen guten Weg gekommen."

Der Wuzzeltreff soll ein weiterer Schritt in diese Richtung sein. Ansonsten wird halt in Lokalen gespielt. Aber in Lokalen ist die Luft oft verraucht, die Beleuchtung suboptimal. Den Treff gibt es seit drei Monaten. Der Vlado wollte mit seinem Partner Markus Stoiber eine neue, eigene Trainingsstätte hochziehen. Am Anfang waren die 100 Quadratmeter eine einzige Baustelle, noch ist nicht alles fertig, die Wände sind teilweise unverputzt, in den Fenstern hinauf zur Straße stecken Kartonplatten.

Aber das Wichtigste ist vorhanden, ein kleiner Barbereich sowie Tisch, Sofas und ein großer Fernseher im ersten Raum – und die vier Wuzzler im zweiten. Über den Tischen hängen LED-Platten, die Beleuchtung ist so gut wie bei großen Turnieren. Ein Kamerasystem, zwecks Analyse, wird noch besorgt. Natürlich gibt's Regeln im Wuzzeltreff, sogar eine Hausordnung mit zehn Punkten. Punkt 2: "Rauchen nur im Chillbereich erlaubt. Der Tischfußballbereich ist Nichtraucherzone!"

derstandard.at/kopacka
Lokalaugenschein im Wuzzeltreff im fünften Wiener Gemeindebezirk.

Kevin Hundstorfer, dessen Eltern schon – hobbymäßig zwar, aber engagiert – am Wuzzeln waren, hat mit fünf Jahren begonnen. Mit 14 spielte er sein erstes Turnier, mit 20 war er Weltklasse. Der WM-Titel 2013 ist einer seiner größten Erfolge, besonders stolz ist er über eine ausgeglichene Bilanz (3:3) gegen den mittlerweile zurückgetretenen Superstar der Szene, den Belgier Frederic Collignon.

Hundstorfer? "Man kann ihn mit Woods oder Schumacher vergleichen."

Collignon (39) hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt, auch bei den großen, teilweise mit mehr als 100.000 Dollar dotierten Turnieren in den USA. Hundstorfer, den man laut Drabik "mit Tiger Woods und Michael Schumacher vergleichen kann", hat noch nie in den USA gewuzzelt, habe es aber vor. Er hat schließlich auch einen Job – Servicetechniker für Ultrahochgeschwindigkeitsfräsen. Da ist Hundstorfer ebenfalls Spezialist und weltweit im Einsatz.

Die vier Tische im Wuzzeltreff stammen von vier verschiedenen Herstellern, das hat seinen Grund. Bei vielen Turnieren, auch bei der WM in Turin, stehen ebenfalls unterschiedliche Wuzzler, und jeder Teilnehmer sowie jede Teilnehmerin muss einen "Heim-Tisch" nennen.

Wechselhafte Bedingungen

Die meisten Österreicher sind auf Garlando-Tischen zu Hause, die Deutschen auf Leonhart oder Ullrich, die Franzosen auf Bonzini, die Amerikaner auf Tornado, die Italiener auf Roberto Sport. Und wenn nun ein Österreicher bei der WM gegen einen Deutschen spielt, wird nach jedem Satz (bis fünf Tore) der Tisch gewechselt.

Erster Satz Garlando-Tisch, zweiter Leonhart, dritter Garlando, vierter Leonhart – oder umgekehrt. Im fünften und entscheidenden Satz übersiedeln die Spieler nach jedem zweiten Tor. Klingt kompliziert, wird aber kaum hinterfragt, weil jeder Hersteller seine Lobby hat.

Auf vier Tischen wird im Wuzzeltreff trainiert. in Österreich spielt man auf vorwiegend auf Garlando. International muss man auch auf anderen Tischen reüssieren.

Die Tische unterscheiden sich hinsichtlich Belag, Größe des Balls, Größe der Tore, Spielerfußform und Eckenschrägen. Fast jede Marke stellt elf Spieler auf (ein Goalie, zwei Verteidiger, fünf Mittelfeldspieler, drei Stürmer), Ausnahme ist der "Tornado", der zwei zusätzliche Spieler auf der Goaliestange braucht, weil die Spielfeldecken nicht abgeschrägt sind. Hundstorfer verweist auf die ebenfalls verschiedenen Tennisbeläge, gibt aber zu, dass Tennisspieler nicht nach jedem Satz von Rasen auf Sand wechseln.

Wettkampfmäßig gewuzzelt wird seit den 1950er-Jahren, eine echte Struktur hat Tischfußball aber erst in diesem Jahrtausend bekommen. Die International Table Soccer Federation (ITSF) wurde ebenso wie der TFBÖ 2002 gegründet. Vielleicht ist ein anderer, nun ja, Wirtshaussport, nämlich Darts, auch deshalb davongezogen.

Abwechslung? "Die meisten Spieler sind auf vier, fünf Schmähs spezialisiert."

Große Dartsturniere füllen große Hallen und versammeln ein TV-Millionenpublikum, die besten Dartsspieler sind Vollprofis, die ausgezeichnet verdienen. Davon sind die Wuzzler weit entfernt. Hundstorfer verdient sich "ein Taschengeld dazu".

Drabik meint, der Sport lasse sich medial weniger gut verkaufen, die meisten Spieler seien "auf vier, fünf Schmähs spezialisiert", die sie im Verlauf einer Partie immer wieder anbringen wollen. "Ehrlich gesagt, für den Laien wird das bald einmal langweilig." Doch natürlich könnte die TV-Aufbereitung besser sein. Ohne Zeitlupe geht sowieso gar nichts, gute Spieler versenken Bälle mit 60 Stundenkilometern, das Ohr hört zwar einen Knall, aber das Auge kommt nicht mehr mit.

Die Gruppenphase bei der WM in Turin sollte für Team Österreich kein Hindernis darstellen.

Im Wuzzeltreff zeigt Hundstorfer seine Spezialität, den Snake (oder Jet). Der vom Stürmer eingeklemmte Ball wird durch eine schnelle Seitwärtsbewegung in eine ungedeckte Position gebracht, die Figur wird nach hinten überschlagen und trifft so den Ball, muss aber dann gleich abgestoppt werden. Durchdrehen, richtiges Kurbeln, ist verboten – das ist die eine wichtige Grundregel, die selbst Hobbyisten im Strandbad beherzigen. Ein Könner wie Hundstorfer hat natürlich auch Trickschüsse auf Lager: Er kann sich den Ball mit dem Goalie aufgaberln und über die Köpfe der Gegner hinweg ins Tor schießen – eine Kunst, die allerdings im Turnier nicht gezeigt werden darf.

Im Wuzzeltreff beim Matzleinsdorfer Platz kommen an Freitag- und Samstagabenden manchmal dreißig Spieler oder mehr zusammen. Sie trainieren miteinander, spielen gegeneinander, es wird analysiert. "Wir geben uns gegenseitig Halt", sagt der Vlado. "Denn da draußen ist es schwer genug." Und er blickt die zehn Stufen zur Straße hinauf. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 6.4.2015)