Gerüchte über ukrainische Abtretung des Donbass an Russland

6. April 2015, 17:35
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Präsident Poroschenko soll Putin Gebiete in Ostukraine angeboten haben. In Kiew wird heftig dementiert

Kiew/Moskau - Was im Kindergarten für Spaß sorgt, kann in der Politik gewaltigen Ärger hervorrufen: Derzeit belastet das Spielchen "Stille Post" die Beziehungen zwischen Moskau und Kiew. Auslöser ist ein Zeitungsbericht über ein Treffen Wladimir Putins mit der Spitze des russischen Unternehmer- und Industriellenverbandes kurz nach dem Minsker Friedensabkommen. Das Blatt berichtet unter Berufung auf zwei anonyme Teilnehmer der Runde über ein erstaunliches Angebot, das Putin von seinem Gegenpart Petro Poroschenko bekommen haben will.

"Er sagte mir direkt: 'Nehmt euch den Donbass.' Ich habe ihm geantwortet: 'Verückt geworden, oder was? Ich brauche den Donbass nicht. Wenn ihr ihn nicht braucht, dann erklärt doch dessen Unabhängigkeit'", soll Putin seinen Dialog mit Poroschenko hinter verschlossenen Türen wiedergegeben haben.

Wellen an allen Seiten

Der Bericht schlug Wellen in Moskau und Kiew zugleich. Die freiwillige Aufgabe des ostukrainischen Industriegebiets und Kohlereviers wäre für Poroschenko politischer Selbstmord. Hätte er tatsächlich Putin ein solches Angebot unterbreitet, wäre dies sehr schädlich für seine Popularität, erklärte der ukrainische Politologe Michail Minkow.

Klar, dass aus Kiew ein scharfes Dementi folgte. Der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Jewgen Perebinis, twitterte ironisch: "Haut ab aus dem Donbass, heißt nicht: Haut mit dem Donbass ab, sondern das Gegenteil."

Kreml erzürnt Info-Leck

Auch in Moskau sorgte der Bericht für Aufruhr. Nicht wegen der Putin' schen Interpretation der Verhandlungen, sondern weil Inhalte einer geheimen Sitzung an die Öffentlichkeit gelangten. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow jedenfalls dementierte nicht das Gerücht über den verweigerten Kuhhandel um die Bürgerkriegsregion, sondern er erklärte nur, er kommentiere grundsätzlich keine Äußerungen, die hinter verschlossenen Türen gefallen sind. Ob diese der Wahrheit entsprächen oder nicht, hätten die mit ihrem Gewissen zu verantworten, die Putins Rede an die Presse weitergegeben haben, sagte er.

Der Chef des Industriellenverbandes, Alexander Schochin, versicherte daraufhin, dass Putins Worte verfälscht worden seien, und er entschuldigte sich für das Informationsleck. Er bedauerte einen möglichen Vertrauens- und damit Machtverlust des Verbands nach dem Vorfall. (André Ballin, DER STANDARD, 7.4.2015)

  • Trotz öffentlich martialischer Auftritte soll sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erstaunlich nachgiebig gegeben haben, heißt es im Kreml. Poroschenko dementiert.
    foto: ap / efrem lukatsky

    Trotz öffentlich martialischer Auftritte soll sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erstaunlich nachgiebig gegeben haben, heißt es im Kreml. Poroschenko dementiert.

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