Hummeln im Hintern, Hummeln im Hirn

8. April 2015, 07:51
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Er war ein begnadeter Fußballer, sie nannten ihn Pferdelunge. Er hatte schöne, lange Locken. Der 48-Jährige ist hellhörig geblieben

Wien - Der 20. Mai 1996 war ein prägendes Datum für Peter Artner. Der 30. Geburtstag ist für einen Profifußballer etwas Spezielles, die Iden der Karriere sind überschritten, das Ende ist näher als der Anfang. Er kickte damals für Austria Salzburg, das war die im ganzen Land beliebte Mannschaft unter Trainer Otto Baric. Zwei Jahre davor war das Uefa-Cup-Finale gegen Inter Mailand, es waren zwei Finalspiele, knapp verloren worden, 0:1 und 0:1. Im San Siro sind die Salzburger das bessere Team gewesen, was mehr als 20 Jahre danach so etwas von wurscht ist. Die Erinnerung hat die liebenswerte Eigenschaft, Dinge zu verklären, folglich sagt Artner: "Es war wunderbar."

Der 30er wurde jedenfalls mit einer riesigen Party gefeiert, damals waren Fußballer noch kommunikativ und gesellig. Keine Laptops, keine überdimensionalen Kopfhörer, die die Ohren lähmten, kein Facebook. Twittern war ein Zwitschern. Wobei Artner Wert darauf legt, "dass wir disziplinierte Profis waren. Aber wenn es einen Grund gab, feierten wir."

Normalerweise werden Geburtstagskindern die Wünsche erfüllt, bei den Artners war das anders. Ursula, seine Frau ("Sie ist meine Frau, auch wenn wir nach 21 Jahren noch keinen Trauschein haben"), ersuchte ihren Mann, sich endlich die Haare vulgo Federn abschneiden zu lassen. Sie hatte schon über einen kaum überschaubaren Zeitraum Druck gemacht, Dinge wie "Du hast doch so ein hübsches Gesicht, warum musst du es hinter der Matte verstecken?" gesagt.

Mehr vom Gesicht

Der Peter wurde weicher und weicher, möglicherweise genervter und genervter, jedenfalls wurden die Federn öffentlich gerupft. Es war ein Gejohle, der Geschorene ist nach dem ersten Blick in den Spiegel kurz erschrocken, aber wirklich nur kurz. "Es war angenehm." Obwohl er die Frisur davor nie schlechtreden würde. "Das war eben modern und in, es waren Naturlocken. Andere mussten sich Minipli machen lassen." Ursula hatte fortan mehr vom Gesicht. Tochter Kristina lag damals noch nicht einmal in den Windeln, sie kennt den Papa ausschließlich mähnenlos, die alten Bilder findet die 18-Jährige amüsant. Sohn Mario stammt aus einer früheren Beziehung, er ist 25.

Ende März 2015, ein Kaffeehaus im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Artner wohnt gleich um die Ecke, seine Firma hat dort ihren Sitz. Seine O-Beine sind O-Beine geblieben ("Knie und Kreuz schmerzen"), die Anatomie eines waschechten Fußballers ist mit nichts zu vergleichen. "Hallo" und "Servas", man kennt einander, der Schmäh, "warst beim Friseur?" ist aufgelegt. "Ein heute 14-Jähriger kennt mich nimmer. Egal." Artner sagt, dass er nach wie vor ein rastloser Mensch sei. Hummeln im Hintern, Hummeln im Hirn. "Ich habe Visionen, bin hellhörig, für Neues offen. Ich hackle wie ein Viech." Seit 2008 produziert er eine eigene Glasserie, die Artner Glasedition (www.artner.or.at). Keine Massenware, hochwertige, selbst entworfene Produkte. "Ein guter Wein hat das Recht auf ein schönes Glas." Der Umkehrschluss ist zulässig, sogar zwingend. "Trotz meiner Unruhe bin ich auch ein Genussmensch."

2001 hat er in St Pölten seine Karriere beendet, an die letzte Station möchte er nicht erinnert werden, da gibt es auch keine Verklärung. "Konkurs, kein Erfolg, schrecklich." Möglicherweise sei ihm der Abschied deshalb leichtgefallen. "Ich brauchte nur eine kurze Phase der Selbstfindung, bin im Gegensatz zu anderen in kein Loch gefallen. Man muss Dinge abschließen. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, bin dankbar, dass ich Fußballer sein durfte. Ich spielte immer in der österreichischen Spitze, hatte gut dotierte Verträge."

Artner hat Offsetdrucker gelernt, sieben Jahre lang betrieb er eine Druckerei. Er erwarb die Fifa-Lizenz zum Spielervermittler, zwei Jahre lang war er im Geschäft, um zur Einsicht zu gelangen, "dass es schrecklich ist. Zumindest war es damals schrecklich. Da liefen die ärgsten Typen herum." Den Trainerschein hat er auch gemacht, theoretisch könnte er einen Zweitligisten coachen. "Ich habe aber keine Zeit dafür. Ich gehe ganz selten ins Stadion."

Peter Artner ist im 21. Bezirk, in Floridsdorf, aufgewachsen. "Ein klassischer Ort." Der Vater, Rapid-Fan und Drucker, unterstützte die Ambitionen seines Sohnes. Das Peterle kickte jede freie Minute im "Käfig"- Käfigfußballer sind ein vom Aussterben bedrohtes Wiener Kulturgut. Der befreundete Herr Gössl von der Nebenstiege hat die Kontakte zum SV Union Landhaus geknüpft. 1976 kaufte die Austria das zehnjährige Peterle um 15.000 Schilling. Als Jungprofi trug Artner zu den Meistertiteln 1985 und 1986 relativ wenig bei. "Ich saß zu oft neben zu vielen Teamspielern auf der Bank." Also sammelte er Praxis bei der Vienna, dort schaffte der Dauerläufer den Durchbruch. Artner kurbelte im Mittelfeld, Trainer Gustl Starek nannte ihn "lebender Rasenmäher". Weitere Kosenamen: Duracellhase, Pferdelunge. "Wenn die anderen müde waren, bin ich erst losmarschiert."

Wiener Kulturgut

Die Austria machte Anstalten, ihn zurückzuholen. Meistertrainer Thomas Parits, der darauf bestanden hatte, wurde allerdings gefeuert. Auch das zählt zum Wiener Kulturgut. Die Nachfolger Karl Stotz und Josef Argauer wollten lieber den Manfred Zsak von der Admira. Angeblich deshalb, weil den beiden Herren Artners Haare missfallen haben. "Für die wäre ich nie zum Friseur gegangen." Zsak kam, Artner ging in die Südstadt, es gab dort ein Wiedersehen mit Starek. Damals war die Admira noch eine Nummer, regelmäßig im Europacup dabei.

Artner, er wurde 2008 in Admiras Jahrhundertteam gewählt, debütierte 1987 im Nationalteam, es sollten 55 Einsätze (ein Tor) werden. Bei der WM 1990 in Italien kam er zweimal dran, im USA-Spiel wurde er ausgeschlossen. Das 0:1 gegen die Färinger hat er verpasst. "Ich kann sagen, mit mir hätten wir gewonnen." Ebenso erspart geblieben ist ihm das 0:9 in Valencia. "Da kann ich nicht sagen, mit mir hätten wir gewonnen." Von 1993 bis 1996 war er das Herz, die Lunge der Austria Salzburg, an diesen beiden Meistertiteln und am Uefa-Cup-Finale hatte er großen Anteil. Mit Baric ist er bestens ausgekommen. "Der wusste, was jeder braucht. Ich brauchte Ruhe, also hat er mich nicht niedergequatscht."

Auf den Verlust der Haare folgte der Wechsel zu Hercules Alicante. Aufgrund einer Beckenverletzung konnte sich Artner in Spanien nicht durchsetzen. Woraufhin er in Italien bei US Foggia anheuerte. "Dort regierte die Mafia." Der Präsident war nicht von dieser Welt, die Mannschaft musste aus Sicherheitsgründen 200 Kilometer außerhalb trainieren. Fans hatten einige Spieler verprügelt ("Mich nicht") und die Kabine gestürmt. 1998 kehrte er heim, St. Pölten wurde die letzte, zu vernachlässigende Station.

Peter Artner blättert in seinem aufwändig produzierten Hochglanzkatalog, zeigt die Karaffen, die Vasen, die Weingläser. "Glas ist etwas Wunderschönes, zerbrechlich und elegant." 2014 hat er eine Superbob-Anlage am Semmering, dem Zauberberg, eröffnet (www.superbob.cc). Das nächste Projekt heißt Soccergolf, das niederösterreichische Spillern freut sich darauf. "Irgendwann", sagt Artner, "werde ich zur Ruhe kommen. Aber ich will halt noch nicht." Er lacht, zeigt sein Gesicht.. (Christian Hackl, DER STANDARD, 7.4.2015)

  • Peter Artner im Jahr 2015: Geschäftsmann mit Visionen.
    foto: privat

    Peter Artner im Jahr 2015: Geschäftsmann mit Visionen.

  • Peter Artner bei der WM 1990 in Italien. Gegen die Gastgeber und die  Tschechoslowakei hat Österreich jeweils 0:1 verloren, das Achtelfinale war somit  verpasst. Im letzten Gruppenspiel wurden die USA 2:1 geschlagen, der damals  24-jährige Artner wurde in der 33. Minute nach einem Foul ausgeschlossen.
    foto: apa/picturedesk/jäger

    Peter Artner bei der WM 1990 in Italien. Gegen die Gastgeber und die Tschechoslowakei hat Österreich jeweils 0:1 verloren, das Achtelfinale war somit verpasst. Im letzten Gruppenspiel wurden die USA 2:1 geschlagen, der damals 24-jährige Artner wurde in der 33. Minute nach einem Foul ausgeschlossen.

  • bigwarisland

    Weltkulturerbe featuring Peter Artner.

  • Artner zum Einkleben.

    Artner zum Einkleben.

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