Gemeinsam an Motorrädern und Start-ups schrauben

7. April 2015, 07:00
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In Österreich steigt die Zahl der Coworking-Spaces. Neben Schreibtischen ist auch Platz zum Motorradreparieren zu mieten

Wien - Zusammengestellte Bautische bilden in der Mitte des hohen Altbauraumes eine kleine Insel. Drumherum viel Gewusel. An der Glastür hängen Post-its, angeordnet in der Form eines Fisches. "Die haben die neuen Mieter aufgehängt", sagt Jakob Altzinger. Er eröffnete zu Jahresbeginn gemeinsam mit einem Freund das "Kommod" - einen Coworking-Space.

76 solcher Arbeitsräumlichkeiten österreichweit zählt die Junge Wirtschaft, eine Abteilung der Wirtschaftskammer (WK) - 43 davon allein in Wien. Die Auflistung ist nicht vollständig, beinhaltet sie ja nur Bürogemeinschaften, die sich dezidiert als Coworking-Büros eingetragen haben. Seit Jahren steigt die Zahl dieser Art von Arbeitsräumen. Im Kommod gibt es zwölf Arbeitsplätze, anderswo sind es deutlich mehr (zum Beispiel im "StockWerk" im 15. Bezirk mit rund 65 Schreibtischen). Die gemeinsamen Räume sollen vor allem Leute in atypischen Arbeitsverhältnissen ansprechen. "Die Büroräume können oft flexibel für einen bestimmten Zeitraum gebucht oder gemietet werden, ohne langfristige Verpflichtungen damit einzugehen", sagt Roman Riedl, WKO-Experte für Ein-Personen-Unternehmen.

"Maschine zerlegen"

"Eigentlich habe ich einen Platz gesucht, um meine Maschine zu zerlegen" , sagt Michael Gusenbauer, der eine Dissertation im Fach Informationsmanagement schreibt. Die "Maschine" ist seine Oldtimer-Yamaha. Ihm schwebte eine Gemeinschaftswerkstatt vor oder ein Motorradcafé mit Schraubmöglichkeit. Als Gusenbauer vergangenen Winter das Objekt in der Esterházygasse in Wien-Mariahilf fand, grübelte er darüber, wie denn die Motorräder in den Raum, in dem sich jetzt ein Start-up-Team hinter Computer geklemmt hat, hinunterkommen sollen. "Wir haben dann eine Garage dazugemietet", sagt Gusenbauer. Dort ist die Yamaha untergekommen, und dort wird auch an anderen Rädern geschraubt.

"Ich wollte einen Arbeitsplatz, der nicht mein Zuhause ist", sagt Altzinger. Der Sportlehrer arbeitet an einem Projekt, das Schülern zu mehr Bewegung ermutigen soll: "Wir haben viel in Kaffeehäusern gearbeitet, aber da kann man sich nie sicher sein, ob man Ruhe hat."

"Fast wie eine WG"

Die Gründer sehen das Kommod "fast wie eine WG" und als "Kreativraum". Das Heim der Yamaha etwa soll im Sommer als Pop-up-Space auch Kunst ausstellen. 210 Euro im Monat bezahlen die Nutzer, darunter eine Grafikerin, ein Programmierer und eine Innenarchitektin, für einen Arbeitsplatz. Auch der Besitzer des Hotels gegenüber, das zu wenige Büroräume hat, macht seine Abrechnungen im Kommod. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 7.4.2015)

  • Die zwölf Arbeitsplätze im Coworking-Space Kommod in Wien-Mariahilf sind derzeit ausgebucht. 43 solcher Gemeinschaftsarbeitsräume verzeichnet die Junge Wirtschaft in der Bundeshauptstadt.
    foto: kommod/matthias streibel

    Die zwölf Arbeitsplätze im Coworking-Space Kommod in Wien-Mariahilf sind derzeit ausgebucht. 43 solcher Gemeinschaftsarbeitsräume verzeichnet die Junge Wirtschaft in der Bundeshauptstadt.

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