RBI-Chef Sevelda: "Bin nicht so sicher, dass ein Sektorumbau kommt"

Interview6. April 2015, 17:28
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Sevelda hält Zusammenlegungen von Landesbanken für unwahrscheinlich

STANDARD: Ende März ist Ihnen quasi über Nacht Ihr für Retail- und IT zuständiger Vorstandskollege abhandengekommen. Unerquicklich, mitten in den großen Umstellungen der Raiffeissen Bank International (RBI), oder?

Sevelda: Dass Aris Bogdaneris den IT-Bereich abgeben wird, hat er schon vor einigen Monaten angekündigt, wir sind in der Endphase der Nachbesetzung. Beide Ressorts sind zu viel für einen. Bogdaneris hat nun aber ein Angebot der ING bekommen, das er nicht ablehnen konnte.

STANDARD: Es heißt, es gibt Friktionen im IT-Bereich ...

Sevelda: Gibt es nicht. Grundsätzlich wird in Banken immer die IT für alle Probleme verantwortlich gemacht, das ist ein Phänomen.

STANDARD: Die RBI hat einen Verlust von einer halben Milliarde Euro gemacht. Sie setzen auf Verkleinerung. Unter anderem verkaufen Sie die Polbank, die die RBI erst 2011 gekauft hat. Es heißt gerüchteweise, der damalige RBI-Chef Herbert Stepic habe den Restvorstand bei diesem Zukauf quasi vor vollendete Tatsachen gestellt ...

Sevelda: Das stimmt nicht. Wir haben im Vorstand damals lang diskutiert, es gab auch Bedenken ...

STANDARD: ... hatten Sie welche?

Sevelda: Letztlich hat der Gesamtvorstand einstimmig entschieden, es haben alle zugestimmt. Daher ist diese Bank gekauft worden.

STANDARD: Obwohl man wusste, dass die Bank ein sehr großes Fremdwährungskredit-Risiko birgt, auch im Schweizer Franken. Das hat niemanden gestört?

Sevelda: Es stimmt: Das Schweizer-Franken-Portfolio in Polen ist hoch, aber wir haben dort sehr geringe Ausfälle, die Rate (NPL-Quote; Anm.) liegt bei zwei Prozent. Insgesamt liegt die NPL-Quote im Polen bei 8,8 Prozent, im Konzern bei 11,3 Prozent. Das liegt daran, dass die Voreigentümer der polnischen Bank Schweizer-Franken-Kredite fast nur an sehr gute Kunden vergeben haben. Die polnische Aufsicht sieht das mit Sorge, bislang unberechtigterweise. Ich glaube nicht, dass da gröbere Ausfälle zu erwarten sind. Wir werden dieses Thema aber auch mit dem Erwerber der Raiffeisen Polbank erörtern. Es ist die Frage, ob die Risiken zur Gänze übertragen werden.

STANDARD: Die RBI wird Garantien übernehmen?

Sevelda: Das ist eine von mehreren Varianten.

STANDARD: Die Aufsicht in Polen macht Ihnen sehr strenge Vorgaben, auch weil sie sauer ist, dass Raiffeisen so schnell wieder aus der Polbank aussteigt. Sie will, dass die RBI ihr Versprechen hält, die Bank bis 2016 zu mindestens 15 Prozent an die Börse zu bringen. Und dass nur jemand sie kauft, der noch nicht in Polen aktiv ist. Politische Spielchen?

Sevelda: Nein, der polnische Regulator will eine Konzentration verhindern, den Kapitalmarkt beleben, und er ist einfach vorsichtig. Zum Börsengang haben wir Vorschläge gemacht, denn wir wollen unser Versprechen halten.

STANDARD: All das legt nahe, dass Sie nicht viel Gewinn einstreifen werden beim Verkauf. Glauben Sie noch immer, dass Sie einen Preis über Buchwert bekommen?

Sevelda: Der durchschnittliche Marktwert der polnischen Banken liegt bei 1,8-mal Buch. Ich gehe davon aus, dass wir beim Verkauf der Polbank mehr als den Buchwert erlösen werden.

STANDARD: Die RBI hat stark expandiert, nun reduzieren Sie das Geschäft in Russland, der Ukraine und Asien, Amerika wollen Sie verkaufen. Und Sie müssen noch mehr einsparen?

Sevelda: Die RBI ist bis zur Krise sehr stark gewachsen, mit der Weisheit des Rückblicks gesprochen: zu stark. Wir wollen unsere Kosten bis 2017 noch einmal um 600 Mio. Euro reduzieren und so zwischen Ende 2013 und 2017 rund 900 Mio. Euro einsparen.

STANDARD: All das dient vor allem dazu, die Eigenkapitalquote zu verbessern. Sie wollen bis Ende 2017 von zehn auf zwölf Prozent hartes Kernkapital kommen; das verlangt auch der Markt. Die Einführung von Basel III kostet den Raiffeisen-Sektor durch neue Anrechnungsmethoden viel Eigenkapital, frisches Geld kann man sich innerhalb des Sektors schwer holen. Passt das Geschäftsmodell international aktive Großbank plus Genossenschaftsstruktur überhaupt noch zusammen, ist es nicht überholt?

Sevelda: Die Kapitalaufbringung ist natürlich schwieriger in der Genossenschaft als in der Aktienbank, darum haben wir ja auch die Mischform gewählt. Die RBI ist die börsennotierte 60-Prozent-Tochter der RZB und hat sich 40 Prozent ihres Kapitals von der Börse geholt. Genossenschaften gibt es nur noch auf der Primärebene der Raiffeisenkassen; die RBI ist deren Urenkelin. Also, das Modell passt schon.

STANDARD: Die RZB will Mehrheitseigner bleiben. Wenn die RZB keine Kapitalerhöhung will ...

Sevelda: ... gibt es eine gewisse Einschränkung.

STANDARD: Wenn Sie Polen verkaufen: Um wie viel Prozent erhöht sich dann das Eigenkapital?

Sevelda: Um rund einen Prozentpunkt; die Quote stiege auf elf Prozent. Aber das ist alles volatil, denn wir halten 1,2 Milliarden Euro an Eigenkapital in Rubel. Das ist viel, und der Rubelkurs ist ja zuletzt stark gefallen. Aber wenn Sie schon fragen: Ohne Bankensteuern in den diversen Ländern hätten wir auch um einen Prozentpunkt mehr Kernkapital.

STANDARD: Was müsste eigentlich in Russland geschehen, dass Sie sich nicht nur aus sechs Regionen und zwölf Städten dort zurückziehen, sondern ganz?

Sevelda: Auf theoretische Spielereien möchte ich nicht eingehen. Wir verdienen dort viel Geld, zuletzt 340 Millionen Euro. Die NPL-Ratio liegt bei 5,9 Prozent, in der Ukraine sind es 46 Prozent.

STANDARD: Auch im Sektor stehen Umbauten an. Die Landesbanken fallen um Dividenden um und müssen ihre RZB-Beteiligung abwerten. Wie lange halten sie das aus?

Sevelda: Ihre Abhängigkeit von der Dividende wird überschätzt. Und bei der Bewertung haben sie genug Spielraum.

STANDARD: Sie sind auch in jenem Leitungsausschuss, der den Umbau des Sektors austüfteln soll. Wie sieht der in fünf Jahren aus? Fusionierte Raiffeisen-Landesbanken?

Sevelda: Ich bin mir nicht so sicher, dass ein Sektorumbau kommt, und Zusammenlegungen von Landesbanken halte ich für außerordentlich unwahrscheinlich. Wir müssen an der Kostenschraube drehen, mehr Synergien heben, Funktionen zusammenlegen. Ich würde mir auch wünschen, dass man in diese Rationalisierungsprozesse die Raiffeisen-Landesbanken einbezieht. Nur ein Beispiel: Eigentlich könnte der gesamte Sektor mit der volkswirtschaftlichen Abteilung der RBI versorgt werden.

STANDARD: Die RBI wird jetzt von der EZB beaufsichtigt, mit Notenbank und FMA gemeinsam haben Sie nun drei Aufseher. Wie läuft's?

Sevelda: Es läuft gut. Ich würde mir allerdings wünschen, dass es Vereinfachungen in der Kommunikation mit den drei Behörden gibt; etwa einen Ansprechpartner. Insgesamt ist der Aufwand der Banken groß, all das kostet sehr viel Geld. Die Informationen, die gefordert werden, gehen schon sehr ins Detail. Ich als 65-jähriger Altbanker hoffe schon sehr, dass die Aufsicht nicht zu sehr ins Mikromanagement der Banken einsteigt.

STANDARD: Das tut sie erst, wenn sie Sie abwickelt. Die Hypo wird gerade von der FMA abgewickelt: eine gute Lösung?

Sevelda: Aus Sicht des Steuerzahlers ist das wahrscheinlich gut und spannend. Allerdings ist der Fall wegen der Haftungen des Landes Kärnten ein besonders schwieriger - das Infragestellen dieser Haftung tut dem Finanzplatz Österreich sicher nicht gut. (Renate Graber, DER STANDARD, 7.4.2015)

Karl Sevelda (65) leitet seit Juni 2013 die Raiffeisen Bank International. Er ist 1998 nach jahrzehntelanger Tätigkeit für die Creditanstalt in den Vorstand der Raiffeisen Zentralbank, RZB, gewechselt. 2010 wurde er stellvertretender Vorstandschef der RBI.

  • Die genossenschaftliche Struktur des Sektors ist in den Augen Karl Seveldas, des Chefs der Raiffeisen Bank International, trotz Expansion noch zeitgemäß. Auch wenn sie die Eigenkapitalaufnahme erschwert.
    foto: reuters/bader

    Die genossenschaftliche Struktur des Sektors ist in den Augen Karl Seveldas, des Chefs der Raiffeisen Bank International, trotz Expansion noch zeitgemäß. Auch wenn sie die Eigenkapitalaufnahme erschwert.

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