Redaktionsversagen: "Rolling Stone" zieht Vergewaltigungsstory zurück

6. April 2015, 21:46
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Prüfbericht: Grundlegende journalistische Standards missachtet

Washington - Mit einem Artikel über eine brutale Gruppenvergewaltigung an einer Uni in Virginia hatte das renommierte US-Musikmagazin "Rolling Stone" im November für einen Aufschrei gesorgt. Doch kamen schnell Zweifel an der Richtigkeit des Berichts auf. Ein halbes Jahr später hat das Magazin nun auf seiner Homepage eine unabhängige Untersuchung veröffentlicht, die der ganzen "Rolling Stone"-Redaktion "vermeidbare" Fehler und die Verletzung grundlegender journalistischer Standards vorwirft. Das Magazin entschuldigte sich für die Berichterstattung und zog den Artikel offiziell zurück.

"'Eine Vergewaltigung auf dem Campus' - Was lief falsch?" ist der 8.000 Wörter lange Untersuchungsbericht der Journalistenschule der Columbia-Universität überschrieben, den das Magazin auf seine Homepage stellte. Die Lektüre des Berichts sei "schmerzhaft" gewesen, schrieb "Rolling-Stone"-Chefredakteur Will Dana. "Wir möchten uns bei allen entschuldigen, die durch die Geschichte Schaden nahmen."

Die Redaktion übernahm geschlossen die Verantwortung, niemand wurde gefeuert, sagte Dana der "New York Times". Auch die Autorin des Artikels, Sabrina Rubin Erdely, entschuldigte sich am Sonntag laut US-Medien. Sie sei "nicht weit genug gegangen", um die Geschichte zu verifizieren. In dem Artikel vom 19. November wurde das angebliche Martyrium einer "Jackie" genannten Studentin im September 2012 geschildert.

Die junge Frau, die nicht identifiziert wurde, hatte Erdely gesagt, sie sei im Haus einer Studentenverbindung von sieben Studenten vergewaltigt worden. Mit der Reportage wollte der "Rolling Stone" auf weitverbreitete sexuelle Gewalt an US-Universitäten aufmerksam machen.

Kollektives Versagen der Redaktion

Der Artikel führte zu Protesten, zu polizeilichen Ermittlungen und sogar zu einer zeitweiligen Suspendierung der Verbindung an der Uni im US-Staat Virginia. Allerdings war die Glaubwürdigkeit von "Jackie" schnell infrage gestellt worden. Bereits im Dezember entschuldigte sich das Magazin deswegen und distanzierte sich von dem Bericht. Die Polizei kam im März zu dem Schluss, dass sich die Schilderung "Jackies" nicht nachweisen lasse, und legte den Fall auf Eis. Die Studentenverbindung kündigte am Montag rechtliche Schritte gegen das US-Magazin an.

In ihrer Prüfung stellte die Columbia-Journalistenschule ein Versagen der gesamten Redaktion fest. Beim Berichten, beim Redigieren, bei der redaktionellen Aufsicht und beim Faktencheck seien Fehler gemacht worden. Die Belegschaft sei so erpicht darauf gewesen, ein erschütterndes Beispiel für sexuelle Gewalt zu schildern, dass "grundlegende, routinemäßige" Regeln der Berichterstattung nicht befolgt worden seien - etwa, dass Beschuldigte oder vermeintliche Komplizen nicht befragt wurden. Chefredakteur Dana schrieb, die Redaktion sei besonders traurig darüber, dass durch ihr Versagen wirkliche Opfer sexuellen Missbrauchs an Universitäten davon abgeschreckt werden könnten, an die Öffentlichkeit zu gehen. (APA, 6.4.2015)

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