Lasst uns über "Game of Thrones" reden: Drachen, Macht und muffige Pelzmäntel

9. April 2015, 05:30
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Am Sonntag beginnt die fünfte Staffel von "Game of Thrones" in den USA – und zeitgleich auf Sky Atlantic

Willkommen bei der vierten Ausgabe von "Serienreif" - und damit auch gleich dem ersten Special dieses Formats. Diesmal haben wir einige STANDARD-Mitarbeiter eingeladen, darüber zu schreiben, was sie an "Game of Thrones" lieben oder hassen. Oder auch wen. Ob die Serie nun trotz Fantasy gut ist oder Drachen eigentlich keine Rolle spielen. Es ging um Gut und Böse, Familie und Politik. Also eigentlich um eh alles. Aber lesen Sie selbst. Eine kleine Spoiler-Warnung vorweg: Wer noch nichts gesehen hat, könnte hier einiges erfahren.

gameofthrones

Sandra Čapljak, Redakteurin Etat: Warum ich "Game of Thrones" nicht mehr schaue oder: eine Hommage an den Auftakt.

Die ersten Folgen versprachen einiges: mittelalterliche Sets, Verschwörung, Krieg, Tod, Liebe und Drachen. Alles, was ein Serienjunkie eben so braucht. Obwohl alle in meinem Freundeskreis nur von Daenerys Targaryen sprechen, habe ich andere Lieblinge: Khal Drogo, der sich als unsympathischer, schroffer Wilder vorstellt. Tyrion Lannister, der mich schon in "Station Agent" und "Sterben für Anfänger" komplett überzeugt hat. Und dann noch Jon Schnee, ohne den die Ereignisse an der Mauer sicher nicht so interessant wären.

Emotionslos saß ich jedenfalls nicht da: Ich hielt meinen Hund ganz fest, als entschieden wurde, dass der Schattenwolf Lady sterben muss – wegen eines verwöhnten Bengels. Mein Herz hüpfte, als sich Tyrion und Jon an der Mauer begegneten. Ich würgte, als Khaleesi das Pferdeherzritual durchlitt – grandios! Und ich trauerte, als Khal Drogo für immer ging. Doch trotzdem war mir das alles zu wenig.

Ich hatte es satt, auf Drachen zu warten, die – gefühlt – in jeder zweiten Konversation vorkommen. Ich wollte Westeros und Essos nicht ohne Drogo ertragen. Und Khaleesis schnelle Transformation von einem ehrbaren Mauerblümchen zu einer Amazone hat mich vermutlich nur genervt. Tatsache: Drachen habe ich keine gesehen.

Teresa Eder, Redakteurin Außenpolitik: Warum ich "Game of Thrones" nicht schaue.

Ich habe noch keine Minute von "Game of Thrones" gesehen. Mittlerweile klingt das ähnlich absurd wie mein Bekenntnis, dass ich mich – aufgrund verstörend ekstatischer "Star Wars"-Fans in meiner ehemaligen Schulklasse – noch nie mit dem "Krieg der Sterne" auseinandergesetzt habe. Aber Fantasy ist wirklich nicht meines. Der Inhalt, von dem mir regelmäßig vorgeschwärmt wird, mag ja durchaus voller fesselnder Action, Drama und Intrigen sein – aber die Verpackung passt nicht. Männer mit muffigen Pelzmänteln, langen Haaren und Schwertern aus längst vergangenen Zeiten – dafür lebe ich zu sehr in der Gegenwart und bin zu oberflächlich. Vielleicht rede ich mir das aber auch nur ein, um nicht die nächste Binge-Watching-Session auszulösen, bei der ich dann als "Späteinsteigerin" wochenlang angehängt wäre. Würde mir nicht zum ersten Mal passieren.

Žarko Janković, Community-Manager: "Game of Thrones" ist das "Herr der Ringe" für Erwachsene.

Fantasy ist nicht mein liebstes Genre. Mehrmals versuchte ich es trotzdem und gab zum Beispiel Tolkien seine Chancen – aber es war mühsam. Kein Wunder also, dass sämtliche "A Song of Ice and Fire"-Bücher spurlos an mir vorübergingen. Als ein Freund etwas von einer tollen neuen Serie erzählte, die gesehen werden müsste, war die Skepsis riesig. Drachen, Zauberei, Fabelwesen sind eigentlich Hinweis darauf, etwas nicht ansehen zu wollen. Aber dann: Politik, Intrige, Gewalt, Sex ... und plötzlich erwischt man sich bei Sätzen wie: "Ja, im Norden sind die Sitten eben etwas rauer."

Es ist zwar Fantasy, aber Fantasy für Erwachsene, die alle Stücke eines extrem verworrenen Machtkampfes spielt und dem Leser auch noch das berechtigte Gefühl gibt, dass jede Figur jederzeit sterben und alles auf den Kopf gestellt werden könnte. Mittlerweile verlasse ich manchmal aufgrund der Spoiler-Gefahr den Raum, wenn das Gesprächsthema auf "Game of Thrones" kommt. Das macht meinen Job hier bei derStandard.at natürlich nicht eben leichter.

foto: ap photo/hbo, helen sloan
Tyrion Lannister: ein ganz großer Mann.

Michaela Kampl, Redakteurin Außenpolitik: Ich schwärme für Tyrion Lannister: eine Ode an den Zwerg.

Der Moment, in dem er sich auf einen Sessel wuchtet, sich das Weinglas schnappt und – noch bevor er den ersten Schluck genommen hat – alle am Tisch beleidigt. Jeder Satz gegen seine große Schwester, die gleichzeitig seine größte Feindin ist, bohrt sich wie eine Schwertspitze in ihre offenen Wunden. Die große Kunst der kleinen Nadelstiche. Die kleine Geste, die sein Herz offenbart, das dann auch zerbricht, als ihn seine Liebe verrät. Ja, ich schwärme. Und zwar von – und jetzt wird es wirklich plump – dem kleinen großen Mann, dem Zwerg oder Wicht, wie sie ihn in Westeros nennen – und dem einzigen Sohn seines Vaters, der dessen Intellekt und Intrigenpotenzial das Wasser reichen kann.

In der Person Tyrion Lannister kristallisiert sich für mich alles, worum es in "Game of Thrones" geht. Es sind die ewigen Themen jeder guten Geschichte: Macht, Liebe und Verrat. Ich vergesse die Namen der einzelnen Reiche, kann mich nicht mehr erinnern, wer mit wem warum welche Allianz eingegangen ist, und manchmal frag ich mich, wie lang die Drachenlady noch in der Wüste Sklaven befreien will oder wohin eigentlich Arya Stark wandert. Ich werde ungeduldig, überlege, die Bücher zu lesen – oder zumindest Wikipedia. Aber dann sagt Tyrion Satze wie: "Death is so boring, especially now, when there is so much excitement in the world." Und ich weiß wieder, warum ich weiterschaue.

Noura Maan, Redakteurin Außenpolitik: Was die Storylines bei "Game of Thrones" so außergewöhnlich macht.

Bei "Game of Thrones" weiß ich nie, wer als Nächstes stirbt – die Person, die mir in dem Moment gerade als ein charismatischer Vertreter des Guten erscheint, oder der sadistische Thronfolger. Oder einfach alle auf einmal. Das macht die Storylines so außergewöhnlich. Bei anderen Serien befindet sich noch viel zu oft durchgehend eine Figur in der Hauptrolle, was die Weiterentwicklung anderer Charaktere sehr einschränkt.

Niemand in Westeros ist nur gut oder böse, beides existiert immer in allen. Ich finde es außerdem gut, dass Elemente wie White Walker, Drachen und Ähnliches sehr sensibel und zurückhaltend eingebaut sind. Das Wichtigste an der Serie sind nicht die Fabelwesen, sondern die Geschichten der Einzelpersonen und in welchem Zusammenhang diese zueinander stehen. Es bleibt natürlich trotzdem ein Fantasy-Universum. Allerdings: Die Geschichten, die Intrigen und die Machtspiele könnten genauso gut in unserer Welt vorkommen.

Julia Meyer, Community-Managerin: Warum ich leider eine Verbindung zu Cersei Lannister habe.

Während ich noch darüber nachdachte, wem ich denn eine Liebesrede schreiben könnte, ließ mich ein Online-Psychotest à la "Welcher GoT-Charakter bist du?" einigermaßen entsetzt zurück. Nein, sie war nie meine Identifikationsfigur. Den sympathischsten Charakter hasst sie mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie den grotesk abscheulichsten verteidigt. Letzteren hat sie geboren und – das eigentlich Problematische – auch erzogen. Einzig ihre passionierte Zuneigung zum Ritter mit einer Hand ist halbwegs nachvollziehbar. Ist halt ihr Bruder, ergo nicht die günstigste Konstellation.

Cersei Lannister macht wenig richtig. Sie ist schwer toxisch für ihr Umfeld, ihr geht es irgendwie um Macht und irgendwie um die Familie. Und ihre Pläne sind immer mittelmäßig intelligent. Am liebsten wär ich Ygritte geworden, dann hätte ich aber ankreuzen müssen, dass ich gerne campen gehe. Daenerys wäre auch okay gewesen, aber mir ist mein Bruder ganz klar wichtiger als Haustiere, was mir der Test charakterlich anscheinend als Nachteil auslegt. Ich rede mir ein, die geteilte Liebe zum Wein sei der Überschneidungspunkt mit Cersei. Und vielleicht die Eigenschaft, süffisant zu schauen, obwohl man sich nicht wirklich auskennt. Trotzdem: Ich mag sie nicht. Niemand mag sie. Aber die psychotische Adelige soll weiterleben, bitte. Weil man manchmal nämlich auch an dem hängt, das man für hochgradig bescheuert hält. Und ich weiß eh: Sie sind Quatsch, diese Tests. Also hoffentlich. Auf die Familie, prost.

foto: hbo, nick briggs/ap/dapd
Ned Stark wusste schon recht bald, dass der Winter kommt.

Georg Pichler, Redakteur Web: Warum ich den Starks die Treue halte.

Ich habe mir Eddards Interregnum gewünscht, auf Robbs Sturm auf King's Landing gehofft und auf die gute Seite von Theon gezählt. Drei Dinge, die mich wohl eindeutig als Anhänger der Stark-Familie aus dem rauen Norden von Westeros ausweisen. Als solcher wird meine Leidensfähigkeit seit nunmehr vier Staffeln und fünf Büchern "Game of Thrones" (beziehungsweise "A Song of Ice and Fire") auf die Probe gestellt. Dabei hätte ich es besser wissen müssen, spätestens seit die Produzenten Sean Bean für die Rolle des Ned Stark auserkoren hatten.

Das Schicksal des leidgeplagten Familienverbands lässt sich recht einfach mit Murphys Gesetz umschreiben: "Wenn etwas schiefgehen kann, wird es irgendwann auch schiefgehen." Die Protagonisten tun natürlich mit – höflich ausgedrückt – suboptimaler Entscheidungsfindung ihr Übriges dazu. Aber sie beweisen dafür in vielen schweren Stunden immer wieder charakterliche Größe und gefestigte Moral. Mitglieder anderer Häuser vermögen zwar gelegentlich positiv zu überraschen, gehen aber im Regelfall für Macht und Reichtum über Leichen.

Und deswegen trage ich als erklärter Gerechtigkeitsfanatiker weiterhin das Wappen mit dem Wolfskopf im Herzen, das hoffentlich eines fernen Tages wieder stolz in Winterfell wehen wird. Denn letztlich gilt in Westeros nur eines als sicher: "Winter is coming."

Doris Priesching, Redakteurin Etat: Was mich bei "Game of Thrones" zum Staunen bringt.

Was mich an "Game of Thrones" immer wieder aufs Neue begeistert, ist die fantastische Ausstattung. Diese Bilder! Ich ergötze mich am Prunk im Palast von Königsmund, ich juble beim Anblick der Kriegstänze der Dothraki, ich staune über die tapferen Brüder der Nachtwache in der Schwarzen Festung. "Game of Thrones" ist ein Fest der Sinne.

Gefeiert werden aber auch die ganz niederen Instinkte. Ich selbst würde mich als grundsätzlich friedfertigen Menschen einschätzen. Als aber der schändliche Königsbruder Viserys von Drogo einen Helm aus brennend heißem, flüssigem Gold aufgesetzt bekam und mit Schmerzensschreien elendiglich dahinstarb, triumphierte ich offen und ehrlich und genierte mich erst später ein bisschen. Von diesen Momenten gab es einige im Verlauf der Serie. Der guten Ordnung halber möchte ich allerdings hinzufügen, dass die Tauglichkeit der Serie als Handlungsanleitung für ein gelingendes Leben letztlich enden wollend ist. Dothraki tät ich aber gern können.

Birgit Riegler, Redakteurin Web: 50 Shades of Greyjoy: Wann ist endlich Schluss damit?

Es gibt ein paar Figuren in "Game of Thrones", deren Schicksal mir gleichgültig ist. Arya Stark zum Beispiel. Es gehört für mich zum Langweiligsten der Serie, ihr beim Herumstreifen zusehen zu müssen. Auch die pathetische Brienne of Tarth und die – zumindest bisher – still leidende Sansa Stark lassen mich kalt. Allesamt können sie nicht mit dem gerissenen Tyrion Lannister, der Intriganz eines Littlefinger oder Daenerys Targaryen und ihren Drachen mithalten.

Aber keiner Figur wünsche ich so sehr, von George R. R. Martin wegrationalisiert zu werden, wie Theon Greyjoy. Eigentlich könnte man mit ihm Mitleid haben. Als Geisel der Starks aufgewachsen, vom eigenen Vater verstoßen, gefoltert, kastriert, seiner Identität beraubt, wie ein Tier gehalten. Ein armer Tropf. Aber dann ist er wieder da: dieser dauerhaft entsetzte Blick. Und diese ärgerlich dumme Art, mit der er stets falsche Entscheidungen trifft und den falschen Leuten vertraut. Das weckt die Sadistin in mir. Ich möchte in den Fernseher klettern und ihm "die Wadeln viererichten", wie man in Wien sagt. Oder besser noch: an die Drachen verfüttern.

foto: ap photo/hbo, keith bernstein, file
Daenerys Targaryen hat einen strengen Blick, Gerechtigkeitssinn und Drachen.

Daniela Rom, Chefin vom Dienst: Wie ich mit "Game of Thrones" zurück in die Fantasiewelt meiner Kindheit fand.

Feen, Zwerge, Kämpferinnen, Könige und verwunschene Welten: Meine Jugend über habe ich in unzähligen Büchern mit den Protagonisten gelitten, neue Reiche erobert, bin verzaubert worden oder verwunschen. Doch irgendwann war Schluss damit. Die Fantasy-Welten reizten mich nicht mehr, gesättigt von "Herr der Ringe" und Hobbits allerorten, hatte ich keine Lust mehr drauf. Bis ich über "Game of Thrones" stolperte.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, die ersten paar Folgen war ich noch überzeugt, dass ich diesen Fantasy-Kram sicher nicht brauche. Mit jedem Weißen Wanderer, jeder immer komplizierter werdenden Familiengeschichte, mit jeder Andeutung von irgendetwas Magischem, dem aber die banalste menschliche Emotion zugrunde liegt, mit jeder Schlacht, jedem Schritt auf die Mauer oder jedem Blick über King's Landing habe ich dann zurückgefunden in die großartigen, vielschichtigen und spannenden Fantasiewelten meiner Kindheit und Jugend. Die expliziten Gewalt- und Sexszenen in "Game of Thrones" sind quasi nur die Erweiterung für Erwachsene.

Iwona Wisniewska, Redakteurin Web: Warum ich "Game of Thrones" schaue: der Reiz des plötzlichen Todes.

Für mich ist die Serie deshalb so interessant, weil die Autoren nicht davor zurückscheuen, auch für die Handlung total wichtige Charaktere einfach sterben zu lassen. Das gibt dem Ganzen einen gewissen Reiz, weil man weiß, dass es für die eine oder andere Person nicht gut ausgehen wird. In anderen Serien vermisse ich diesen Nervenkitzel etwas. Hier weiß man hingegen einfach wirklich nie, was als Nächstes passieren wird.

Gut ist auch, dass Frauen keine untergeordnete Rolle spielen. In anderen Serien sind es oft Männer, die die Handlung bestimmen und die Fäden ziehen. Hier passiert auch vieles im Hintergrund, das den Ablauf der Geschichte beeinflusst, mithilfe von Frauen. Was nicht unbedingt sein muss, ist die teilweise sehr brutale Darstellung von Nahkämpfen, aber das gehört zum Geist der Serie wohl einfach dazu. Es wirkt – wie bei Tarantino – für mich aber teilweise fast schon lächerlich. Was nicht heißt, dass die Serie dadurch an Spannung und Ernsthaftigkeit verliert. (derStandard.at, 9.4.2015)



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