Ein Wahlkreis mit schlechten Karten: Birmingham Ladywood

Userartikel7. April 2015, 10:07
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Eine Kampagne soll enttäuschte Nichtwähler dazu bringen, sich in Wählerlisten einzutragen

Die stolze Innenstadt von Birmingham, wo Menschen Geld ausgeben und Luxuswohnungen in Hülle und Fülle vorhanden sind, gehört zum Wahlkreis Ladywood, wie auch die viel dichter bevölkerten Bezirke Aston, Nechells und Soho. Das sind vergleichsweise arme, ethnisch bunt gemischte Gegenden, wo weiße Briten nur ein Viertel der Wohnbevölkerung ausmachen und größere Gruppen ursprünglich aus Indien, Pakistan und der Karibik stammen. In Aston bezeichnen sich mehr Menschen als Muslime denn als Christen.

Ethnische Spannungen sind hier nicht das große Thema, doch die Wohnbevölkerung muss sich mit vielen anderen Problemen herumschlagen:

  • Unterkünfte, die heutigen Erwartungen nicht entsprechen – Hauspreise sind 45 Prozent niedriger als im landesweiten Schnitt
  • bei Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität die höchsten Werte in ganz Birmingham und
  • im Gesundheitswesen fallen Drogenmissbrauch sowie eine geringe Lebenserwartung auf.

Neulich befand ein Regierungsbericht, dass die Stadtverwaltung es nicht geschafft hatte,

  1. das schwache Abschneiden des Jugendamtes zu verbessern,
  2. auf die große Anzahl unterqualifizierter Menschen in der Stadt entsprechend einzugehen und
  3. ihre eigene Finanzkrise zu überwinden.

Stadtverwaltung ist knapp bei Kasse

In den 1960er Jahren wurden einige heruntergekommene Gegenden saniert, und in den 1990er Jahren wurden 138 Hektar Ödland gerettet und eine übergeordnete Straße, ein Dorf-in-der-Stadt und ein großes Einkaufs- und Unterhaltungszentrum errichtet. Seither wurde die Hauptbücherei (1974 eröffnet, ein umstrittenes Bauwerk im Stil des Brutalismus) durch ein ehrgeiziges neues Gebäude ersetzt. Kostenpunkt: 260 Millionen Euro. Doch die Stadtverwaltung ist nunmehr so knapp bei Kasse, dass die Bücherei nur noch 40 Stunden in der Woche (statt 73) offen hat und mehr als die Hälfte des Personals gekündigt wurde.

foto: reuters/darren staples
Das neue Büchereigebäude wurde 2013 eröffnet. Die Stadt ist knapp bei Kasse, deshalb wurden Öffnungszeiten gekürzt und Personal gekündigt.
foto: wikimedia commons, artrix, cc by-sa 3.0
Blick von der Bibliothek: 20-geschößige Wohntürme überragen seit den 1970er Jahren Teile von Ladywood.

Seit 2010 sitzt die Labour-Abgeordnete Shabana Mahmoud, Muslimin und Rechtsanwältin mit familiären Wurzeln in Kashmir, für Ladywood im Parlament. Mahmoud gilt als nüchterne Politikerin, die sich für ihren Wahlkreis ins Zeug legt. Sie hat auch mit "free@last" zu tun, einer 2002 ins Leben gerufenen Initiative mit dem Ziel, Unterstützung, Dienstleistungen und neue Chancen für Kinder, Jugendliche, Eltern und ganze Familien anzubieten. Ein zweites Projekt, "Pass It On", zielt auf 16- bis 20-jährige in ganz Birmingham ab. Die Trägerorganisation "UpRising" glaubt, dass junge Menschen, die im Gemeinwesen ehrenamtlich aktiv werden, viel eher bereit sind, an Wahlen teilzunehmen –dafür gibt es aus Kanada Belege. Doch beide Initiativen leben von der Hand in den Mund und lösen daher nicht allzuviel aus.

Sinkende Wahlbeteiligung

Aber für wen soll man stimmen? Die Labour-Partei – Ladywood gilt als sicherer Labour-Wahlkreis – hat sich seit den frühen 1990er Jahren viel weiter in die Nähe der Konservativen hinbewegt. Die Liberal-Demokraten, einst bei manchen Themen weiter links als Labour, haben sich in eine Partei der Mitte verwandelt und mit den Konservativen eingelassen. Die Wahlbeteiligung in Ladywood lag 1992 bei 65,9 Prozent, 2010 nur mehr bei 48 Prozent.

Doch die parteipolitische Landschaft steht nicht still. Rechts der Konservativen lehnt UKIP die EU und jegliche Einwanderung ab – was in verfallenden Stadtteilen mit vorwiegend "weißer" Bevölkerung gut ankommt. Links von Labour befinden sich die Grünen, die für mehr Umverteilung und mehr Entscheidungsbefugnisse vor Ort eintreten. In den vergangenen Monaten haben beide Parteien, was die Mitgliederzahlen betrifft, die Liberal-Demokraten überholt.

Enttäuschte Nichtwähler

In Ladywood gibt es jede Menge enttäuschte Nichtwähler. Jetzt sind Kampagnen wie "Operation Black Vote" im Gange, um Menschen dazuzubringen, sich in die Wählerlisten einzutragen und von ihrer Stimme Gebrauch zu machen. Normalsterbliche können "ihre" Themen mit Vertretern der Parteien diskutieren, auf der Straße wie auf lokalen Rundfunksendern. Wenn die Unzufriedenen in Ladywood tatsächlich wählen, für wen werden sie stimmen? Welche Botschaft wird bei den Entscheidungsträgern ankommen? Am 7. Mai steht das Ergebnis der britischen Parlamentswahl fest. Aber dann bleibt noch eine Frage: Wird sich danach etwas vor Ort bewegen? (Andrew Kilpatrick, derStandard.at, 7.4.2015)

Andrew Kilpatrick lebt in Oberösterreich und hat Familie in Großbritannien. Seine Schwester kandidiert für die Grünen im Wahlkreis Birmingham Ladywood.

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  • Es dreht sich alles um die Zukunft. Wahlkampf der Labour-Partei mit Ed Milliband Mitte März in Birmingham.
    foto: reuters/darren staples

    Es dreht sich alles um die Zukunft. Wahlkampf der Labour-Partei mit Ed Milliband Mitte März in Birmingham.

  • Auch bei den Konservativen ist die Zukunft Thema. Ministerpräsident David Cameron Oktober 2014 in Birmingham.
    foto: epa/facundo arrizabalaga

    Auch bei den Konservativen ist die Zukunft Thema. Ministerpräsident David Cameron Oktober 2014 in Birmingham.

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