Ein schweigender Gott und die späte Reue

3. April 2015, 17:35
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Leo Tolstois "Die Macht der Finsternis" zeigt im Akademietheater das Elend gottloser Menschen. Regisseur Antú Romero Nunes lenkt ein Spiel der Fratzen und Verrenkungen, um der Bigotterie zu entgehen

Wien - Am Ende des zweistündigen Abends im Akademietheater muss sich ein jeder daran erinnert fühlen, Kinder mit vollstem Respekt, größter Liebe und Aufmerksamkeit zu erziehen. Sodass sie nicht "aus dem Nest fallen" wie Knecht Nikita (Fabian Krüger) in Leo Tolstois Die Macht der Finsternis, der, ein Verlorener unter Verlorenen, in einem harten russischen Bauernherbst der 1880er-Jahre damit beginnt, Sünden anzuhäufen, ohne sich von seinen Taten einen Begriff zu machen.

Er lässt eine Frau, die er herzlich genossen hat, nachher sitzen und riskiert ihren Ruf. Zugleich macht er sich an die Gattin seines Bauern heran, heiratet sie, betrügt sie aber sogleich mit deren Stieftochter. Das aus dieser Verbindung hervorgehende Kind tötet er auf hetzerische Zurufe seiner Mutter und seiner Frau hin. Am Ende gesteht Nikita verzweifelt seine Taten vor Gott, doch dort ist leider keiner.

Leo Tolstoi (1828-1910), der exkommunizierte Gläubige, der sich von den Ritualen der Amtskirche und vielen ihrer Glaubenssätze lossagte und am Ende im Morallehrer Mahatma Gandhi einen Geistesverwandten fand, hat auf die Frage nach unserer schwerwiegenden Existenz (Nikita: "Wer hat mich aus dem Nest geworfen?") auch nur die eine Antwort parat: Wir Menschen selbst. Vater, Mutter, Nachbar, Frau, Mann.

Jesus-Tod auf Golgota

Die Macht der Finsternis (1886) stammt aus jener Zeit, als sich Tolstoi intensiv mit religiösen Fragen zu beschäftigen begann. Die Premierenaufführung nun zu Ostern ging aber mit wenig Erlösungsversprechen einher. Auch wenn es zunächst so aussieht, als würde der Bauer Petr (Johannes Krisch mit Jesus-Langhaar und Tolstoi-Bart) einen Christus-Tod auf Golgota sterben: Am Gipfel eines Berges aus prall gefüllten Leinensäcken legt er sich, vergiftet von seiner Frau Anisja (Aenne Schwarz), zum Sterben hin.

Das Leben dieser Bauersleute besteht aus Hinterhältigkeit, Schmutz und Brutalität. Sie torkeln in dreckiger Unterwäsche über den Sackberg (Bühne: Florian Lösche), kratzen sich heftig zwischen den Schenkeln, plärren einander mit fratzenhaften Gesichtern an. Zwischenmenschliche Worte einer Ehe: "Widerlicher Köter!", "Tollwütige Ziege!" Regisseur Antú Romero Nunes macht die Deformationen auch an den Körpern sichtbar. Bis an Karikaturen reichen die Riesenhüften, -brüste, -bäuche und -buckeln der Dörfler heran. Und wer debil ist wie die kleine Akulina (Mavie Hörbiger), hat immerhin rotes Haar. Die Schauspieler stecken gut sichtbar in Fatsuits (Kostüme: Victoria Behr), und das Bühnengelände verlangt ihnen die entsprechenden Verrenkungen ab: Wie Tiere krabbeln sie über die Getreidesäcke. Mit feiner Klinge hingegen agieren Kirsten Dene als teuflische Knecht-Mutter Matrjona und Ignaz Kirchner als deren gottesfürchtiger Gatte Akim; zwei große Charakterstudien.

Nunes will keine bleierne Moralpredigt, sondern betrachtet das Pathos der Geschichte auch als Scherz - als einen, den das Leben schreibt, wohlgemerkt. Und so hoppelt Bauer Petr (Krisch; später auch als Knecht Mitric) keck wie ein Hase von Golgota herab. Gestorben ist er dann trotzdem.

Solche Witzmanöver - es gibt derleien einige - irritieren und bringen den Erzählton eigenartig ins Wanken, der sich ganz auf die "Finsternis" in den Begegnungen dieser Menschen ausgerichtet hatte (die Burgtheaterfassung kürzte dahingehend Handlungsstränge).

Im Schlussbild will die Inszenierung aber dann den profunden Ernst, das große Moment der Reue bannen, die Hoffnung auf Erbarmen - und trommelt alle verfügbaren Klageweiber und Tartarenmusiker zusammen (Musik: Johannes Hofmann). Nikita spricht zu Gott, antwortet sich notgedrungen aber selbst. Ein mögliches Ende, es glich aber einer unglaubwürdigen religiösen Notbremsung. Begeisterter Applaus. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 4.4.2015)

  • Unheilvolles Paar: Anisja (Aenne Schwarz) und Nikita (Fabian Krüger) in "Die Macht der Finsternis".
    foto: apa / hans klaus techt

    Unheilvolles Paar: Anisja (Aenne Schwarz) und Nikita (Fabian Krüger) in "Die Macht der Finsternis".

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