Die Airbus-Elektronik als Weltmodell

Kommentar der anderen3. April 2015, 17:00
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Die Flugzeughersteller haben sich etwas dabei gedacht, als sie dafür sorgten, dass niemand ins Cockpit eindringen kann - aber vielleicht das Falsche. Die Folgen des eigenen Handelns werden in vielen Bereichen der Gesellschaft nicht bedacht

Reden, Reden, Reden nach dem Unglück: Airbus-Chef Tom Enders hat mit seiner Kritik am "Unwesen, das manche ,Experten' vor allem in TV-Talkshows treiben", vielleicht nicht ganz unrecht. Ganz und gar abputzen sollten sich aber auch die Flugzeugbauer nach diesem entsetzlichen Ereignis nicht. Ihre Programmierer haben die Aufgabe, das Eindringen von Terroristen ins Cockpit zu verhindern, in der Tat glänzend gelöst. Sie haben dabei bloß nicht an die Möglichkeit gedacht, dass das Leben auch einmal davon abhängen könnte, in ein verschlossenes Cockpit hineinzukommen. Es hätte ja auch einmal ein Pilot, als Einziger im Cockpit, in benommenem Zustand das kleine Hebelchen aus der Mittelstellung statt nach oben auf UNLOCK nach unten auf LOCK drücken können, ehe er bewusstlos wurde, dann wäre womöglich dasselbe passiert.

Man darf bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass die Schöpfer der Airbus-Elektronik, und nicht nur sie, schon mehrmals bewiesen haben, dass das Denken an überraschende Situationen nicht zu ihren Stärken zählt.

Am 14. September 1993 schoss in Warschau ein Lufthansa-Airbus A320 über das Ende der nach einem Gewitter überschwemmten Landebahn hinaus: zwei Tote, viele Schwerverletzte, eine ausgebrannte Maschine. Trotz der verzweifelten Bremsversuche der Piloten hatten weder die Radbremsen noch der Gegenschub oder die Störklappen reagiert. Die Elektronik wähnte das Flugzeug noch in der Luft und ließ die Bremsung erst zu, sobald zwölf Tonnen auf das Fahrwerk drückten und die Räder sich schnell genug drehten. An eine nach der Landung auf einem Wasserfilm schwimmende Maschine mit ungenügendem Bodenkontakt hatten die Programmierer nicht gedacht. Kriminell erscheint ihr Versagen aber erst, wenn man erfährt, dass den Piloten diese Programmierung unbekannt war, weil kein Wort davon in den Handbüchern stand.

Jemand hat gedacht

Dass man die wesentliche Lehre dieses Unglücks 15 Jahre später noch immer nicht verstanden hatte, zeigte sich bei der Hamburger Beinahe-Katastrophe vom 1. März 2008. Das Amateurvideo eines im Sturm über die Landebahn torkelnden Airbus A320 vergisst man nicht so leicht. Das Fahrwerk hatte den Boden berührt und sogar ein Flügel den Beton gestreift, als die Crew darum kämpfte, die von Sturmböen gebeutelte Maschine in die Hand zu bekommen. Ein weiteres Mal war passiert, was die Redaktionssekretärin Dr. Dora Appelt nach besonderen Blödheiten so auszudrücken pflegte: "Da hat wieder einmal jemand gedacht!"

Die Programmierer hatten tatsächlich gedacht. Und zwar: Wenn die Maschine wieder auf dem Boden ist, braucht sie kein Querruder mehr (die Steuerung um die Längsachse), also setzen wir ab der ersten Bodenberührung dessen Wirkung herab. Dabei hatten sie es ein weiteres Mal unterlassen, eine wichtige Eigenheit des per Joystick elektronisch gesteuerten Flugzeuges, die der Pilot in bestimmten Situationen kennen muss, in die Handbücher aufzunehmen. In Hamburg wäre es nicht zuletzt deshalb um ein Haar zur Katastrophe gekommen, weil die um die Stabilisierung ihres Airbus kämpfende Crew keine Ahnung hatte, dass das Querruder nicht infolge des Sturms, sondern deshalb plötzlich so träge reagierte, weil wieder einmal jemand gedacht hatte.

Statt über die Medien herzufallen, hätte Enders besser darüber nachgedacht, ob Cockpittüren, die selbst in höchster Not niemand aufbekommt, wirklich der Weisheit letzter Schluss sind. Ob sie auch nur eine Entführung verhindert haben, weiß niemand; dass es nicht zuletzt durch sie zum Unglück mit 150 Toten kam, ist sicher. Inkompetente Reden bringen wenigstens kein Flugzeug zum Absturz. Programmierer, die sich zwar etwas denken, bloß zu wenig oder das Falsche, haben aber nicht nur in der Luftfahrt schon so manchen Unfall verschuldet. Meist ist die tiefere Ursache die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft, an die Möglichkeit einer Situation zu denken, die das eigene Vorstellungsvermögen übersteigt.

Elektro-Zauberlehrlinge

Damit wird die Welt der sich verselbstständigenden Elektronik und ihrer Zauberlehrlinge geradezu zum Weltmodell. Manche haben Angst, wenn sie ein Flugzeug betreten, andere nicht, aber wir alle leben in einer Welt, in der ununterbrochen Prozesse mit unbekannten Auswirkungen und unkalkulierten Risiken in Gang gesetzt werden. Alles redet vom Klima, aber kein Mainstream-Ökonom und kein Keynesianer redet davon, dass Wirtschaftswachstum ohne Mehrverbrauch von Energie und mehr CO2-Ausstoß bisher noch nicht erfunden wurde und dass Europa immer mehr Produktion nach China & Co auslagert, seine Klimaziele aber trotzdem nie erreicht. Die Entwickler neuer Produkte und Verfahren setzen täglich neue chemische Verbindungen in die Welt, deren langfristige kombinierte Wirkungen auf das Genom des Menschen und aller anderen Lebewesen niemand kennt und auch niemanden interessiert, weil die Dividende und die Prämie der Manager wichtiger sind als unser aller Zukunft. Nach jedem Reaktorunfall wird bestenfalls aus der Ursache, die dazu geführt hat, etwas gelernt. Dass es andere Ursachen sind, an die niemand gedacht hat oder denken wollte, die zu den nächsten Unfällen führen, kümmert weder die Regierungen, die auf den Ausbau der Kernenergie setzen, noch die Konzerne, die ihnen die Dinger hinstellen oder die Banken, die an den Krediten verdienen.

Gesellschaft ohne Cockpit

Die Entwickler der Flugzeugelektronik haben leider nicht an alle Eventualitäten gedacht, aber sie denken doch an so viele, dass das Fliegen immer sicherer wird. Die menschliche Gesellschaft hat kein Cockpit, was vielleicht ein Glück ist, wenn man daran denkt, wer womöglich dort säße. Aber auch von einem Bauteil, in dem wenigstens ein Minimum von planender und steuernder Vernunft angesiedelt sein könnte, kann keine Rede sein. Und das wird, wenn es so weitergeht, unsere Nachkommen teuer zu stehen kommen. Denn was derzeit die Welt dominiert, ist die Nicht-Bereitschaft, an die Konsequenzen des eigenen Tuns zu denken. (Helmut Butterweck, DER STANDARD, 4.4.2015)

Helmut Butterweck (Jg. 1927) ist Autor und Journalist. Er lebt in Wien.

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