Osterspaziergang: "Hard Rock ist etwas sehr Feines"

5. April 2015, 09:00
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Der evangelische Bischof Michael Bünker trifft den katholischen Schauspieler Johannes Zeiler: Den Bogen nicht überspannen, Indianer sein und oder aussehen wie "The Boss"

STANDARD: Abseits von Kanzel und Bühne greifen Sie beide gerne zu Pfeil und Bogen. Was macht die Faszination des Bogensportes aus?

Bünker: Ich habe nach einem schlimmen Arbeitsjahr begonnen, da musste ich das ganze Weinviertel vertreten. Ich wollte mir was Gutes tun und hatte Lust auf einen Bogen. In dem Fachgeschäft hat mich dann ein älterer, knorriger Herr gefragt: "Wollen Sie Bogen schießen oder Indianer spielen?" Und schon war ich Besitzer eines schönen Recurvebogens, den ich heute noch habe.

Zeiler: Take down oder One-Piece?

Bünker: Take down. Also mit abnehmbaren Wurfarmen – sehr praktisch beim Verstauen.

STANDARD: Der urmännliche Kriegerinstinkt erwacht schnell ...

Bünker: Ich sehe mich als Bogenschütze, nicht als Hobbykrieger, und wollte nie auf Styropor viecher schießen. Mich fasziniert, dass Bogenschießen jeder ausüben kann: Frauen, Männer, Alte, Junge, Rollstuhlfahrer. Und man muss mit sich selbst im Einklang sein – Atmung, Körperspannung. Und es geht immer um ein aktives Loslassen. Gelingt dieser Ablauf, dann habe ich es immer als sehr befriedigend empfunden – du weißt genau, wie es um dich steht.

Zeiler: Ich sehe es ähnlich wie Herr Bünker. Übrigens: Spricht man Sie eigentlich mit Herr Bünker oder Herr Weihbischof an?

Bünker: Weihbischof ist auf jeden Fall falsch – ich bin nicht geweiht. Evangelische weihen nichts.

Zeiler: Gut, dann haben wir diesen Punkt auch durch. Aber: Ich bin beim Bogenschießen eher in die Indianerrichtung gegangen. Bei mir geht es schon in die Richtung, dass eine gewisse natürliche Aggressivität, was die Jagd betrifft, bei mir total vorhanden ist. Ich bin mit Jägern aufgewachsen – hab das aber nie gemacht, weil mir der Tötungsakt doch zu fremd ist, aber das Jucken ist noch drinnen. Die Schaumstoffviecher sind deppert, mir genügt als Ziel ein Luftballon. Das erwartbare Krachen macht mich schärfer, da treffe ich viel eher und genauer als bei einer Scheibe.

STANDARD: Lassen Sie mich jetzt einen weiten Bogen spannen: Herr Zeiler, Sie sind ja in einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen. Prägt so eine Erziehung, wie würden Sie heute die Gretchenfrage beantworten?

Zeiler: Streng katholisch ist sicher übertrieben. Aber mein Vater wäre beinahe Pfarrer geworden, aber dann ist meine Mutter dazwischengekommen. Mein Vater hat dann die Beamtenlaufbahn ein geschlagen, was wahrscheinlich nicht sein Traumberuf war. Ich bin also in einem sehr katholischen Umfeld aufgewachsen. Aber im Laufe des Lebens macht man doch, wenn man ehrlich zu sich selber ist, seine Abstriche. Was ich davon mitgenommen habe, ist eine große Verbindung dazu. Ich bin zwar heute eigentlich nicht mehr Kirchgeher. Wenn, dann schaffe ich es noch zu Ostern – und da muss ich mir schon eine Kirche aussuchen, wo es so stattfindet, dass ich einen Zugang finde. Aber die Frage nach dem, was von einer katholischen Erziehung bleibt, ist sehr schwierig zu beantworten. Es bleibt einem auf jeden Fall aber die Kraft der Zeichen, der Worte und der Symbole im Bewusstsein.

Bünker: Der Zusammenhalt zwischen Religion und Lebenslauf ist evident. Das beginnt mit den großen Fragen der Kinder nach dem Warum – und entwickelt sich dann weiter. Nicht immer im selben Takt mit der persönlichen Biografie. Manchmal durch Lebenskrisen beschleunigt – manchmal verliert und findet man den Glauben wieder. Etwa durch die Geburt eines Kindes oder den Verlust eines Menschen stellen sich diese Fragen dann wieder neu. So machen wir alle unseren Lebens- und Glaubenslauf mit.

STANDARD: Tauchen diese Glaubensfragen unausweichlich in jeder Biografie auf – oder braucht es ein religiöses Fundament?

Bünker: Eine schwierige Frage. Es würde ja voraussetzen, dass Menschen von Natur aus religiös sind. Aber bestimmte Fragen stellt sich jeder Mensch irgendwann. Aber ob das gleich dann religiöse oder christliche oder gar kirchliche Fragen – die mit irgendwelchen Dogmen zu tun haben – sind, ergibt sich daraus nicht notwendigerweise. Man kann nachdenklich und in einer sehr tiefen Weise Mensch sein, ohne sich selbst als religiös zu bezeichnen.

STANDARD: Ihr Urgroßvater, Ihr Großvater, Ihr Großonkel und Ihr Vater waren evangelische Pfarrer in Kärnten. Sie haben im Pfarrhaus von Leoben das Licht der Welt erblickt. Hatten Sie eine Chance, nicht Pfarrer zu werden?

Bünker: Das Licht der Welt war eine 40-Watt-Birne. Die gab es damals noch. Zu Ihrer Frage: Natürlich prägt so eine Familiengeschichte. Aber es hat auch bei mir Überlegungen gegeben, etwas anderes zu machen. Diese Freiheit muss immer bestehen. Meine Geschwister haben ganz andere Wege eingeschlagen. Und meine Kinder tun dies auch.

Zeiler: Es ist doch oft so, dass große Köpfe aus einem Pfarrhaushalt kommen – und irgendwann einmal eine ganz andere Richtung eingeschlagen haben. Friedrich Nietzsche fällt mir da spontan ein.

STANDARD: Was wäre die Alternative zum Pfarrer gewesen?

Bünker: Mathematik hätte ich wirklich gerne studiert.

Zeiler: Sehr spannend. Technische Mathematik oder Lehramt?

Bünker: Nein, nicht Lehramt. Mich hätte da mehr der letzte Satz von Fermat interessiert – ich war eher so ein versponnener Jugendlicher. Aber ich hätte wahrscheinlich genauso so wenig gewusst, was ich letztlich damit tun soll, wie ich es zu Beginn bei der Theologie nicht gewusst habe. Ich habe gewusst, dass ich Theologie studieren will, nicht aber, ob ich Pfarrer werden will. Nach dem Studium habe ich mir deswegen noch eine Pause geleistet – und dann war ich so weit.

STANDARD: Herr Bischof, Sie haben mit vielen Ihrer katholischen Kollegen nur wenig gemein: Geht es um politische Fragen, halten Sie mit Ihrer Meinung kaum zurück. Tut man sich da als evangelisch-lutherischer Bischof leichter?

Bünker: Die Vertreter und Vertreterinnen, ich sage das evangelisch, von Religionen haben einen Vorteil gegenüber Politikern: Sie müssen sich nicht an Wahltermine halten. Ich fühl mich ein Stück weit dazu beauftragt, auf Probleme hinzuweisen, vor denen wir stehen. Und die sind etwa im Bereich Asyl eklatant. In Syrien sind acht Millionen Leute auf der Flucht, ein Großteil davon Frauen und Kinder. Und wir tun uns schwer, 1500 aufzunehmen. Man muss sich die Frage stellen: Ist das nicht schon eine Schande? Ja, fast.

Zeiler: Das "fast" können Sie streichen. Es ist eine unglaublich große Schande. Vor allem die katholische Kirche muss man da in die Pflicht nehmen. Dort sehe ich nur die üblichen Typen, die da etwas weiterbringen: der amtierende Caritas-Chef Landau, sein Vorgänger Küberl. Sonst schaut es da sehr dürftig aus. Gut, denen gehen einfach die fähigen Typen aus. Einfach aufgrund der Nichtanpassung an das, was schon längst lebbar wäre: verheiratete Priester, Frauen im Priesteramt. Und ein Problem, ohne auch nur ansatzweise rassistisch sein zu wollen, ist, dass der Ausgleich der fehlenden Priesterschaft im katholischen Bereich durch Leute aus Osteuropa eine andere, konservativere Glaubensrichtung mit sich bringt. Was problematisch sein kann.

STANDARD: Ist die evangelische Kirche die bessere Kirche?

Zeiler: Nein, so kann man das nicht sagen. Ein Ranking einzuführen würde keinem gerecht werden. Man kann die Glaubensrichtungen nicht einfach vergleichen.

Bünker: Ein Akzentunterschied zwischen der katholischen und evangelischen Kirche kann man in der öffentlichen Inszenierung von Religion sehen. Die Verwandtschaft zwischen der katholischen Liturgie und dem Theater ist ja evident. Und sehr beeindruckend.

Zeiler: Theater und Religion sind ja schließlich auch gemeinsam gewachsen. Theater ist aus dem Kult entstanden. Das erste Projekt der Jesuiten, als sie im 16. Jahrhundert in Österreich begonnen haben, waren Theater. Letztlich haben Religion und Theater eine gemeinsame Wurzel – den Kult beziehungsweise den Kultplatz.

STANDARD: Vermisst man als evangelischer Bischof den Pomp und die theatralische Inszenierung?

Bünker: Den Pomp nicht, aber die Inszenierung ist interessant. Der Protestantismus hat eher Wort und Musik im Vordergrund. Das hat für manche Menschen etwas sehr Reduziertes, für andere etwas sehr Konzentriertes.

STANDARD: Haben Sie eigentlich Angst vor einer Säkularisierung?

Bünker: Nein. Ich habe weder vor einem Religionspluralismus noch einer Säkularisierung Angst.

STANDARD: Wie sehen Sie die Tendenz in Europa, Religion aus dem öffentlichen Raum zu verbannen?

Zeiler: Die Konfessionen beziehungsweise auch die Bekenntnislosigkeit stehen ja mittlerweile mehr oder weniger gleichberechtigt in den öffentlichen Schulen nebeneinander. Meine kleine Tochter hat mir erzählt, dass sie auch von muslimischen Lehrern Zuckerln bekommen, nicht nur von den katholischen.

STANDARD: Herr Zeiler, wie halten Sie es mit Rock-Göttern? Bischof Bünker verehrt als Schlagzeuger der Band Kreuzweh die Deep-Purple-Drum-Legende Ian Paice.

Bünker: Als Musiker bin ich weit von ihm entfernt – wie es sich eben für Götter gehört. Aber Hard Rock ist schon etwas sehr Feines.

Zeiler: Da stimme ich Ihnen zu, höre ich bei Bedarf auch gerne.

Bünker: Sie haben übrigens eine frappante Ähnlichkeit mit Bruce Springsteen.

Zeiler: "The Boss" – das ehrt mich jetzt natürlich. Bruce Springsteen ist immer a feine Gschicht. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 5.4. 2015)

Johannes Zeiler (45) absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar. Faust mit Zeiler in der Titelrolle wurde 2011 in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämiert. Im Fern sehen ist er unter anderem Chef des Polizeiteams der CopStories.

Michael Bünker (60) ist seit 2008 Bischof der Evang. Kirche A. B. in Österreich und seit 2007 Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Seit 2003 lehrt er an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien.

  • Johann Wolfgang von Goethe fehlte zwar erwartungsgemäß beim heurigen Osterspaziergang, "Faust"-Darsteller Johannes Zeiler (rechts)  und dem evangelischen Bischof Michael Bünker ging der Gesprächsstoff aber dennoch nicht aus.
    christian fischer

    Johann Wolfgang von Goethe fehlte zwar erwartungsgemäß beim heurigen Osterspaziergang, "Faust"-Darsteller Johannes Zeiler (rechts) und dem evangelischen Bischof Michael Bünker ging der Gesprächsstoff aber dennoch nicht aus.

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