Glaube und Wissenschaft: Materie auf dem Weg zum Geist

3. April 2015, 18:49
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Der französische Jesuit Teilhard de Chardin versuchte, eine Brücke zwischen Naturwissenschaft und Glauben zu schlagen

Vor 60 Jahren starb Pierre Teilhard de Chardin, französischer Jesuit, Naturwissenschafter (Paläontologe) und Theologe, dessen Idee einer Synthese zwischen moderner Naturwissenschaft und einer zu erneuernden Theologie in weiten Kreisen Begeisterung, bei anderen aber auch vehemente Ablehnung verursachte. Teilhard (1881-1955) lebte in einer Zeit, in der die Naturwissenschaft große Fortschritte machte (von Einsteins Relativitätstheorie 1905 bis zum Sputnik-Vorstoß ins Weltall, 1957), anderseits die katholische Kirche auf moderne Entwicklungen der Natur- und Geisteswissenschaft höchst ablehnend reagierte (Anti-Modernisten-Eid 1910).

Als Paläontologe kam Teilhard zu der Erkenntnis, Adam und Eva könnten keine individuellen Persönlichkeiten gewesen sein, sondern wären wohl als Gattungsbegriff zu verstehen. Damit schien er die klassische Erbsündenlehre zu gefährden, mit unabsehbaren Folgen für die Erlösungslehre - ein Jesuit, der zentrale Lehren des Christentums infrage zu stellen scheint!

Gleichzeitig empfand er an der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie seiner Zeit den Mangel, dass sie nur die Außenseite der Entwicklung beschrieben. Er hingegen deutete subatomare Anziehungs- und Abstoßungskräfte, Kohäsion und Adhäsion, menschliche Liebe und Hass als äquivalente Phänomene auf verschiedenen Entwicklungsstufen; Liebe ist für ihn eine Energieform analog zur physikalischen oder psychischen Energie, aber eben auf einer höheren Ebene. Analog zur Biosphäre um die Erde bildet sich eine "Noosphäre", eine Zone des Geistes. Die Evolution geht über den Menschen hinaus, technische und soziale menschliche Erfindungen sind als Evolutionsschritte zu deuten. Er sieht die Telegrafendrähte seiner Zeit dafür als Symbole, heute würde er wohl auf Internet, GPS und Satellitensysteme hinweisen.

Vielzitierter "Punkt Omega"

Materie und Geist sind für Teilhard keine absoluten Gegensätze, sondern Materie entwickelt sich in Richtung Geist. Das Christentum als Religion der Liebe liegt im Trend dieser Evolution, und in der Menschwerdung Christi leuchtet das Ziel der Evolution, der vielzitierte "Punkt Omega" auf. Bei dieser These sahen Kritiker aus den Naturwissenschaften, aber auch der Philosophie, eine fachlich unzulässige Grenzüberschreitung - Mystik statt exakter Wissenschaft.

Andere Kritikpunkte betrafen Teilhards großen Optimismus und die Frage der Beweisbarkeit seiner Thesen: Sein Optimismus ist unverkennbar, auch wenn er selbst die Evolution nicht als Idylle, sondern als kosmisches Drama bezeichnet. Zwingend beweisbar sind seine Thesen wohl nicht - aber das gilt vermutlich für viele theologische Überlegungen.

Teilhards Schriften durften zeit seines Lebens wegen des Verbots durch die kirchlichen Autoritäten nicht publiziert werden, sie kursierten nur inoffiziell. Noch 1962 warnte der Vatikan Bischöfe und andere kirchliche Verantwortliche, besonders die Jugend müsste vor den Gefahren dieser Lektüre geschützt werden, die in den Boom-Jahren Auflagen von mehreren Hunderttausenden erreichte. Das Zweite Vatikanische Konzil übernahm von Teilhard posthum aber sowohl seine evolutive Grundsicht der Welt als auch sein Anliegen der Weltverantwortung des Christen. Kardinal Schönborn bezeichnete Teilhard als einen Mystiker der Evolution, "der etwa gewagt hat, was riskant und notwendig zugleich ist".

Das umfangreiche Werk Teilhards liegt in 13 Bänden vor, es dauerte mehr als 20 Jahre (bis 1976), bis alle publiziert waren; der letzte Teil der deutschen Übersetzung erschien erst 1990. In der New-Age-Bewegung waren Teilhard-Zitate beliebt, auch wenn sie nicht immer Teilhards Grundanliegen trafen.

Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn

Aus heutiger Sicht bietet Teilhard wichtige Lebensimpulse. Vor allem gibt er eine positive Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn: Schöpfung ist kein Geschehen irgendwann in der der Vergangenheit, sondern ein ständiger Prozess, der auch heute und morgen weitergeht. Menschliche Arbeit ist Mitbauen an der Schöpfung; wenn wir heute gerne von Schöpfungsverantwortung sprechen, so hieße das im Sinne Teilhards nicht nur bewahren, sondern aktiv weiterentwickeln. Religion ist keine Vertröstung auf ein Jenseits, kein Opium, wie Marx meinte, sondern im Gegenteil Motivation zur Gestaltung der Welt.

Wer Liebe als wichtigste Form der Energie sieht, ist eingeladen, bei "Energiepolitik" nicht nur an Erdgasnetze, Stromleitungen und Netzsicherheit zu denken, sondern ebenso viel Wert auf die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, sozialer Strukturen, Verteilungsgerechtigkeit etc. zu legen.

Der Stellenwert theologischer Diskussionen um die Bedeutung des Begriffs Abendmahl/Eucharistie ist für Menschen, die den Kirchen fernstehen, oft schwer nachzuvollziehen. In der Sicht Teilhards geht es hier aber nicht um eine historische oder dogmatische Frage, sondern um ein Zeichen einer anbrechenden Zukunft. Für Teilhard sind Eucharistie und Caritas die beiden zentralen Elemente in seinem Religionsverständnis.

Wenn man Religion als kohärentes System sieht, das neben Liturgie und Institution vor allem Welterklärung (Mythos), Handlungsweisung (Ethos), und persönliche Spiritualität (Mystik) umfasst, so geht es Teilhard darum, die christliche Religion auf die Basis einer zeitgemäßen Welterklärung zu stellen, womit auch Auswirkungen auf Ethos und Mystik folgen. Er ersetzt die biblische Welterklärung, die auf Bildern der Vorstellungswelt von vor 3000 Jahren beruht, durch ein dem heutigen Lebensgefühl entsprechendes Bild. Für ihn ist Religion damit kein Relikt von gestern, sondern Ansporn für morgen. (Raimund Badelt, Album, DER STANDARD, 4.4.2015)


Raimund Badelt, ehem. Generalsekretär der Caritas. Er hält am 22.4. um 19.00 Uhr einen Vortrag zu Teilhard im Kardinal- König-Haus, 1130 Wien.

  • Ein Mystiker der Evolution, der wichtige Lebensimpulse bietet: Pierre  Teilhard de Chardin.
    foto: ullstein bild / chevalier/ picturedesk.com

    Ein Mystiker der Evolution, der wichtige Lebensimpulse bietet: Pierre Teilhard de Chardin.

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