Microsoft: Windows könnte Open Source werden

5. April 2015, 10:06
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"Absolut möglich" - Unternehmen kennt alte ideologische Beschränkungen nicht mehr

Noch vor einigen Jahren war die Tech-Welt klar strukturiert: Auf der einen Seite Microsoft als Verkörperung der alten, proprietären Softwarewelt, auf der anderen die Open-Source-Herausforderer, die sich vor allem um Linux scharten. Die Fronten waren dabei klar bezogen, so manch böses Wort fiel, eine Kooperation schien undenkbar.

Umschichtung

Doch die Zeiten haben sich geändert: Längst hat Microsoft seine dominante Position verloren: Zwar ist Windows noch immer das klar stärkste Desktop-Betriebssystem, in allen anderen Bereichen hat aber mittlerweile Linux die Führung übernommen. Darunter nicht zuletzt bei mobilen Betriebssystemen mit Android.

Ein neues Microsoft

Angesichts solcher Realitäten scheint derzeit bei Microsoft gar nichts mehr unmöglich zu sein. So spekuliert einer von Microsofts Topentwicklern nun im Rahmen der ChefCon öffentlich über die Freigabe von Windows als Open Source, wie Wired berichtet. "Das ist definitiv möglich", so Mark Russinovich, der im gleichen Atemzug betont: "Es ist ein neues Microsoft".

Gratis-Windows

Was zunächst so manchen verblüffen mag, könnte bei näherer Betrachtung durchaus Sinn ergeben. Zeichnet sich aktuell doch ab, dass zumindest die Consumer-Version von Windows künftig nichts mehr kosten wird. Derzeit will das bei Microsoft zwar noch niemand so sagen, mit dem Gratis-Update auf Windows 10 ist die Fahrtrichtung aber schon einmal vorgegeben.

Freier Code bringt Vorteile

Und wenn das Unternehmen schon einmal so weit ist, dann stellt sich die Frage, ob es nicht gleich besser wäre zumindest Kernbestandteile als Open Source freizugeben. Immerhin ist es nicht zuletzt die freie Verfügbarkeit des Codes, die dafür sorgt, dass Linux praktisch auf jeder Plattform betrieben werden kann, und in allen neuen Produktkategorien der letzten Jahre dominiert.

Neue Märkte

Aktuell scheint sich diese Geschichte rund um das "Internet der Dinge" zu wiederholen. Zwar hat Microsoft mittlerweile sogar angekündigt, eine spezialisierte Windows-Version für den Raspberry Pi herzuschenken, die Attraktivität von Linux für Bastler wird man damit alleine aber nicht erreichen können. Mit einer Freigabe des Source Codes sehe es schon ganz anders aus.

Alternative Geschäftsmodelle

Eine Open-Source-Version von Windows würde übrigens nicht bedeuten, dass Microsoft mit dem Betriebssystem kein Geld mehr machen könnte. Immerhin könnte man sich einerseits noch immer zentrale Tools für den Enterprise-Markt vorbehalten, andererseits müssen große Kunden ohnehin für den Support zahlen. Dass dies funktioniert zeigt etwa Red Hat, das mit Enterprise Linux äußerst erfolgreich ist.

Technische Hürden

Es spräche also viel für eine Freigabe des Codes und relativ wenig dagegen. Eine der größten Hürden könnte dabei technischer Natur sein. Immerhin ist die Codebasis von Windows bereits ziemlich alt, es ist also davon auszugehen, dass sie entsprechend komplex und nur mit Microsoft-internen Tools zu kompilieren ist. Ein Source-Code-Drop mit dem andere dann nichts anfangen können, bringt freilich wenig. Und eine Aufräumen des Quellcodes wäre wohl ziemlich aufwändig.

.Net

Zumindest hat das Unternehmen mittlerweile einige Erfahrung mit freier Software gesammelt. So wurden mittlerweile weite Teile von .Net als Open Source auf Github veröffentlicht. Auch das war vor einigen Jahren noch unvorstellbar. Eine Windows-Freigabe wäre natürlich noch einmal einige Nummern größer - und entsprechend auch nicht in naher Zukunft zu erwarten.

Gezielt

Der Ort, den Russinovich für sein Statement gewählt hat, ist übrigens durchaus bezeichnend. Ist die ChefCon doch eine Konferenz für IT-Administratoren, die größere Systeme und Netzwerke betreuen. Und ihre Teilnehmer setzen dabei zum allergrößten Teil auf Linux. (Andreas Proschofsky, 5.4.2015)

  • Unter Microsoft CEO Satya Nadella scheint vieles möglich, dass zuvor jahrelang undenkbar war.
    foto: robert galbraith / reuters

    Unter Microsoft CEO Satya Nadella scheint vieles möglich, dass zuvor jahrelang undenkbar war.

  • Microsoft-Entwickler Mark Russinovich kann sich nun sogar ein Open-Source-Windows vorstellen.

    Microsoft-Entwickler Mark Russinovich kann sich nun sogar ein Open-Source-Windows vorstellen.

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