Mein Jeschek: Ein beispielhafter Typus des Menschenfeinds

4. April 2015, 17:00
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Prag, in den Ostertagen des Jahres 1389: Bei einem riesigen Pogrom werden bis zu 3.000 Juden umgebracht

Heute war der Gang beschwerlich, das Wetter unfreundlich. Kalte Windböen, Regenschauer. Da habe ich mir, zum ersten Mal in diesem Jahr, den Schnee in die Stadt gewünscht. Ein wenig Weiß in das Grau, ein wenig Augenruhe ... Terese hat mir ein heißes Bad eingelassen, und wir sind im Haus geblieben. Ich habe ihr von Jeschek und der Handschrift erzählt, die ich in der Bibliothek entdeckt habe: Passio Pragensium Iudaeorum secundum Iohannem rusticum quadratum. Sie beschreibt das Prager Pogrom im Jahre 1389. Als Rädelsführer wird ein gewisser Jesek Quadratus, auch Iesko oder Gesko genannt - das ist mein Jeschek. Den Nachnamen - Quadratus - teilt er sich mit dem Autor des Werks, der sich Johannes rusticus quadratus nennt.

Ich habe diesen Text zum ersten Mal vor vierzig Jahren gelesen, in einer für mich sehr schwierigen Zeit. In dieser Abgelenktheit trat mir Jeschek gewissermaßen durch die Hintertür ins Bewusstsein. Eine Begegnung, die nachhaltig war, denn sie hat mir zum ersten Mal den äußeren Feind kenntlich gemacht. Ein Menschenfeind im besten Sinne. Einmal kenntlich gemacht, findet man ihn allerorten mit Tätigkeiten beschäftigt, die seinem Wesen entsprechen, oder besser: seiner Wahl.

Heute wie damals verhöhnt er die Opfer und verherrlicht die Täter. In dieser Hinsicht ist der Text exemplarisch, jedoch auch einzigartig, denn er zeigt den "rusticus quadratus" - bereits vor 600 Jahren - als Schreibenden und als Täter am Werk. Das ist auch eine Offenbarung.

Schlimme Tage

Jetzt ist es kurz vor Mitternacht. Terese ist zu Bett gegangen, und ich habe mich mit den Manuskripten in das Gewächshaus zurückgezogen. Lange habe ich nicht mehr in der Nacht geschrieben. Und noch nie an einem Ort wie diesem. Man sitzt hier wie im Freien. Eine Insel in dieser Stadt. Eine Insel in dieser Nacht - das war das Schreiben immer, wenn rundherum die Menschen in ihren Betten liegen und der Betrieb ruht. Und es endlich leise ist ... Der Fischer wirft seine Netze aus. In manchen Nächten kann er vom Grund des Sees die Lichter einer versunkenen Stadt heraufleuchten sehen. Im Volk erzählt man sich Geschichten. Von reichen, übermütigen Städtern. Von einem Wunderrabbi, der diese Stadt verfluchte. Dort, in der Tiefe des Sees, unter einer Decke aus Nacht und Vergessen, liegt auch deine Stadt, Jeschek. Dort läuten die Osterglocken im Jahr 1389 schlimme Tage ein. Der Karsamstag ist der Tag der Höllenfahrt Christi, der Tag, an dem er in die Unterwelt hinabgestiegen ist und alle Gerechten seit Adam aus dem Limbus befreit hat - an diesem Tag der Höllenfahrt, dem 17. April 1389, begannen die Unruhen.

Ein Priester, der zu einem Kranken eilte, um ihm die Kommunion zu bringen, wurde, als er eine jüdische Gasse querte, beschimpft und die Monstranz mit Steinen beworfen. Es ist kaum glaublich, dass Juden sich ausgerechnet am Karsamstag zu dieser selbstmörderischen Provokation entschlossen - abgesehen davon, dass es ihnen an diesem Tag ohnehin untersagt war, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. So steht denn auch in der Limburger Chronik, dass "wie die Christen sagen", spielende Kinder mit Steinchen nach dem Priester geworfen hätten. "Steinchen", Jeschek. Bei dir freilich, klingt das ganz anders: Am Abend des Sabbath ... betrat der Priester mit Christi Leib Judäa. Die Juden machten ihm Platz. Sie hielten Steine in ihren Händen und schrien: "Steinigt ihn, weil er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht."

Nachdem die Schuldigen ausgeforscht sind, werden sie in das Rathaus geschleppt, wo man über sie zu Gericht sitzt. Und jetzt beginnt die Verkehrung, Jeschek: Die Juden nehmen Jesu Stelle ein, damit Vergeltung an ihnen geübt werden kann. Und der Pöbel wird zum strafenden Arm Gottes, durch den sie Gerechtigkeit erfahren. Die ganze Stadt ist in Aufruhr. In den Kirchen rufen die Prediger die Gläubigen auf, "Rache zu nehmen für die Wunden, die Jesus erlitt". Ein Anführer bietet sich an: Jesek oder Gesco, dein Alter Ego, Jeschek. Bald wird ganz offen darüber gesprochen, die Juden zu töten, das Morden wird herbeigeredet, und die Leute sagen: "Ehe Gottes Zorn auf uns fällt, laßt uns ihnen ihre Habe wegnehmen und diese tückischen Menschen aus dem Land der Lebenden vertreiben." - Haben die Juden ihr Schicksal, durch den Blutruf "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" nicht selbst auf sich herabbeschworen? - Und wem dies als Rechtfertigung nicht genügt, der sei an Jesu Worte erinnert, der, als sie sein Schicksal beweinten, offenbarte: "Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!"

Diese Zeit ist gekommen. Ostersonntag. Das Fasten hat ein Ende. Sehet das Lamm Gottes! Der Pöbel hat den Segen Gottes auf sich herabgerufen, er wetzt die Messer, schärft die Klingen. Mit Schwertern, Äxten und Knüppeln stürmt er das Ghetto, mordet die Männer, mordet die Kinder, mordet die Frauen, mordet jeden "der jüdisch aussieht". Christi Dornenkrone, seine Verhöhnung, seine Nacktheit, der Wein, den sie ihm mit Galle vermischt zu trinken gaben, all das machst du dir als Metapher dienstbar, trägst es Bild um Bild in die Wirklichkeit, um zu beschreiben, wie die Opfer bei lebendigem Leib in ihren eigenen Häusern verbrannt werden.

Spiele auf Leben und Tod

Sie flochten Kränze aus Stroh, stellten Kronen aus Brennholz her legten sie auf die Köpfe und Körper der Juden, und setzten sie, während sie ihren Spott mit ihnen trieben, in Brand. Und nachdem sie die Juden verspottet hatten, nahmen sie in ihnen ihre Kleider und kleideten sie in Feuer und gaben ihnen Flammen zu trinken, vermischt mit Rauch. Und nachdem sie davon gekostet hatten, war es nur recht und billig, dass sie davon tranken.

Die überlebenden Juden flohen in die Altneu-Synagoge. Dort vollzogen sie, einem alten Ritual folgend, das Kiddusch HaSchem, die Heiligung des Namens Gottes - das Festhalten am jüdischen Glauben durch Martyrium, Gebet und Lebensführung. Zuerst brachten sie die Kinder um und dann sich selbst. Es heißt, die Wände der Synagoge seien dunkel vor Blut gewesen ...

Der Zorn, Jeschek, ist eine Sache, die Grausamkeit eine andere. Der brandschatzende Pöbel ist nicht durch Besinnungslosigkeit zu entschuldigen. Das ist kein Rausch, Jeschek, dem sich der Einzelne ergibt, nicht in der Kristallnacht in Wien, nicht in den Folterkellern der Inquisition - nein: Es ist die Gelegenheit, die den Spielraum erweitert. Die Menschen sind keine anderen geworden, nur die Grenzen des Erlaubten haben sich verschoben. Ihre Spielchen, die sie im Alltag spielen, die Demütigungen, Nachreden, Gemeinheiten und selbstverständlichen Brutalitäten, werden zu Spielen auf Leben und Tod. So ein Leben, in dem es um nichts geht, das keine höheren Ziele und Prinzipien kennt, denen es dient, so ein Leben, Jeschek, kann den anderen zum Verhängnis werden.

Und so ein Verhängnis bist du, Jeschek. Ein ganz normaler Mensch, der sich "den Verhältnissen anpaßt". Erde bist du, Jeschek, und Erde wirst du bleiben. Du hast keinen Anteil am Himmel. Du wirst verbraucht, vernutzt und abgelebt in der Trostlosigkeit deiner Tage. Du hast dich für die Sicherheit entschieden, für die Unauffälligkeit, und der Preis deiner Unterwerfung, zu der dich niemand gezwungen hat, ist ein Leben, das nur gefristet, das nur gestundet ist - das ist das Elend deiner Normalität, Jeschek, die keine Zufriedenheit kennt und keine Erfüllung, nur die Almosen, mit denen du dich begnügst, Jeschek, den Brosamen, die von den Tischen der Mächtigen fallen, in deren Diensten du stehst.

Das Elend deiner Normalität, die nur ein Siechtum ist, ein Verlöschen, ein Absterben und Dahinschwinden in die Massengräber der Namenlosen, die den Betrieb am Laufen halten. So hat man denn auch von diesem Jesek oder Gesko nichts mehr gehört. Er ist in die Bedeutungslosigkeit zurückgesunken, und vielleicht hat er auch nie gelebt.

Einer führt ja immer an, einer weiß immer, "was die Stunde geschlagen hat". Die Namen sind austauschbar, ein "rusticus quadratus" eben, einer findet sich immer, der die Meute anführt und die Tatsachen verkehrt. Herzlose Menschen, Terese ... ich habe meinen Anteil an ihnen gehabt. Und dass es Erdmenschen sind, sieht man daran, dass sie in ihrer Erbarmungslosigkeit und Unmenschlichkeit doch immer im Rahmen ihrer Niedrigkeit bleiben.

Größer als ihre Grausamkeit ist ihre Gier. Größer als ihr "gerechter Zorn" ihre Habsucht. Überall suchen sie nach versteckten Reichtümern, stehlen Bücher aus den Synagogen, entweihen den jüdischen Friedhof, in der Hoffnung, dort vergrabene Schätze zu finden oder die Leichen später gegen Lösegeld einzutauschen. Das war ein einträgliches Geschäft und so weit verbreitet, dass es durch eine päpstliche Bulle verboten worden war. Auch die Thorarollen und Kopien des Talmuds verbrannte man nicht - man konnte die wertvollen Bücher und Schriften ja wieder an die Überlebenden verkaufen ...

Am nächsten Tag befahl die Verwaltung den Menschen, in den Häusern zu bleiben. Die Bevölkerung wurde angewiesen, die gestohlenen Güter zu sammeln und an König Wenzel abzuliefern. Sein Schatzmeister verfügte, dass alle überlebenden Juden verhaftet und ihre Güter konfisziert werden. - Das Pogrom heiligt die Gemeinschaft. Das ist heute nicht anders: Jeder kann wissen, dass sein bisschen Wohlstand auf Leichenbergen gründet.

Ja, die Leichen, Jeschek: "Unzählige nackte Leichen der Hebräer lagen in den Häusern und auf den Straßen, die Gliedmaßen verstümmelt und verbrannt. Nach Beratschlagung über die Situation und wegen der Verschmutzung der Luft, die von den Körperfetten der Wucherer aufstieg und die Stadt infizierte, entschieden sie, einige arme und bedürftige Christen, um Geld zu verdingen, welche die Körper einsammelten und in einem lodernden Feuer zu Asche reduzierte."

Aber es waren nicht nur Leichen, Jeschek. Es waren auch Verwundete und Verletzte, die dem Feuer übergeben wurden. Danach wurden die Tore des jüdischen Viertels verschlossen, um Plünderer abzuhalten. Einige wenige Kinder und Säuglinge, die den Flammen entkommen waren, wurden getauft und von christlichen Familien adoptiert, während andere sich "freiwillig" dem Sakrament der Taufe unterzogen. Ein wahrer Akt der Mildtätigkeit, den du beschreibst, übrigens der einzige in deinem Text. In den Augen der Juden freilich erlitten diese Kinder ein weitaus schlimmeres Schicksal als den Tod. - Das gibt es, Jeschek, der Tod ist nicht das Schlimmste, was uns widerfahren kann. Aber das darfst du nicht glauben ...

Ein letzter Satz noch, ehe ich schließe. Ich denke ihn, lasse ihn in meinem Kopf widerhallen, kaue darauf herum, so schal, so sinnlos, dass man ihn nicht aufschreiben will. Dieser elende Schlussstein. Aber wenn es so ist, bitte: Keiner der Schuldigen wurde jemals bestraft. (Alfred Goubran, Album, DER STANDARD, 4.4.2015)


Alfred Goubran, geboren 1964 in Graz, ist Autor und Musiker. Zuletzt erschien der Roman "Durch die Zeit in meinem Zimmer" (Braumüller, 2014) und die CD "Die Glut" (Lindo Rec., Hoanzl, 2014).

  • "Der Pöbel hat den Segen Gottes auf sich herabgerufen, er wetzt die  Messer, schärft die Klingen. Mit Schwertern, Äxten und Knüppeln stürmt  er das                           Ghetto, mordet die Männer, mordet die  Kinder, mordet die Frauen, mordet jeden ,der jüdisch aussieht'". Die im  13. Jahrhundert erbaute Altneu-Synagoge in Prag.
    foto: hervé champollion / akg-images / picturedesk.com

    "Der Pöbel hat den Segen Gottes auf sich herabgerufen, er wetzt die Messer, schärft die Klingen. Mit Schwertern, Äxten und Knüppeln stürmt er das Ghetto, mordet die Männer, mordet die Kinder, mordet die Frauen, mordet jeden ,der jüdisch aussieht'". Die im 13. Jahrhundert erbaute Altneu-Synagoge in Prag.

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